Nicole Floßbach ist als Tagesmutter Tag und Nacht im Einsatz

Der tägliche 24-Stunden-Job

+
Tagesmutter Nicole Floßbach aus Lichtenfels-Sachsenberg mit den Tagespflegekindern Anna Lena (l.) und Emily, Tagespflege, Kindertagespflege

Lichtenfels-Sachsenberg - Etwa 90 Menschen im Landkreis arbeiten als Tagesmutter- oder vater. Die Sachsenbergerin Nicole Floßbach ist eine von ihnen. Ein Beruf, der vor allem Flexibilität erfordert.

Die eigenen vier Wände: Rückzugsraum und Ort der Privatsphäre. Für Nicole Floßbach ist es für bis zu 24 Stunden am Tag gleichzeitig auch der Arbeitsplatz - und ihre „Kunden“ nehmen nicht viel Rücksicht auf Privatsphäre. Sie sind neugierig und gerne auch mal laut. Es kann auch vorkommen, dass sie den Inhalt eines Mülleimers erforschen. Nicole Floßbach ist Tagesmutter. In ihrem Haus in der Neuen Siedlung in Sachsenberg betreut sie neben ihren eigenen drei Kindern auch den Nachwuchs fremder Eltern.

Mehrere Generationen in einem Haus und eine Oma, die die Kinder umsorgt - das ist eher selten geworden. Viele Mütter und Väter wollen nach der Geburt des Sprösslings gerne wieder arbeiten - oder müssen es, weil sie alleinerziehend sind. Wenn dann im Kindergarten die Öffnungszeiten nicht passen oder das Baby nicht in die Krippe soll, bieten Tagesmütter und manche -väter ihre Arbeit an.

Nicole Floßbach betreut seit 2012 Mädchen und Jungen - vom Säugling bis zum Schulkind. Darauf gekommen ist sie, weil sie ihren sechsjährigen Sohn Elias selbst einer Tagesmutter anvertraute. Die 42-jährige Sachsenbergerin arbeitete als Rettungsassistentin in Frankenberg. Unregelmäßige Arbeitszeiten, lange Dienste und die tägliche Ungewissheit, was passiert, gehören zu diesem Beruf dazu - genau das reizt sie und das bietet ihr der Job als Tagesmutter auch. Dazu kommt ihr Interesse, mit Kindern zu arbeiten und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen. „Erziehung wird einer Frau nicht in die Wiege gelegt“, weiß Nicole Floßbach. Also hat sie sich als werdende Mutter in die Themen Erziehung und Pädagogik eingelesen, Interesse daran gefunden und die Qualifikation zur Tagesmutter absolviert (siehe weiterer Text).

„Ihr kriegt das Zimmer schon auf den Kopf gestellt“, sagt sie und lacht. Die Tagespflegekinder Anna Lena und Emily sowie Nicole Floßbachs zehn Monate junge Tochter Fia wissen sich im Spielzimmer zu beschäftigen. Die Errichtung des Zimmers war einer der ersten Schritte hin zur Tagesmutter. Als sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Nick für ein zweites Kind entschieden hatte - Twina ist mittlerweile drei Jahre alt - sollte das Haus ausgebaut werden. Und so entstand direkt neben der Küche das Spielzimmer für die Kinder.

Wer als Tagesmutter zu Hause tätig ist, der kann am Feierabend nicht so einfach den Beruf ausblenden. „Privates und Beruf vermischen sich sehr“, erklärt die 42-Jährige. Ihr Ehemann müsse damit klar kommen, dass ihn nach der Arbeit eben nicht nur die eigenen Kinder zu Hause empfangen. „Das erfordert Toleranz.“ Doch dessen seien sie sich vorher bewusst gewesen. Und während der Arbeit muss der ganz normale Haushalt ja auch erledigt werden.

Einen Alltag im eigentlichen Sinne gibt es im Leben von Nicole Floßbach nur selten: „Es gibt keinen festgelegten Tagesablauf. Muss ein Kind in die Schule oder den Kindergarten gebracht werden? Frühstücken wir gemeinsam?“ Jeden Abend plant sie den nächsten Tag durch. Denn die Eltern haben individuelle Wünsche, häufig vertrauen sie ihr Kind zum ersten Mal einer fremden Person an. Deshalb ist das Gespräch mit ihnen für die Tagesmutter besonders wichtig.

„Die Arbeit hat so viele Formen, Facetten und Farben. Kein Tag ist gleich.“

Flexibilität soll einer der großen Pluspunkte sein. Und so nimmt Nicole Floßbach auch Kinder über Nacht bei sich auf. Als einmal ein Kind nach dem anderen mit Magen-Darm-Problemen zu kämpfen hatte, war eine abwechslungsreiche und weitestgehend schlaflose Nacht garantiert. „Man muss Stress kompensieren können. Wenn man die Arbeit nicht mag, kommt man an die Grenze der Gelassenheit. Und dann ist man ein schlechtes Vorbild für die Kinder.“ Wichtig sei es, sich Freiräume zu schaffen und diese auch zu nutzen - zum Beispiel an Wochenenden oder in ruhigeren Momenten.

Mit den Kindern liest sie und baut Türmchen, sie kocht und tanzt mit ihnen oder hilft bei den Hausaufgaben. „Die Arbeit hat so viele Formen, Facetten und Farben. Kein Tag ist gleich“, nennt Nicole Floßbach das, was sie an ihrem Beruf so fasziniert. Als Ersatz für die Kita sieht sie Tagesmütter nicht: „Ein Kindergarten hat noch einmal andere Möglichkeiten. Die Kinder lernen dort auch mit vielen anderen Menschen umzugehen.“

Zu ihrem Beruf gehört auch der Einblick in eigentlich private Angelegenheiten eigentlich fremder Menschen - zum Beispiel, wenn es um Trennung oder einen Krankheitsfall geht. „Man braucht viel Empathie und Toleranz“, sagt Nicole Floßbach - und das am besten 24 Stunden am Tag.

Hintergrund

In Waldeck-Frankenberg gibt es derzeit rund 90 Tagespflegepersonen, in der großen Mehrzahl sind dies Tagesmütter. Das sagt Monika Padberg-Koert. Sie ist beim Fachdienst Jugend des Landkreises für den Bereich der Kindertagespflege zuständig. Die Zahl der Tagespflegemütter und -väter sei weitestgehend gleichbleibend, auch wenn es immer Fluktuation gebe. „Häufig arbeiten Frauen als Tagesmutter, die selbst gerade ein Kind bekommen haben. Sie hören dann irgendwann wieder auf. Es gibt aber auch viele, die das seit vielen Jahren machen“, erklärt Monika Padberg-Koert.

Auch wenn 90 Tagespflegepersonen nach viel klingt, „wir sind immer froh, wenn neue Tagesmütter hinzukommen“. Denn Eltern suchen in der Regel Personal am eigenen Wohnort oder auf dem Arbeitsweg. „Und der Landkreis ist flächenmäßig einfach wahnsinnig groß“, weiß Padberg-Koert. Daher ist sie froh, dass sich bislang mehr als 15 Frauen für die neue Qualifizierung, die im März beginnt, angemeldet haben. Diese Grundqualifikation umfasst fortan 160 Unterrichtsstunden.

Von Tobias Treude

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare