Leserreise an die Seidenstraße, Teil 2

Samarkand - Die Märchenstadt aus 1001 Nacht

Samarkand - Den „Mythos Seidenstraße“ entdecken WLZ-FZ-Leser derzeit bei einer einwöchigen Reise nach Usbekistan. Mit dabei ist Chefredakteur Jörg Kleine, der von einer weiteren Etappe berichtet: Samarkand, das mittelasiatische Herz aus 1001 Nacht.

Von Jörg Kleine

Die Amire, Emire, also Herrscher der vielen Reiche in der mittelasiatischen Geschichte, waren oft grausam. Einer dieser Könige ließ seine Frauen stets nach der ersten Nacht töten, weil der Herrscher der Meinung war, alle Frauen seien untreu. Da gab ihm ein weiser und mutiger Wesir seine Tochter zur Frau – und sie erzählte ihm die sagenhaftesten Geschichten. So wurde die schlaue Erzählerin Scheherazade verschont und erlöste die Frauen von ihrem grausamen Schicksal.

In der Oasenstadt Samarkand wurden die Geschichten aus 1001 Nacht geboren, und schon Alexander der Große soll vor über 2300 Jahren von der Schönheit und Exotik der Stadt ergriffen gewesen sein, als das Heer unter dem mächtigen griechisch-makedonischen Eroberer bis an die Ausläufer des gigantischen Pamir-Gebirges vorgestoßen waren.

Nicht viel kleiner war das Reich von „Tamerlan“, dem hinkenden, lahmen Herrscher Timur Lenk, der Ende des 14. Jahrhunderts von Samarkand aus sein Machtgebiet von Kasachstan und den Grenzen Chinas im Norden und Osten bis nach Konstantinopel im Westen, Mesopotamien und die arabische Halbinsel im Süden ausdehnte – mit einer Grausamkeit, die den Einfall der Mongolen zuvor noch übertraf.

In seinen bevorzugten Städten aber ließ er prachtvolle Bauten errichten, die dem immer wieder zerstörten Samarkand noch größeren Glanz verliehen als je zuvor. Baumeister und Gelehrte aus aller Herren Länder hatte er dafür in die Pflicht genommen. Zu den Bauwerken gehörte die Bibi-Chanim-Moschee, die Timur Lenk für seine erste und liebste Frau Bibi Chanim erbauen ließ. Von 1399 bis 1404 entstand das glanzvolle Bauwerk mit 34 Meter hohem Tor, 36 Meter hoher Moschee-Kuppel und späterem Mausoleum (Grabmal) für Bibi Chanim. In aller Eile wurde die Moschee errichtet, mit prächtigen Mosaik-, Terracotta- und Majolika-Kacheln versehen ­– ein leuchtender Traum aus majestätischem Blau mit Mustern aus Türkis, Gelb, Rot und Grün.

Timur ahnte wohl insgeheim, dass auch ihm alsbald das Ende drohte. Denn kaum war die Moschee fertig, da starb er 1405 auf einem Winterfeldzug nach China, wo er das späte Erbe des mongolischen Eroberers Dschingis Khans antreten wollte. Aber sein Enkel Ulug’bek sollte als Herrscher von 1409 bis 1449 das Reich fortführen ­ – weniger grausam, dafür der Kunst und der Wissenschaft zugewandt, vor allem der Astronomie. Auf dem „Registan“, dem Sandplatz, in Samarkand entstand Ulug’beks prachtvolle Medrese (Koranschule), die im 17. Jahrhunderts durch zwei weitere sehr ähnliche Medresen ergänzt wurden: die Scherdor-Medrese, mit „löwentragenden“ Ornamenten am mächtigen Eingangstor, und die „goldbedeckte“ Tillakori-Medrese. Gemeinsam formen sie bis heute den sagenhaften Registan, von berühmten Reisenden über Jahrhunderte als der schönste Platz der Welt gepriesen. Registan und viele weitere Bauwerke in Samarkand sind als Unesco-Welterbe von den Vereinten Nationen geschützt.

An den Medresen und Mausoleen harren oft Mullahs, die pilgernden Usbeken oder islamischen Besuchern aus aller Welt mit Suren aus dem Koran ihren Segen geben. In den weiten Innenhöfen dominieren hingegen Kunsthandwerker und Händler, die ihre Waren anbieten – von Holzschnitzereien, Bildern und seidenen Tüchern bis zu kleinen Souvenirs.

Das pralle Leben in der fast 400.000 Einwohner zählenden Stadt Samarkand herrscht derweil auf den Basaren, wie unterhalb der Bibi-Chanim-Moschee. Hier gibt es Seide in allen Mustern, Obst in allen Farben und Formen, es riecht nach frischem Brot und exotischen Gewürzen, überall wird probiert, gefeilscht und gekauft.

Die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen ist überwältigend. Mit wenigen Brocken Englisch, Französisch oder Deutsch kommt sofort ein Gespräch zustande. Denn Sprachbarrieren gibt es in diesem Vielvölkerstaat nicht, in dem die usbekische, tadschikische, russische und mitunter koreanische Sprache gleichermaßen zum Alltag gehören. Wenn es bei den Besuchern aus Europa mit Worten nicht klappt, dann geht’s zumindest mit Gestik, Händen und freundlichen Blicken. Und das alles wird sofort auf Fotos festgehalten: Sobald pilgernde Usbeken aus dem Osten, Karakalpaken aus dem Westen oder Tadschiken den Besuchern aus Europa begegnen, dann gibt es strahlende, neugierige Begrüßungen und immer wieder digitale Bilder fürs Familienalbum.

Nach einem überwältigendem Tag voller exotischer Eindrücke geht es für die „Pilger“ aus Waldeck-Frankenberg von Samarkand aus in den nächsten Tagen weiter auf der alten Seidenstraße in die Oasenstädte Buchara und Chiwa.

Alle Etappen der Leserreise finden Sie hier:

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