WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

Tränen der Rührung beim Fall der Mauer

- Diemelstadt-Rhoden. Tränen standen den beiden Männern in den Augen, und sie hielten sich minutenlang in den Armen. Friedrich Hübel aus Rhoden erinnert sich heute noch sehr bewegt an dieses Erlebnis nach dem Fall der Mauer vor 20 Jahren, am 9. November 1989.

Die beiden Männer waren Hübel und sein Freund aus der DDR-Partnergemeinde Domersleben, Hartmut Thiele. Hübel hatte während eines Kuraufenthalts in Bad Nenndorf übers Fernsehen die letzten Zuckungen des SED-Regimes im Herbst 1989 mitbekommen – und jenen 9. November: „Ich habe geheult wie ein Schlosshund und mich gefreut wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum.“

Dass der Blutdruck in jenen Tagen über das Normalmaß stieg, war der Gesundheit des kurenden Rhoders gewiss nicht abträglich. Vermischt mit Glücksgefühlen, war jene freudige Aufregung womöglich eher förderlich für seine Gesundheit.

Nach der vorm TV-Gerät verbrachten Nacht setzte sich Friedrich Hübel an die Schreibmaschine und verfasste einen Brief an seinen Freund in Domersleben: „Unser gemeinsamer Traum scheint wahr zu werden“, kommentierte Hübel das Geschehen in der von ihm vorzugsweise „Ostzone“ genannten DDR. „Wie schön ist es, dass wir dieses erleben dürfen. Ich glaube, wir können Gott nicht dankbar genug sein.“

Aufbruchstimmung, gepaart mit Appellen an politische Mäßigung, machte sich breit: „Kleinmut und Zimperlichkeit“ seien nicht gefragt, „sondern großer Mut zu neuen Ideen und Taten“, schrieb Hübel in jenen Novembertagen 1989. „Vor allem dürfen keine Radikalen hüben wie drüben das Sagen bekommen, denn das hatten wir schon mehrere Male, und was daraus geworden ist, das wissen wir zur Genüge.“ Er streite „Euren führenden Leuten nicht den guten Willen ab, und wenn Moskau (Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow) mitmacht, können wir vielleicht noch in diesem Jahrhundert in unserem Europa den Himmel auf Erden erleben“, schrieb Hübel weiter.

Der erste Golfkrieg ein paar Jahre später und kriegerische Auseinandersetzungen auf dem Balkan dämpften zwar die Euphorie. Doch der Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung vollzogen sich ohne Blutvergießen und in seltener Einmütigkeit einst verfeindeter Mächte in West und Ost.

Hübel hatte durch die Partnerschaft zwischen den Gemeinden Rhoden und Domersleben Mitte der 80er-Jahre die Familie Thiele in der DDR kennengelernt. Herzliche Beziehungen hatten sich zwischen den Hübels und den Freunden aus Ostdeutschland entwickelt. Hübel reiste alsbald in den Osten, besuchte Dresden, die Sächsische Schweiz und besichtigte die „Villa Shatterhand“ des Wildwest-Romanciers Karl May.

Verwandte haben die Hübels in Ostdeutschland nicht, doch entwickelten sich familiäre Kontakte zu den Thieles. So kamen die Rhoder zur Konfirmation der Tochter Elke. Im kirchenfeindlichen Arbeiter- und Bauernstaat war dieses Ereignis selten. Ein Jahr später waren die Rhoder zur Jugendweihe der Thiele-Tochter Diana eingeladen. Diese Feier war eine Erfindung der SED-Organisation Freie Deutsche Jugend, an und für sich ganz gottlos, aber der kirchlichen Einsegnung nicht unähnlich. Bei der staatlich angeordneten Jugendweihe für Diana, so erinnert sich Hübel schmunzelnd, stammten die meisten Lieder aus dem kirchlichen Gesangbuch.

Hartmut Thiele war nach der Enteignung bäuerlichen Eigentums 1963, so Hübel, zum Bauingenieur und -leiter umgeschult worden. 1986 sei er erstmals in der „BRD“ zu Besuch gewesen.

Gemeinsam haben sich Thiele und Hübel über die Wiedervereinigung gefreut. Man könne Gorbatschow und dem damaligen Kanzler Helmut Kohl gar nicht genug danken für ihren Einsatz, meint Hübel. Probleme bei dem Zusammenwachsen der einst geteilten Staaten leugnet Hübel nicht. Doch die Investitionen in Ostdeutschland seien gut angelegtes Geld gewesen. Jammern über die Kosten der Wiedervereinigung hält er für kleinmütig.

Beste Kontakte verbinden heute noch die Thieles und die Hübels. Wenn sich die Öffnung der Grenzen zum 20. Mal jährt, werden sich der Rhoder und sein Freund aus dem heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt sehen und dann das denkwürdige Jubiläum gebührend feiern.

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