Menschen aus Waldeck-Frankenberg sind schockiert und haben klare Forderungen

Reaktionen nach Anschlag in Hanau: „Alle müssen etwas tun“

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Trauernde halten bei einer Mahnwache auf dem Marktplatz in Hanau nach eigenen Angaben Fotos der Opfer. Auch Menschen in Waldeck-Frankenberg sindf fassungslos, verurteilen den Anschlag und stellen Forderungen an Politik und Gesellschaft.  

Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau mit elf Toten und mehreren Verletzten hat die WLZ mit Menschen in Waldeck-Frankenberg über die Tat gesprochen. Sie zeigten sich schockiert und haben klare Forderungen an Politik und Gesellschaft. 

Als Muhammet Balkan die ersten Meldungen zum Anschlag in Hanau hörte, war er geschockt. Gegenüber unserer Zeitung drückt der Vorsitzende der Türkisch Islamischen Gemeinde zu Korbach (DITIB) seine Trauer aus – unter den Todesopfern sind fünf türkische Staatsbürger, ein Rumäne und drei weitere Menschen mit Migrationshintergrund. „Wir sind alle fassungslos und verstehen nicht, dass so etwas in diesem Land heute immer noch passieren kann“, sagt er. Gleichzeitig betont der 42-Jährige, dass er den Anschlag nicht „mit dem deutschen Volk in Verbindung bringt“.

Muhammet Balkan

„Wir leben hier in Korbach schon seit vielen Jahren friedlich zusammen und gehen respektvoll miteinander um.“ Diese gegenseitige Akzeptanz sehe er auch im überwiegenden Teil der Gesellschaft. Gleichwohl erkenne er auch die Gefahr, dass Menschen mit rassistischen Ansichten heute viel eher zu schlimmen Taten bereit seien. Vor allem die Kommentare in den Sozialen Netzwerken, aber auch die Berichterstattung in den Medien trügen hierzu bei – vor allem deshalb, weil die AfD immer wieder vor Überfremdung warne.

Es sei aber keineswegs die AfD alleine, die schuld sei an einem sich verstärkenden Klima der Fremdenfeindlichkeit. Muhammet Balkan sieht auch die Politiker der anderen Parteien in der Verantwortung. „Es reicht nicht, wenn nach einem Anschlag wie dem in Hanau nur geredet wird. Wenn das Glas bereits zerbrochen ist, ist es zu spät. Man muss das Glas schützen“, sagt er und nennt ein Beispiel. „Die Politiker müssen sich noch viel stärker mit Menschen anderer Herkunft und anderen Glaubens austauschen und diese Begegnungen in die Öffentlichkeit tragen. Es müssen die positiven Dinge eines Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen herausgestellt werden, um Fremdenfeindlichkeit zu ersticken.“ Auch die Mitbürgerinnen und Mitbürger seien aufgefordert, daran mitzuwirken. „Alle müssen etwas tun“, sagt Muhammet Balkan.

Der Vorsitzende weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in einigen Tagen Dekanin Eva Brinke-Kriebel und Vertreter des Lions-Clubs die Türkisch Islamische Gemeinde zu Korbach besuchen, um sich auszutauschen. „Dieser Termin war schon länger geplant. Wir werden aber mit Blick auf die Opfer in Hanau auch gemeinsam beten“, sagt Balkan.

Am Freitagabend fand zudem eine Mahnwache vor der Kilianskirche in Korbach statt.

„Gesprächsfaden darf nicht abreißen“ - Heute Mahnwache in Bad Wildungen

Anfeindungen und Fremdenhass sind in Bad Wildungen eher die Ausnahme – das meint Wolfgang Ochs, der sich in der Flüchtlinshilfe ViA und als Sport-Coach engagiert. Gerade die jahrelange Vereinsarbeit habe dazu beitragen, Spannungen abzubauen oder gar nicht erst aufkommen zu lassen. 

Ein Vorfall bei einer multikulturellen Veranstaltung auf dem Kirchplatz indes hat den Wildunger sehr bewegt. Ein junger Farbiger sei respektlos von einem Passanten angegangen worden. „Ich habe mich dafür entschuldigt“, sagt Ochs. Der junge Mann – ein in Deutschland geborener Christ – habe geantwortet: „Das macht nichts, ich bin das gewohnt.“ 

VIA-Mitarbeiterin Ute Claßen verweist auch auf eine Somalierin, die in einer Kinderarztpraxis bedroht wurde (WLZ berichtete). Wachsamkeit im eigenen Umfeld hält sie für das Gebot der Stunde. Keinesfalls aber dürfe der Gesprächsfaden zu Andersdenkenden oder Protestwählern abreißen. 

Zum Gedenken an die Ermordeten in Hanau, als Zeichen gegen Hass und Hetze und für ein friedliches Zusammenleben hat Karsten Wittern aus eigener Initiative für den heutigen Samstag, 22. Februar, um 17 Uhr eine Mahnwache auf dem Bad Wildunger Postplatz organisiert und lädt zur Teilnahme ein.

„Die abscheulichsten Dinge im Internet“

Es sei erschütternd, dass solche Taten plötzlich in unserer Nähe geschehen, findet Rainer Horn. Der Korbacher war überrascht, dass auf den Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke und den Amoklauf in Halle ein weiterer Anschlag mit rechtsradikalem Hintergrund folgen konnte. „Wenn es in Hanau passiert, kann es überall passieren“, fürchtet er. 

Rainer Horn

„Was mich am meisten betroffen macht“, sagt der 63-Jährige, „ist, dass im Internet offenbar jeder die abscheulichsten, rassistischen Dinge von sich geben kann.“ Die Hemmschwelle im Netz sei für viele gering. Der mutmaßliche Täter von Hanau hatte vor dem Verbrechen ein Video mit Verschwörungstheorien im Internet veröffentlicht. Vor allem im Netz mangele es zunehmend an Achtung vor anderen Menschen und an Moral. Nun braucht es nach Ansicht von Rainer Horn mehr Aufklärung und Sicherheitsvorkehrungen. 

Das sieht auch Anja Holzkamp, Lehrerin aus Korbach, so. Im Internet gebe es offensichtlich zu wenige Grenzen. „Ich habe das Gefühl, dass Hass und Rassismus dort nicht beherrschbar sind.“ 

Anja Holzkamp

Als Lehrerin frage sie sich, wie Kindern der Umgang mit dem Internet adäquat vermittelt werden kann. Hier sieht sie viel Handlungsbedarf. „Außerdem beschäftigt es mich, dass man so einfach an Waffen kommen kann“, sagt Holzkamp. Der Täter von Hanau hatte Waffen besessen. 

Ganz andere Sorgen macht sich die 25-jährige Tabea Henkel aus Allendorf/Eder. „Mein Freund ist Afrikaner und lebt zurzeit in England“, verrät sie. 

Tabea Henkel

Die Fremdenfeindlichkeit habe in Deutschland in der Vergangenheit immer mehr zugenommen. Ob sie mit ihrem Freund in Zukunft in Deutschland leben wolle, wisse sie noch nicht. „In England gibt’s den Brexit, hier wird Rassismus immer mehr zum Problem, einfach ist es nicht“, sagt sie. 

Horst Schneider (67) aus Hatzfeld kritisiert vor allem, dass die führenden Politiker gar nicht mehr verstünden, wie sich die Menschen in Deutschland fühlten.

 „Der deutsche Staat muss sich Gedanken machen, es ist eine sehr schlimme Sache, die dort in Hanau passiert ist.“ 

Horst Schneider

Und weiter: „Die Politiker haben keinen Überblick mehr, sind nicht mehr bürgernah, es gibt von denen viel zu viele. Solche Taten wie in Hanau, die ich auf das Schärfste verurteile, resultieren auch aus einer schlechten Politik heraus."

Landrat Kubat: „Staat muss mit Härte gegen Terror vorgehen“

Auch Landrat Dr. Reinhard Kubat und Erster Kreisbeigeordneter Karl-Friedrich Frese verurteilen im Namen des Landkreises Waldeck-Frankenberg und seiner Bürgerinnen und Bürger zutiefst die rechtsextremistischen Gewalttaten in Hanau. 

„Unsere Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen, deren Leid wir nicht mildern können, aber denen wir nun durch unser Handeln zeigen müssen, dass die überwältigend große Mehrheit der Deutschen an ihrer Seite steht“, schreiben sie in einer Presseerklärung. 

Der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag auf die Synagoge in Halle und die Gräueltaten in Hanau zeigten die zunehmende Gewaltbereitschaft der rechtsextremen Szene. Man könne diese nicht länger als eine gesellschaftliche Randerscheinung abtun. Sie sei eine ernsthafte Bedrohung unser freiheitlich demokratischen Grundordnung und unseres Wertesystems. 

Landrat Dr. Reinhard Kubat

Neonazis spielten sich als Bewahrer von Traditionen auf, indem sie die Bundesfahne oder die Nationalhymne okkupierten. Das seien die wichtigsten Symbole unseres Staates und darauf könnten wir auch stolz sein. Wir dürften nicht zulassen, dass sie uns gestohlen und missbraucht werden. 

„Es geht den rechten Ideologen und Gewalttätern nicht um den Erhalt unserer Werte, sondern um deren Zerstörung und die Vernichtung von Toleranz, Vielfalt und Humanität“, so der Landrat. 

Als verwerflich bezeichnen Frese und Kubat, dass es der rechtsextremen Szene um kalkulierte und instrumentalisierte Gewalt gehe. Die Opfer seien zufällig, aber die Morde geplant, um Terror und Verunsicherung zu verbreiten und unsere Gesellschaft zu destabilisieren. Kubat und Frese fordern ein entschiedenes Handeln des Staates. Gegen den Terrorismus der RAF sei man kompromisslos vorgegangen. Der Staat stehe in der Pflicht, mit gleicher Härte gegen Terror von rechts vorzugehen.

Mitarbeit: Pascal Spindler

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