Heimische Touristiker bleiben optimistisch

Klimawandel bringt Profit

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Das Skigebiet Willingen hat in Beschneiungsanlagen investiert.

Der Jahrhundertsommer gab eine Vorschau auf den Klimawandel und seine Folgen. Heiße Sommer, trockene Seen und schneefreie Berge – die Verluste der hiesigen Gästehochburgen wie Ederseeregion und Willingen scheinen absehbar. Doch bislang sind  keine negativen Auswirkungen spürbar.

Im Gegenteil, sagt Klaus-Dieter Brandstetter, der Geschäftsführer des Touristik-Service Waldeck-Ederbergland und betont: „An den Gäste- und Übernachtungszahlen am Edersee (Daten des Statistischen Landesamtes Hessen für Betriebe ab zehn Betten für den Zeitraum Januar bis August 2018) zeigt sich, dass die Gästeankünfte (Edertal: + 12,6 %, Vöhl: + 9,1 % und Waldeck: + 0,4 %;) und die Gästeübernachtungen (Edertal: + 7,0 %, Vöhl: + 5,6 %, Waldeck: - 2,1 %) eher ansteigende Tendenzen aufweisen.“ In allen drei Orten um den dersee gebe es entweder steigende Zahlen oder wie in Waldeck nur leichte Rückgänge bei den Gästeübernachtungen. Laut der touristischen Organisationen rund um den Edersee sei auch der Tagestourismus gestiegen, was neben dem frühen Auftauchen des „Edersee-Atlantis“ auch auf das gute Wetter zurückzuführen sei. Auch der Vergleich mit früheren sehr trockenen Sommern in den Jahren 2011, 2015 und 2017 gebe keinen statistisch nachweisbaren Aufschluss. Sicher sei nur, dass Freizeitbetriebe betroffen seien, die direkt vom Wasser leben – wie Segelschulen, Surfkursanbieter und die Edersee-Schifffahrt.

Klaus Dieter Brandstetter, Geschäftsführer der Touristik-Service Waldeck-Ederbergland GmbH.

„In Willingen sind die Gästeankünfte und die Gästeübernachtungen von Januar bis August um 0,8 % bzw. 2,3 % zurückgegangen. In wie weit der Klimawandel verantwortlich ist, ist aber schwer nachvollziehbar“, so Brandstetter. Maßgeblicheren Einfluss auf das Geschäft habe vielmehr die Zahl an Geschäftskonferenzen und großen Musikevents.

„Grundsätzlich wird der Tourismus in Deutschland zu den Gewinnern des Klimawandels zählen, denn die Bedingungen in den Mittelmeerländern werden sich dramatisch verschlechtern – das belegen verschiedene Klimastudien“, betont Brand-stetter. Allerdings rechne die Branche mit einer Zunahme der Wetterextreme, die vom Tourismus abhängigen Betriebe hätten sich aber zum Teil darauf eingestellt. So gebe es mehr Wetterwarnungen, Sperrungen von Waldgebieten und verbesserte Beschneiungstechniken. Längerfristig reiche das in Mittelgebirgsregionen jedoch voraussichtlich nicht aus. Daher setze man dort auf Aktivitäten, die das eventuell auftretende Loch bei den Gästeankünften und Gästeübernachtungen im Winter in der Vor- und Nachsaison und im Sommer auffüllen sollen. Ein Anlass für die Saisonverlängerung zum Beispiel durch den steigenden Wander- und Radfahrtourismus von Frühling bis weit in den Herbst hinein sei der stetige Ausbau der Infrastruktur und die Qualitätssteigerung, sowohl im öffentlichen Bereich als auch in den Beherbergungsbetrieben. So werde derzeit der größte Mountainbike Single Trail im Landkreis geplant.

Rund um die Seen gebe es ebenfalls Pläne, zum Beispiel den Aufbau und die Sicherung von Grundmauern im Edersee-Atlantis. Weitere Visionen wie eine den See überspannende Brücke gebe es am Diemelsee und am Edersee. Schließlich gebe es erste Planungen, die Schlechtwetterangebote auszubauen.

In Zukunft zählt Nachhaltigkeit

„Ein weiterer Schwerpunkt für die Zukunft ist der stärkere Ausbau nachhaltiger Angebote“, betont Brandstetter. Aufbauend auf dem Fahrtziel Natur werde daran gearbeitet, künftig mehr Gäste über die Schiene in den Landkreis zu bekommen. Der ÖPNV vor Ort sei in den vergangenen Jahren deutlich verbessert worden, auch durch das Anruf-Sammeltaxi AST. Dazu beigetragen habe auch die MeineCardPlus, die den Gästen in den Beherbergungsbetrieben die kostenlose Nutzung des ÖPNV garantiert. Eine seit 2016 jährlich durchgeführte Gästebefragung zeige, dass der ÖPNV von den Gästen stärker benutzt wird. Und für E-Bikes gebe es immer mehr Ladestationen. „Die Umstellung ist am Laufen. Auch im Marketing“, so der Tourismus-Experte und betont: „Wichtig sind hier die Sozialen Medien, in denen – immer aktuell – auf das schöne Wetter vor Ort hingewiesen wird bei Veranstaltungshinweisen. Vor allem der Kurzurlaub wird immer kurzfristiger gebucht, da spielt die Wetter-App ein große Rolle.“ (ros)

Hintergrund: Der Tourismus ist wirtschaftlich für den Landkreis Waldeck-Frankenberg von großer Bedeutung. Eine aktuelle Studie der dwif-Consulting GmbH (2018, Datengrundlage 2017) belegt, dass im Jahr 2017 durch die Übernachtungsgäste (statistisch erfasste Betriebe aus der Landesstatistik plus Übernachtungen in Privatbetrieben unter 10 Betten) und die Tagegäste ein Bruttoumsatz in Höhe von 700 Mio. Euro erzielt wurde. Der touristische Einkommensbeitrag (=Wertschöpfung) liegt bei rund 360 Mio. Euro und stellt so 9,6 % des Primäreinkommens im Landkreis. Auf Landesebene liegt der Anteil des Tourismus am Primäreinkommen bei 3,7 %, beim Bund bei 3,9 % und in der GrimmHeimat NordHessen bei 4,8 %. Durch dieses Einkommen können rund 15.230 Personen ein durchschnittliches Primäreinkommen in Höhe von 23.611 Euro im Landkreis erzielen. Damit wird der Tourismus im Tourismuslandkreis Nr. 1 in Hessen zu den Top Five der Branchen gehören. Insgesamt profitieren fast alle Branchen direkt oder indirekt vom Tourismus. Die aktuelle dwif-Studie zeigt, dass sich der Umsatz auf die Branchen verteilt. So fließen 51,6 % des Bruttoumsatzes in das Gastgewerbe (360 Mio Euro), 27,1 % in den Dienstleistungsbereich (190 Mio. Euro) und 21,3 % in den Einzelhandel (150 Mio. Euro).

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