Neues Urteil nach Berufungsprozess 

Urologe muss 30 000 Euro zahlen, aber nicht mehr ins Gefängnis

+

Eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung, dazu allerdings als Auflage eine deutlich heraufgesetzte Geldstrafe. Mit diesem Urteil bewahrte die 7. Strafkammer am Kasseler Landgericht mit dem Vorsitzenden Richter Reichardt im Berufungsverfahren einen inzwischen 69-jährigen Urologen aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg davor, eine zweieinhalbjährige Haftstrafe antreten zu müssen.

Der Arzt war im August 2019 vom Korbacher Amtsrichter zu der Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil er über Jahre hinweg mehrere Mitarbeiterinnen in seiner Praxis sexuell missbraucht, genötigt und belästigt hatte. Da auch Auszubildende, also Schutzbefohlene zu den Opfern des Urologen gehörten, zudem das Gericht damals keine wirkliche Reue bei dem Angeklagten erkannt hatte, war das Amtsgericht zu dem Urteil von zwei Jahren und sechs Monaten Haft gekommen, mit dem eine Strafaussetzung auf Bewährung nicht möglich war. Der Angeklagte legte daraufhin Berufung ein.

Worum es sich in der Verhandlung vor der Berufungskammer in Kassel vor allem drehte, machte Christian Albrecht, Verteidiger des Angeklagten, drastisch deutlich: „Es geht um Knast oder nicht Knast“ für den Arzt, dessen Praxis weiterlaufe, allerdings mit erheblichen Umsatzeinbrüchen seit der Verurteilung im August.

Für die Anklage machte Oberstaatsanwalt Lohr klar, dass angesichts der Vielzahl der Fälle sexueller Nötigung und Belästigung das Urteil des Amtsgerichts mit der Haftstrafe eigentlich passe. Angesichts der Tatsache, dass der Angeklagte nicht vorbestraft und inzwischen 69 Jahre alt sei, könne er sich mit dem Gedanken an eine Bewährungsstrafe jedoch anfreunden, sagte Lohr.

Allerdings forderte er wesentlich höhere finanzielle Auflagen, auch angesichts der Einkommensverhältnisse des Arztes. „Mindestens 30 000 Euro“, davon ein Drittel an die geschädigten Frauen und zwei Drittel an gemeinnützige Organisationen, sollten es schon sein. An der Einlassung des Verteidigers, sein Mandant könne so viel Geld nicht zahlen angesichts zurückgegangener Einkünfte, meldete der Oberstaatsanwalt Zweifel an. Außerdem: „Eine solche Strafe muss schon wehtun“, sagte Lohr.

In seinem Plädoyer wies der Verteidiger auf die volle Geständigkeit des Arztes hin, der dadurch den Opfern weitere Aussagen erspart habe. Zudem habe er sich entschuldigt und schon im vergangenen Jahr mit einer Therapie begonnen. Mit weiteren finanziellen Einbußen sei zu rechnen, die Ärztekammer prüfe zudem, ob ihm die Approbation als Arzt entzogen werden solle. Eine Bewährungsstrafe unter zwei Jahren halte er für angemessen.

Die Staatsanwaltschaft plädierte für zwei Jahre mit erheblichen Bewährungsauflagen. Das komme alles in allem dem Interesse der Allgemeinheit entgegen.

Dem entsprach das Berufungsgericht weitgehend. Die zweijährige Haftstrafe wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, der Angeklagte muss insgesamt 30 000 Euro innerhalb einiger Monate zahlen. 7500 Euro erhalten die Opfer, jeweils 5000 beziehungsweise 3750 Euro gehen an fünf Organisationen wie Kinderschutzbund und Opferhilfe-Vereine in Kassel. „Das Gericht ist überzeugt, dass keine weiteren Taten folgen werden“, sagte Richter Reichardt. ula

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare