WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Stacheldraht erinnert an Grenzöffnung

- Bad Arolsen. Der ungewöhnlichste Sonntagsausflug der Arolser Familien Stracke führte an DDR-Demarkationslinie. 20 Jahre alt sind die Fotos, die Henning Stracke aus Bad Arolsen der WLZ präsentiert: Sie zeigen, wie er und seine Familie am Sonntag, 12. November, Stücke aus der damaligen Grenze der DDR zu Westdeutschland herausschneiden.

Neben dem Gefühl des Triumphes über die verbohrten SED-Kader in Ostberlin herrschte bei den meisten. DDR-Bürgern Euphorie: Endlich durften sie kurzfristig und ohne Formalitäten die Grenze zum Ausland und damit – nach DDR-Lesart – auch zur Bundesrepublik Deutschland überqueren und den zusammenbrechenden Arbeiter- und Bauernstaat verlassen.

Die Momente des Glücksgefühls bei den Fahrern in den DDR-Trabant-Kolonnen gen Westen und unbeschwerte Heiterkeit in den Gesichtern junger Grenzsoldaten niedrigerer Ränge hat der Arolser Optikermeister Henning Stracke bei einem Spontanbesuch an der DDR-Grenze auf seinen Bildern eingefangen. Eindrücke, die ihm unvergessen geblieben sind.

„Es war abenteuerlich, wie wir zu der Grenzanlage gekommen sind“, schildert Stracke den wohl außergewöhnlichsten Sonntagsausflug, den er und seine Frau Roswitha, sein Bruder Hans mit dessen Frau Deike und Sohn Ulf unternommen hatten. Irgendwie sind sie über einen unbefestigten Feldweg im offenen Gelände zu dem Metallgitterzaun bei Witzenhausen gekommen. Dort hatten Grenzer bereits ein Tor zum Westen geöffnet. Bis dato war die 28 Jahre vorher angelegte Anlage ohne Lebensgefahr nicht zu überwinden. Selbstschussanlagen und Minengürtel machten jeden Fluchtversuch zu einem Himmelfahrtskommando, und wer sich auf den Todesstreifen wagte, riskierte es, hinterrücks von Soldaten der DDR-Grenztruppen erschossen zu werden. Ohne viel Federlesens waren auf diese Weise oder durch Explosion von Minen rund 1000 Menschen am so genannten „antifaschistischen Schutzwall“ der DDR gegen die vermeintlich imperialistische „BRD“ umgebracht worden.

Das Bedrohliche hatte die Grenze seit dem 9. November verloren, als sie bedingungslos geöffnet wurde. Auch die Strackes nutzten die Gelegenheit, die Demarkationslinie endlich an der Stelle zu überschreiten, an der sie schon als Jugendliche sehnsüchtig „nach drüben“ geschaut hatten.

Als Angehörige des Pfadfinderbundes Großer Jäger waren sie oft auf der Jugendburg Ludwigstein bei Witzenhausen. Von dort aus konnten sie über die Grenze hinweg zur Burgruine Hanstein hinüberblicken. Lange dauerte es, bis sie endlich auch bis an die jahrzehntelang so unnahbare Burg herankamen.

In bester Stimmung näherten sich die Arolser dem Grenzzaun, und mit gelösten Mienen standen die jungen Grenzsoldaten am weit geöffneten Tor. Die Offiziere hätten sich in die Kaserne zurückgezogen und verständen die Welt nicht mehr, erinnert sich Henning Stracke an die Erklärungen der Soldaten. Ohne Einwände ließen sie die Arolser mit dem Seitenschneider Stücke aus dem Zaun herausschneiden. Diese liegen immer noch zu Hause in Arolsen und erinnern dort an die einstige Grenzanlage.

Mit den jungen Ostdeutschen hatten die Strackes Adressen ausgetauscht. Für einen Soldaten, der als Polsterer ausgebildet war, vermittelten sie einen Praktikumsplatz bei einem Waldecker Handwerksbetrieb und eine Weiterbildungsmöglichkeit ebenfalls in der Region.

Über einen Freund aus Kassel bekam Henning Stracke zudem Kontakt zu einem Optiker in Gotha. Sie besuchten sich gegenseitig, und Stracke lieferte dem ostdeutschen Kollegen nicht mehr benötigte Einrichtungsgegenstände aus seinem Geschäft, die der Mann in Thüringen gut in seinem Laden gebrauchen konnte. Mit dem Schild „Hurra, die Hessen kommen“, hieß der Ostdeutsche die neuen Bekannten aus dem Westen willkommen.

Ulf Stracke war als Wehrpflichtiger seinerzeit bei der Bundeswehr. Durch die Kontakte zu den jungen Kameraden der einst feindlichen Nationalen Volksarmee auf DDR-Seite bekam er kurze Zeit nach der Grenzöffnung eine Einladung zu einer denkwürdigen Fete nach Apolda: Dort hatte eine Einheit der Grenztruppen ihre Auflösung ordentlich begossen, sogar ein Schwein aus einem nahegelegenen Mastbetrieb wurde für diese Fete geschlachtet.

Wenn auch die Kontakte irgendwann im Sande verliefen, so sind doch die Erinnerungen an diesen Glücksfall der deutschen Geschichte geblieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare