Waldeck-Frankenberg

Sieben Jahre Haft für den Chorherrn

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- Kassel / Fritzlar. Gestern musste sich Bruder M. unter seinem bürgerlichen Namen Hans-Jörg L. vor der fünften Strafkammer des Landgerichts Kassel verantworten – weil er zwischen 1992 und 2003 Jungen im Alter von etwa 9 bis 15 Jahren missbraucht hat. Staatsanwältin Röde plädierte für sieben Jahre Haft. Das Gericht folgte diesem Antrag in vollem Umfang.

Ohne Geständnis „hätten das leicht acht, neun oder zehn Jahre werden können“, schloss Vorsitzender Richter Stanoschek.155 Mal; soweit es sich um nicht verjährte Taten handelt, verging er sich an den Jungen. „Die Spitze des Eisberges“, wie Staatsanwältin Röde betonte. Sechs Kinder traf es, die inzwischen erwachsen sind. Nur einer dieser Betroffenen hat sich mit der Missbrauchsbeauftragten Meike Schoeler in Verbindung gesetzt, die der Prämonstratenser-Orden kurz nach dem Öffentlichwerden der Verbrechen im Mai 2010 einsetzte. „Sie schämen sich“, erklärte die Fritzlarer Rechtsanwältin am Rande der Verhandlung. Die massiven Übergriffe des Chorherren und geweihten Priesters Bruder M. wirken bei den Opfern bis heute schwer nach, verdeutlichte eine Kripo-Beamtin in ihrer Zeugenaussage. „Panische Angst“ hat die Staatsanwältin bei den Opfern festgestellt; panische Angst davor, öffentlich aussagen zu müssen; panische Angst davor, dass alles wieder aufgewühlt wird. Wenigstens das hat ihnen ihr früherer Priester und Jugendarbeiter erspart, weil er die Vorwürfe von der ersten Vernehmung an einräumte. Dem Angeklagten sind viele Talente gegeben. „Sie waren sicher eine große Bereicherung für die Gemeinde, abgesehen von den Straftaten“, meinte Vorsitzender Richter Stanoschek. Hans-Jörg L. verstand sich auf Basteln, Werken, Singen, auf darstellendes Spiel und – er konnte zuhören. So wurde der heute 50-Jährige mit seinen pädophilen Neigungen zur absoluten Vertrauensperson. „Ein Mensch, dem die Kinder mehr erzählten als ihren Eltern“, unterstrich Staatsanwältin Röde. Als gelernter Sozialpädagoge und Erzieher baute er seit seiner Ankunft 1989 in Fritzlar die Jugendarbeit der katholischen Kirchengemeinde auf, organisierte Freizeit-, Ferien- und Sportprogramm, richtete in der „Drachenburg“ - dem Wohnhaus der Ordensleute - mit der Jugendgruppe einen Rittersaal ein, wurde nach seiner Priesterweihe 1994 ihr Beichtvater und betreute über die gesamte Zeit bis zu seiner Festnahme die Messdiener. Die Gruppe der Ministranten mit Bruder M., das war „ein enger Zirkel, nach außen sehr abgeschottet“, stellte Vorsitzender Richter Stanoschek fest. Unter den Messdienern wählte er seine Opfer aus. Jungen, die Halt suchten, etwa weil die Eltern in Scheidung lebten, weil die Mutter früh gestorben war oder es andere Probleme in der Familie gab. Die von ihm Gepeinigten sprechen in der Rückschau über Bruder M. als Ersatzmutter oder Vaterfigur. „Was er sagte, war Gesetz. Was er forderte, wurde befolgt“, fasste es die Staatsanwältin zusammen.

Mehr in der WLZ-FZ-Zeitungsausgabe vom 26. November.

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