Konflikte und schmerzliche Gefühle in der Weihnachtszeit

Einsamkeit ist das häufigste Thema

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Zuhörer am Telefon: Die Telefonseelsorgen in Deutschland – so auch in Kassel – sind jeden Tag rund um die Uhr besetzt. 

Waldeck-Frankenberg/Kassel. Einsamkeit ist eines der häufigsten Themen bei der Telefonseelsorge Nordhessen in Kassel. „An Weihnachten wird sie oft noch schmerzlicher erlebt, weil man zurückblickt in eine Zeit, zu der es mal anders war“, sagt Salome Möhrer-Nolte, Geschäftsführerin der Einrichtung. Insgesamt gebe es im Winter aber nicht mehr Anrufe als im Frühjahr oder Sommer.

Rund 13 000 Menschen – auch aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg – landen jedes Jahr mit ihrem Anruf bei der Telefonseelsorge in Kassel. Daraus entstehen gut 8000 Seelsorgegespräche, so Möhrer-Nolte.

Salome Möhrer-Nolte

Auffälligkeiten in der dunklen Jahreszeit gebe es nicht. Dennoch werden um die Weihnachtszeit herum immer mal wieder Beziehungsschwierigkeiten thematisiert. Oft gehe es dabei um große Erwartungen mit Blick aufs Weihnachtsfest, die dann nicht erfüllt werden. „Spannungen, die es schon vorher gab, treten dann zutage“, sagt Möhrer-Nolte.

Die meisten Anrufer seien zwischen 40 und 70 Jahre alt, schätzt die Geschäftsführerin. Die zweithäufigste Gruppe sind die Menschen von 20 bis 29 Jahren. Zunehmend seien auch Studenten darunter, die sich überfordert fühlten und nicht wissen, mit wem sie über ihre Situation reden könnten.

Genauere Angaben zu den Personen, die das Seelsorge-Angebot nutzen, gibt es nicht – weil Anonymität eine wichtige Rolle spielt. Daten und Infos werden generell nicht abgefragt.

Zwischen 20 und 30 Minuten, maximal etwa 45 Minuten, dauert ein Gespräch im Durchschnitt, sagt Salome Möhrer-Nolte. „Nach dieser Zeit schließt sich ein Kreis und es geht häufig wieder von vorne los.“ Dann bräuchten sowohl der Anrufer als auch der Ehrenamtliche am Telefon eine Pause.

Ratschläge werden bei den Gesprächen nicht gegeben, wohl aber manches Mal Anregungen. Im Mittelpunkt steht jedoch immer eines: zuhören. „Die Anrufenden sollen die Zeit als bereichernd erleben, spüren, dass sich ihnen jemand zuwendet und das Gefühl haben – zumindest für die Zeit des Gesprächs – nicht mehr einsam zu sein.“ Die Ehrenamtlichen am Telefon „hören aktiv zu“, fragen nach, gehen auf Gesagtes ein. „Daran krankt heutzutage vieles. Viele Menschen reden lieber über sich und fragen nicht nach anderen.“

Neben den Gesprächen am Telefon gibt es auch Unterhaltungen per Mail. Darum kümmern sich sieben Ehrenamtliche in Kassel. Vor allem jüngere Menschen nutzen diese Gelegenheit, über Probleme, Sorgen und Nöte zu sprechen.

Wer aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg die universelle Nummer der deutschen Seelsorge wählt, wird in der Regel nach Kassel geleitet. Die Gespräche werden von der Telekom je nach Vorwahl weitergeleitet, erklärt Salome Möhrer-Nolte. Zu sehen sei die Nummer des Anrufers in der Telefonseelsorge dann aber nicht, betont sie. Eine Leitung gibt es in Kassel. Ist diese besetzt, geht das Gespräch an eine andere Stelle, beispielsweise in Marburg, Gießen, Fulda oder Hanau. Würde die Kasseler Telefonseelsorge zwei Leitungen anbieten wollen, bräuchte sie 140 Ehrenamtliche – anstelle von 75, die es aktuell sind.

Seelsorge braucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Wer als Ehrenamtlicher der Telefonseelsorge Nordhessen in Kassel arbeiten möchte, Empathie mitbringen und die Bereitschaft, sich selbst zurücknehmen können. Auch sollten Interessierte bereit sein, abends, nachts und an den Wochenenden zu arbeiten. Auch Zeit sollten die Ehrenamtlichen haben: „Wir wünschen uns, dass jeder Ehrenamtliche im Jahr mindestens 150 Stunden am Telefon sitzt“, sagt Salome Möhrer-Nolte. Altersgrenzen gibt es nicht mehr.

Ein Jahr dauert die Ausbildung. Einmal pro Woche wird dann 2,5 Stunden unterrichtet, unter anderem werden die Kontaktgestaltung und Gespräche geübt. Nach der Ausbildung könne man selbstständig arbeiten, trage dabei aber auch eine große Verantwortung.

Die Telefonseelsorge Nordhessen bildet ab Sommer eine Gruppe Ehrenamtliche aus und sucht dafür noch Interessierte. Kontakt: Tel. 0561 / 28 23 99. 

Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222.


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