Serie: Die Arbeit der Polizei in Waldeck-Frankenberg

"Die Gewalt hört nicht von alleine auf"

Kümmert sich um die Bereiche Häusliche Gewalt und Stalking: Simone Feußner, Polizeioberkommissarin bei der Polizei in Bad Wildungen, koordiniert das Gebiet der Häuslichen Gewalt für die Polizei im Landkreis. 

Bad Wildungen. Der Mann, so stellte sich heraus, war mit der Haushaltsführung seiner Frau nicht zufrieden. Deshalb gab es eine körperliche Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar, die Frau stürzte schließlich über den Staubsauger. Beide haben sich gegenseitig angezeigt. Fälle wie dieser aktuelle sind es, mit denen sich Polizeioberkommissarin Simone Feußner tagtäglich beschäftigt.

Die 48-Jährige koordiniert im Landkreis die Arbeit der Polizei, wenn es um Häusliche Gewalt geht.

Wird in der Wohnung geschrien, klirrt Geschirr, ist Möbelrücken zu hören, rufen Nachbarn häufig die Polizei. Die Kollegen, die dann kommen, teilen sich auf: Einer kümmert sich um den Mann, einer um die Frau und gegebenenfalls die Kinder, und zwar in getrennten Zimmern. So soll erst einmal Ruhe einkehren. Meistens funktioniert das, doch manches Mal sind Polizisten auch schon angegriffen worden – oder das Paar hat sich plötzlich gegen die Polizei verbündet, berichtet Simone Feußner.

Wie auch immer die Situation vor Ort ausgeht: Der Fall landet in jedem Fall auf dem Schreibtisch der Oberkommissarin. Sie ruft die Betroffenen – in aller Regel Frauen – an und vereinbart einen Gesprächstermin. Dann steht ein ausführliches Gespräch an: Wie lange ist das Paar verheiratet? Wie viele Kinder gibt es? Gab es schon früher Gewalt, auch gegen die Kinder? Will die Frau die Trennung? Stück für Stück setzt Simone Feußner so die Geschichte zusammen, rät zum Besuch einer Beratungsstelle und informiert über Hilfseinrichtungen. „Die Gewalt hört nicht von alleine auf. Den Zahn muss ich vielen erst einmal ziehen“, sagt Feußner. Mit allen wichtigen Organisationen und Einrichtungen – Jugendamt, Frauenhaus, Beratungsstellen – steht Feußner stets in Kontakt, tauscht sich aus.

Gemeinsam mit den Betroffenen bespricht sie mögliche Lösungen des Problems. Doch auch schon die Beamten, die zum Einsatz gerufen werden, können aktiv werden. So können die Polizisten beispielsweise für maximal 14 Tage einen Wohnungsverweis aussprechen. Der Schlüssel werde dem Verwiesenen dann gleich abgenommen.

Bis es soweit kommt, sagt Feußner, ist es oft ein schleichender Prozess, der mit Kontrolle anfängt und über Beleidigungen bis zu körperlicher Gewalt führt. Quer durch alle sozialen Schichten und Nationalitäten ziehe sich Häusliche Gewalt. Täter seien gelegentlich auch Frauen. Dann gehe es meist um Psychoterror, nicht um körperliche Auseinandersetzungen.

Wichtig sei vor allem eines: Man sollte sein Leiden nicht unter den Teppich kehren, sondern unbedingt Hilfe suchen, rät sie. Denn noch immer gibt es eine hohe Dunkelziffer bei Häuslicher Gewalt.

Schwierig sind solche Fälle auch für die Polizisten. Mit der Zeit lerne man, damit umzugehen. „Man muss einen Schnitt machen, wenn man nach Hause geht.“

142 Fälle im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Waldeck-Frankenberg 142 Fälle von Häuslicher Gewalt, im Jahr zuvor waren es noch 151. Im Vergleich der vergangenen zehn Jahre lag die Fallzahl 2010 am höchsten: Damals gab es 201 registrierte Fälle.

Weil sich viele Betroffene scheuen, Anzeige gegen den Täter zu erstatten, wird seit 2002 von Amts wegen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

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