Karl-Preising-Schule des Bathildisheims: Inklusion ist mehr als Integration

Das Recht, anders sein zu dürfen

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Beim Sportunterricht können die Kinder auch toben. Fotos: Barbara Liese

Bad Arolsen - „Wir haben alles erreicht, wenn wir als Institution überflüssig geworden sind.“ Eberhard Eckhardt, Leiter der Karl-Preising-Schule, glaubt fest daran, dass die großen Hürden der Inklusion überwunden werden können.

„Die Vision der schnellen Umsetzung wird sicher noch lange unser Begleiter sein, aber trotz der Widerstände geben wir unser Ziel nicht auf.“

Schon am Eingang wird deutlich, dass die Karl-Preising-Schule eine besondere Schule ist. Viel Farbe, Blumen, Bilder, Kinder, die fröhlich auf den Gängen umherlaufen - hier scheint niemand unter Druck oder bekümmert zu sein. Im Sportunterricht toben Kinder, begleitet von ihrer Klassenlehrerin Gertrud Opper und zwei Assistentinnen. Die Kinder gehören mit einer emotionalen und sozialen Entwicklungsstörung zu der inzwischen zweitgrößten Gruppe der Schule. Die zehnjährige Leonie ist noch nicht lange dabei und gehört doch schon dazu. „Ich hab’ hier keinen Streit und kann kochen, backen und malen. Ich werde auch nicht geärgert. Nur schade, dass ich hier nicht reiten kann.“ Und ganz besonders freut sie sich, dass sie jetzt auch einen Platz in der Nachmittagsbetreuung hat. Janik steht gerne im Vordergrund und kann sich in der Turnhalle richtig austoben. „Das macht Spaß, guck mal, was ich alles kann.“ Sein Temperament ist kaum zu zügeln. Auch wenn die Klasse klein ist, Lehrer und Betreuer haben alle Hände voll zu tun jedem Kind gerecht zu werden. „Auch bei uns geht ohne Regeln nichts“, erklärt die Klassenlehrerin. „Das ist manchmal das größte Problem der Kinder, denn viele kennen keine Regeln, die für ein Zusammenleben notwendig sind.“

Wer bei behinderten Schülern der Karl-Preising-Schule nur an Rollstühle, Hörgeräte oder Spasmen denkt, liegt falsch. Fast einer halben Million Kinder und Jugendlicher in Deutschland wird sonderpädagogischer Förderbedarf bescheinigt. 75 Prozent dieser Kinder „mit Förderbedarf“ haben gravierende Probleme beim Lernen, mit der Sprache oder in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung. Es sind Kinder mit großem Störpotenzial und einem großen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Eine Entwicklung, die auch in der Bad Arolser Schule immer deutlicher wird.

Mit rund 480 Schülern ist die Karl-Preising-Schule mit vier Standorten Hessens größte Förderschule mit allen sonderpädagogischen Fachrichtungen, und von der Möglichkeit der Schulabschlüsse ist nur das Abitur ausgenommen. 116 Kinder sind im angeschlossenen Internat untergebracht. Seit kurzem gehört auch der neunjährige Sky-Mika dazu. Seinem Vater fällt der Entschluss, den Sohn aus den Händen zu geben, noch immer schwer. Der Gedanke an ein anderes Zuhause neben der Familie wird von den betroffenen Eltern oft jahrelang tabuisiert, manchmal sogar jahrzehntelang verdrängt. Ängste, Unsicherheiten, ambivalente Gefühle, Schuldgefühle und Pflichtgefühl lassen den Gedanken an ein weiteres Zuhause für das Kind „undenkbar“ erscheinen. Auch Sky- Mikas Vater musste mit rationalen Gründen die emotionalen Befindlichkeiten „besiegen“, um eine Entscheidung zu treffen, die den Alltag und das Leben aller Beteiligten gravierend verändert. Jetzt ist er froh, diesen Schritt gemacht zu haben. „Mein Sohn wird so gut betreut und gefördert. Er hat in kurzer Zeit schon große Fortschritte gemacht. Und außerdem haben die Betreuer im Internat auch immer Zeit für mich und meine Sorgen.“

Die Internatsgruppen spiegeln die Vielfalt der Schüler wider. Elf Kinder im Alter zwischen neun und achtzehn Jahren leben hier. Sie haben die unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Behinderungen. Vier Betreuer und eine Praktikantin sorgen nicht nur für einen reibungslosen Tagesablauf, sie sind auch für die Ängste und Nöte der Kinder da. Sky-Mika teilt sich ein Zimmer mit einem Freund und hat doch einen Platz ganz für sich allein. Diese Privatsphäre braucht er auch, denn er will malen, am liebsten Traktoren, und an seinem Laptop Schreiben üben.

„Es ist schon etwas Besonderes, hier zu arbeiten“, erzählt Eberhard Eckhardt. „Wir haben zu unseren Schülern sicher einen anderen Kontakt als an sogenannten normalen Schulen. Es wird viel gefordert, aber wir bekommen auch viel zurück. Den klaren Blick auf die Kinder verlieren wir aber nicht. Wir sind keine Ansammlung von ‚Gutmenschen‘, aber wir haben alle eine große sonderpädagogische Kompetenz. Diese Kompetenz auch in anderen Schulen einzubringen, ist und bleibt das Ziel.“

Auf die Kinder ausgerichtet

Das Ziel stellt niemand in Frage. Im Gegensatz zur Integration aber will die Inklusion nicht die Kinder den Bedingungen der Schule anpassen, sondern die Rahmenbedingungen an den Bedürfnissen und Besonderheiten der Kinder ausrichten. Aber die öffentlichen Schulen sind im Übergang, sie haben viel Nachholbedarf, die unterrichtlichen und schulischen Prozesse im Sinne einer inklusiven Pädagogik weiterzuentwickeln. In dieser Übergangsphase wird es eine Reihe von Verwerfungen geben. Der Weg ist lang, und so schnell, wie es sich das Kollegium der Karl-Preising-Schule wünscht, wird diese Schule nicht überflüssig werden.

„Bisher war es wichtig, dass jeder, der anders ist, die gleichen Rechte hat. In Zukunft wird es wichtig sein, dass jeder das gleiche Recht hat, anders zu sein“, sagte Willem De Klerk, Friedensnobelpreisträger und ehemaliger Vizepräsident von Südafrika.

Sky-Mika, Janik und Leonie werden dies vielleicht erleben. Jetzt aber freuen sich alle erst einmal auf die ganz nahe Zukunft: fröhliche Weihnachten.

Von Barbara Liese

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