Interview: Notarzt Dr. Michael Tübben über die Herausforderungen seiner Arbeit

Rettungsgasse, Schaulustige, Gewalt: Das erleben Rettungskräfte im Einsatz

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Chefarzt und Leitender Notarzt: Dr. Michael Tübben ist Chefarzt für Anästhesie am Krankenhaus Korbach und seit vergangener Woche Leitender Notarzt in Waldeck-Frankenberg.

Waldeck-Frankenberg. Dr. Michael Tübben, Chefarzt der Anästhesie am Korbacher Krankenhaus, ist zu einem der Leitenden Notärzte im Landkreis ernannt worden. Seit Jahren schon arbeitet der 46-Jährige als Rettungsmediziner. Wir sprachen mit ihm über Gewalt gegen Rettungskräfte, Schaulustige und darüber, wie man mit der seelischen Belastung durch die Einsätze umgeht.

Herr Dr. Tübben, immer wieder kommt es zu Gewalt gegenüber Rettungskräften. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Dr. Michael Tübben: Mir selbst ist – außer mal Anpöbeln, Schubsen oder vor die Füße spucken – noch nicht so viel passiert. Was aber regelhaft ist, ist verbale Gewalt mit Kraftwörtern und Beschimpfungen. Generell gibt es dazu ganz wenige harte Daten, weil Gewalt keine eindeutige Definition hat. Die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen beispielsweise hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der beschrieben wird, dass rund 98 Prozent der Mitarbeiter im Rettungsdienst pro Jahr einmal ein Erlebnis mit Gewalt gegen sich selbst hatten.

Wer übt Gewalt gegen Rettungskräfte aus?

Tübben: Laut dieser Untersuchungen sind dies überwiegend junge, alkoholisierte Männer zwischen 20 und 39 Jahren. Mit Migrationshintergrund habe das nichts zu tun, die Deutschen seien meist aggressiver. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Sie waren bereits im Westerwaldkreis und in Koblenz als Notarzt tätig, nun in Waldeck-Frankenberg. Welche Unterschiede gibt es?

Tübben: Im städtischen Bereich gibt es deutlich mehr Gewalt. In Koblenz beispielsweise gibt es Ecken, wo viele Drogen umgeschlagen werden. Ist dort ein Einsatz, haben allein schon die umstehenden Menschen eine Grundaggression durch den Drogengebrauch. Das ist schon auffällig und für die Einsatzkräfte durchaus bedrohlich. Wir haben dort auch Prallschutzwesten unter der Dienstkleidung getragen.

Hier ist das anders?

Tübben: Ich habe bei meinen Einsätzen hier relativ wenige gewaltbereite Menschen getroffen. Was wir wohl antreffen, sind alkoholisierte Menschen. Das ist nicht nur bei Festivals wie dem Hessentag oder den vielen Partys in Willingen der Fall, sondern auch in Korbach in der Kneipe. Man wird auch mal angepöbelt, aber mit einer ruhigen und ausgleichenden Art fährt man ganz gut.

Die Einsatzkräfte der Hilfsorganisationen für den Rettungsdienst sind im Allgemeinen relativ schlecht durch Anti-Aggressionstrainings vorbereitet, anders als bei Polizei und Teilen der Feuerwehren. Ich meine das ist der einzig richtige Weg: Gezielte Ausbildung in verbaler und nonverbaler Verteidigung. Das Ausbildungsangebot ist leider noch recht spärlich.

Immer wieder ging es in den vergangenen Monaten in den sozialen Medien, in Radio und Fernsehen darum, nach Unfällen Rettungsgassen zu bilden.

Tübben: Da kann man den Medien nur danken, das war vor fünf Jahren noch gar kein Thema. Und es hilft – die Leute wissen jetzt, wo sie hinfahren sollen.

Hatten Sie schon Einsätze, bei denen Sie an der Durchfahrt gehindert wurden?

Tübben: Ja, das ist Alltag. Auch auf der Autobahn, wo wir schon mal aussteigen mussten, um den Leuten zu sagen, dass sie zur Seite fahren sollen. Es ist uns auch schon passiert, dass wir einen Spiegel „abrasiert“ haben, weil es sehr eng war.

Rettungsgassen sind aber nicht nur eine Sache für Autobahnen und größere Landstraßen. Auch hier vor Ort sollten sie Anwendung finden. Auf der Landstraße oder in der Stadt gibt es aber keinen Standstreifen, das macht es schwieriger. Man muss dann mit Sondersignal die Sonder- und Wegerechte in Anspruch nehmen. Und diese Fahrten sind nicht nur für die Fahrer der Rettungsfahrzeuge, sondern für alle Verkehrsteilnehmer ein großer Stress.

Ein weiteres Ärgernis für Rettungskräfte sind Schaulustige, die die Arbeit beobachten und vielleicht sogar filmen. Wie gehen Sie mit diesen Personen um?

Tübben: Das betrifft sowohl Unfallorte, als auch heimische Situationen. Es passiert uns immer wieder, dass Angehörige und Freunde ihr Smartphone zücken und uns sowie die Patienten filmen. Werden wir mit abgelichtet, weisen wir darauf hin, dass das Smartphone weggelegt werden soll.

Es gibt sehr viel Voyeurismus bei den Menschen. Wir wollen wissen, warum liegt das Auto im Graben und was macht die Feuerwehr gerade. An Unfallstellen melden wir so etwas der Polizei, die uns sehr gut unterstützt.

Standen Ihnen schon einmal Schaulustige so sehr im Weg, dass Sie Ihre Arbeit nur eingeschränkt ausüben konnten?

Tübben: Sagen wir so: Ich habe schon Leute aus dem Rettungswagen geschickt, weil sie mich bei der Arbeit behindert haben. Unfallstellen werden mittlerweile recht schnell abgesichert.

Größere Einsätze mit Verletzten oder sogar Todesfällen sind eine psychische Belastung. Wie verarbeitet man das?

Tübben: Wir haben – egal ob als Arzt oder Pfleger im Krankenhaus oder eben im Rettungsdienst – immer wieder besondere Situationen, die einem nahe gehen. Da kann man sich nicht vor schützen und sich nicht drauf vorbereiten. Meist sind es Geschehnisse mit Kindern, die einem nahe gehen oder mit gerade 18-Jährigen, die tödlich verunglückt sind. Manches Mal trauert man vor Ort mit, wenn man merkt, dass es für Angehörige sehr plötzlich und unerwartet kam.

Da muss jeder individuell mit umgehen. Rein theoretisch kann man das trainieren, aber weder im Studium, noch in der Facharzt- oder Notarztausbildung ist das ein so großes Thema. Es ist vielleicht ein Vorteil der längeren Arbeit: Man lernt, damit umzugehen.

Setzt man sich bei besonders tragischen Fällen nachher zusammen und spricht darüber?

Tübben: Wenn man als Notarzt „nur“ eine Todesfeststellung macht, spricht man nicht darüber. Trotzdem hat man anschließend vielleicht Bilder im Kopf, die man nie vergisst. Auch ich habe mehrere Situationen, die ich detailreich abbilden könnte. Es gibt natürlich auch viele Fälle, beispielsweise kürzlich beim schweren Motorradunfall in Dorfitter, da machen wir hinterher ein sogenanntes De-Briefing mit allen Beteiligten.

Wir besprechen nach, wie es gelaufen ist, und zwar von Anfang an. Jeder kann freiwillig teilnehmen und jeder bekommt dort die Chance, über den Fall zu berichten. Dabei geht es darum, zu lernen und zu erwachsen. Das hilft ungemein, schafft Transparenz und fördert die interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Beim Einsatz selbst funktioniert man einfach nur?

Tübben: Funktionieren ist vielleicht nicht das richtige Wort, man ist fokussiert auf seine Arbeit und sehr konzentriert. Man steht unter Strom und weiß, dass man die medizinische Verantwortung trägt.

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