Olga Ballardt und Emma Röhrig erinnern sich an ihre Suche nach Heimat

„Unser Weg führte uns nach Hause“

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Olga Ballardt und ihre Mutter Emma Röhrig erinnern sich an ihre Suche nach Heimat: Ihr Weg führte sie über die Wolgarepublik, nach Kasachstan und schließlich nach Korbach.

Korbach - Ihre Wurzeln liegen in Deutschland. Doch bis sie dort eine neue Heimat fanden, gingen sie einen oft leidvollen Weg: Emma Röhrig und ihre Tochter Olga Ballardt erinnern sich an die Reise aus der Wolga-Republik über Kasachstan nach Korbach. Der "Tag der Russlanddeutschen" ist heute (28. August) Thema des Tages in der WLZ-FZ

Wenn Emma Röhrig an Zuhause denkt, dann grübelt sie kurz: Dann fällt ihr ihre Wohnung gleich gegenüber ihrer Tochter in Korbach ein, aber dann wandern ihre Gedanken nach Kasachstan, in ein Land, das ihr nie so richtig zur Heimat werden wollte und in dem sie doch 54 Jahre ihres Lebens verbrachte. Und dann wandern ihre Erinnerungen noch ein Stück weiter zurück. „Das Haus, die Schule, der Teich in Balzer, daran erinnere ich mich als sei es gestern gewesen“, sagt sie. Der Ort in der damaligen Wolga-Republik war ihre erste Heimat. Dort wurde Emma Röhrig 1930 geboren. „Eines Morgens wurden wir aufgefordert, zu gehen“, sagt Emma Röhrig in Dialekt. Mit einer alten Kiste, in denen sie schnell ihr dringendstes Hab und Gut unterbrachten, mussten sie gen Osten reisen - eine politische Entscheidung, die Stalin 1941 traf (Kasten).

Sie strandeten in Kasachstan. „Ich verstand kein Wort, die Russen hassten uns, wir waren bitterarm und ich durfte nicht zur Schule gehen“, erzählt die heute 82-Jährige. Leidvolle Zeiten standen der großen Familie bevor. „In einem Winter habe ich dann die fremde Sprache gelernt“, sagt sie, „aber nach Zuhause habe ich mich immer gesehnt“. Sie war die Deutsche, der Feind und bis 1957 durften sie ihr Dorf nicht verlassen, ohne dass ihnen Gefängnis drohte. „Aber uns blieb nichts anderes übrig, als sich an die neue Situation zu gewöhnen“. Und das tat sie. In Kasachstan heiratete sie schließlich einen Mann mit ähnlicher Geschichte. Sie bekamen vier Töchter und einen Sohn.

„Und als wir groß wurden und zur Schule gingen, da hatte sich der Hass schon gelegt“, erinnert sich Tochter Olga Ballardt. Kasachen und Russen, Deutsche und Menschen anderer Nationalitäten lebten zusammen in ihrem Dorf. „Ich lernte von Anfang an russisch und nur unsere Oma lehrte uns die Sprache unserer Ahnen“, sagt Olga Ballardt. Die Familie aß Strudel und Frikadellen, Kraut und Hefeklöße, aber immer öfter kamen auch kasachische Speisen auf den Teller. „Wir wuchsen ein bisschen international auf“, sagt die 50-Jährige. Wenn sie wegen ihres Nachnamens gefragt wurde, ob sie Deutsche sei, dann hob sie den Kopf und antwortete ehrlich. „Ich habe mich nie deswegen geschämt“, sagt sie.

Als in den 90er Jahren immer mehr Menschen um sie herum, den Antrag zur Ausreise nach Deutschland stellten, da machten Olga Ballardt, ihr damaliger Mann und die beiden Söhne mit. Was ihre Motivation gewesen sei? „Na ich bin Deutsche“, sagt sie, „ich war mir immer völlig sicher: In Deutschland bin ich richtig. Unser Weg führte uns Nachhause“.

1994 kam sie mit ihrer Familie in Dehringhausen an. Wovon sie geträumt, was sie sich für ihr neues Leben gewünscht habe? „Ich war immer Realistin“, sagt sie. Da habe es keine großen Wünsche gegeben. „Ich wollte einfach Nachhause“, erklärt sie dann. Aber erstmal kam der Schock: „Ich habe nichts verstanden, der Dialekt, den mir unsere Oma beigebracht hatte, half mir nicht“. Ihre Söhne waren acht und neun Jahre alt, kämpften mit dem Neubeginn, mit der Sprache und der neuen Schule. „Ich verstand nichts und konnte mich nicht erklären, das war die höchste Barriere“, sagt sie.

Aber dann setzte sie sich hin, lernte die Sprache ihrer Ahnen und fand eine neue Heimat. „Integration ist meine Entscheidung“, erklärt sie, „ich bin offen auf die Menschen zugegangen und gehöre heute dazu“. Manchmal würden sie die Menschen behandeln, als sei sie Russin. „Aber ich hatte nie Identitätsprobleme“, sagt sie, „ich bin, wer ich bin“. Ihre Schwester musste härter kämpfen, sie konnte ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben, während sich Olga Ballardt leichter neu orientierte. Zwei Jahre später kam ihre Mutter Emma Röhrig nach: „Ich hatte am Anfang furchtbar Heimweh nach Kasachstan“, erzählt sie, „aber wo meine Familie ist, da ist Zuhause“.

Heute erinnern noch russische Süßigkeiten an das Leben vor ihrer langen Reise. „Und in der Familie sprechen wir noch oft russisch“, sagt Olga Ballardt. Manchmal nennt sie ihre erwachsenen Söhne bei ihren russischen Spitznamen. „Es ist auch gut auf Aussiedler zu treffen, die ähnliche Erfahrungen haben“, sagt sie, „aber genauso spannend ist es, mit den vielen anderen Korbachern ins Gespräch zu kommen. Denn am Ende hat doch jeder seine Geschichte“.

Hintergrund

Auf Einladung von Zarin Katharina der Großen kamen im Jahr 1763 die ersten deutschen Bauern nach Russland. Insbesondere an der Wolga ließen sie sich nieder und machten das Land fruchtbar. Unter Stalin wurden die Russlanddeutschen in sibirische Arbeitslager deportiert. Die deutschstämmige Bevölkerung in der Sowjetunion wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges politisch und rechtlich nie völlig rehabilitiert. Ziel war eine weitgehende schulische und kulturelle Russifizierung.

Obwohl sich die Situation in den 1960er- und 70er-Jahren verbesserte, bestand in vielen Teilen der deutsch-russischen Bevölkerung der Wunsch, in die Bundesrepublik auszureisen. Die Zahl der Aussiedler erhöhte sich, nachdem Michael Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU geworden war. Mit der Öffnung der Grenzen 1989 stieg die Anzahl der Aussiedler an.

Zwischen 1990 und 2000 reisten jährlich über 100 000 Menschen als Aussiedler in die Bundesrepublik ein, 1993 bis 1995 jeweils über 200 000. Bis Ende 2004 sind insgesamt rund 2,5 Millionen Menschen als Aussiedler, Spätaussiedler oder deren Angehörige aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten zugewandert. Heute wird bundesweit der „Tag der Russlanddeutschen“ begangen. Er erinnert an ein Dekret, mit dem Stalin am 28. August 1941 die Deportation der im 18. Jahrhundert ins Land geholten deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Wolgagebiet nach Sibirien anordnete. 300 000 Menschen kamen damals ums Leben. Bis 1956 wurden die Überlebenden in ihren Verbannungsorten festgehalten. Erst mit der KSZE-Schlussakte von Helsinki erhielten sie die Möglichkeit zur Auswanderung. (den/resa)

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