WLZ-FZ-Leser unterwegs auf der Seidenstraße, Teil 1

Taschkent: Usbekistans boomende Metropole

Korbach/Taschkent - Den „Mythos Seidenstraße“ entdecken WLZ-FZ-Leser derzeit bei einer einwöchigen Reise nach Usbekistan. Mit dabei ist Chefredakteur Jörg Kleine, der von der ersten Etappe berichtet – von der Hauptstadt Taschkent in die sagenumwobene Oasenstadt Samarkand.

Quer durch Europa, über den Balkan hinweg und die derzeit politisch umkämpfte Halbinsel Krim am Schwarzen Meer, fliegen wir über das Kaspische Meer, den Aralsee, die ausgedehnte usbekische Wüste Kizilkum in die Hauptstadt Taschkent im Herzen Mittelasiens. Rund sechs Stunden dauerte der Flug, als der Kapitän den Airbus A 319 sanft auf dem Flughafen in der usbekischen Hauptstadt aufsetzt. Die Anreise war fast reibungslos, wenn nicht ausgerechnet das deutsche Personal auf dem Flughafen in München gestreikt hätte. Also wurde die Maschine kurzerhand vom Startplatz Paderborn zur Zwischenlandung in Nürnberg beordert, wo dann morgens gegen 7 Uhr nach und nach die weiteren Fluggäste aus München einchecken. Anderthalb Stunden Verspätung sind die Folge, die dann noch ein wenig ausgedehnt werden, als die Passagiere in Taschkent all die Visa- und Zollformalitäten hinter sich bringen müssen. So kurz vor der Europawahl wird hier, in Mittelasien, deutlich, welch Vorteil doch die Europäische Union ohne Grenzen und Schranken hat.

Egal, die Beamten am Flughafen sind freundlich und geduldig, und vor der Halle empfängt uns Reiseleiter Muzaffar Khodjayev, der für alle Unbilden zuvor mit seiner Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft mehr als entschädigt – auch für den Streik im deutschen öffentlichen Dienst. Vom Flughafen geht es ins Hotel „Grande Plaza“, dann weiter zum gemeinsamen Abendessen. Jeder hat 30 Euro in die Landeswährung Sum getauscht, und dafür gibt es ein sattes Bündel Geldscheine in einem Umschlag: Ein Euro sind aktuell 3000 Sum, aber vor 16 Jahren, erinnert sich Muzaffar, konnten Usbeken für 200 Sum noch ein Fahrrad kaufen. Dafür gibt es nun nicht mal mehr einen Schluck Wasser, so stark war die Inflation. Trotzdem sind Getränke und Lebensmittel außerordentlich günstig.

Beispielsweise gilt das für die Waren der vielen Händler auf dem Basar vor der Koranschule „Kokaldosch“ (Milchbruder) mitten in der Hauptstadt. Tausende Menschen strömen durch die engen Gassen, und es gibt alles, was Mittelasien zu bieten hat: von Brot und Früchten über Sonnenbrillen, Unterhosen, Handys, Salat, Gemüse, Schuhe und alles wieder zurück. Und genau an solchen Orten treffen auch die Völkerscharen Usbekistans zusammen: Usbeken, Tadschiken, Russen, Koreaner – und die Waren zu 90 Prozent aus China. Die Chinesen haben im größten Staat Mittelasiens großen Einfluss, ob Handel, Bau oder Bodenschätze. Auch Franzosen und Deutsche sind aktiv, während die Amerikaner inzwischen wieder verschwunden sind. Die wollten offenbar zu viel Einfluss auf die Politik nehmen, was der usbekischen Regierung wiederum nicht behagt.

Die Hauptstadt Taschkent mit ihren rund drei Millionen Einwohnern wächst unaufhörlich und ist der ganze Stolz des Landes, vor allem auch des Präsidenten Islom Karimov, der 2009 im Zentrum einen Palast errichten ließ, der mit Baukosten von rund einer Milliarde US-Dollar der bis dahin teuerste war in Mittelasien – also im Reigen von Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan, Kasachstan und Turkmenistan, den fünf ehemaligen Sowjetrepubliken.

Im September 1991 erklärte sich Usbekistan unabhängig, und zeigt dies besonders in der Hauptstadt Taschkent eindrücklich. Platz der Unabhängigkeit mit Parlamentsgebäude, Nationaldenkmal und Finanzministerium in direkter Nähe, Konzerthaus, Hotels, Bankgebäude, nur ein Stück weiter der „Broadway“ mit modernen Geschäften, Kino, Künstlerpavillon – und vor allem vielen Männern und Frauen, die Grünanlagen pflegen oder stetig die Bürgersteige kehren. Das tun sie auch in den 14 Vergnügungsparks, die es allein in der Hauptstadt gibt: Wege wie geleckt.

Zwischenzeitlich wird dies völlig anders, als wir uns am ersten Tag bei strahlend blauem Himmel und warmer Frühlingssonne, die schon die Aprikosen blühen lässt, aufmachen von Taschkent in die zweite Metropole des Landes, die Märchenstadt Samarkand. Über sechs Stunden dauert die Fahrt von gut 300 Kilometern, mal über eine vierspurige Fernstraße, dann wieder auf einer löchrigen Piste über eine Passstraße durch die „Mohnberge“. Doch dazu mehr in der nächsten Folge.

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