Tragödie in Herzhausen: Frauen hinterlassen Abschiedsbriefe · Psychologe warnt vor Werther-Effekt

Verabredung zum Freitod am See

Vöhl-Herzhausen - In einem sozialen Netzwerk verabredeten sich drei Frauen zum gemeinsamen Suizid. Am Mittwoch fanden Feuerwehr und Polizei die drei Leichen in einem Ferienhaus am Edersee. Laut Polizei hinterließen sie Abschiedsbriefe.

Einen Tag nach dem Fund von drei Frauenleichen auf dem Campingplatz Teichmann am Edersee halten die Ermittlungen der Kriminalpolizei in Korbach an. Am Mittwochnachmittag hatte der Betreiber des Campingplatzes das Ferienhaus der drei Frauen betreten, weil er die Mieterin seit drei Tagen nicht mehr auf dem Platz gesehen hatte. Laut Polizei fand er an der Badezimmertür ein Warnschild, das auf Kohlenmonoxid hinwies. Er verständigte die Rettungskräfte. Unter Atemschutz betraten die Feuerwehrleute aus Herzhausen und Schmittlotheim den Raum und fanden die drei leblosen Frauen: eine 49-Jährige aus Frankfurt/Oder, eine 44-Jährige aus Schauenburg und eine 23-Jährige aus Potsdam. Nach WLZ-FZ-Informationen war die jüngste der drei Frauen bis Januar stationär in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Nach einem Ausgang soll sie nicht zurückgekehrt und als vermisst gemeldet worden sein. „Die Hintergründe des gemeinschaftlichen Suizides stehen noch nicht fest“, erklärte hingegen die Polizei, „sie könnten aber in psychischen Erkrankungen zu suchen sein“. Auch die Ermittlungen zur Todesursache laufen noch, die Polizei geht aber von einer Kohlenmonoxidvergiftung aus. Nach dem aktuellen Ermittlungsstand haben sich die drei Frauen in sozialen Netzwerken kennengelernt und gezielt auf dem Campingplatz getroffen. Zuvor schrieben sie laut Polizei Abschiedsbriefe. Die zuständige Staatsanwaltschaft in Kassel hat inzwischen eine Obduktion der Leichen angeordnet, um die Todesursache zweifelsfrei nachweisen zu können. Dynamik in der Gruppe Als eine „neue Dimension“, die es in dieser Form in der Region noch nicht gab, bezeichnet Dr. Rolf Speier, Ärztlicher Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Haina (Kloster), die Verabredung der drei Frauen zum gemeinschaftlichen Selbstmord. Die Abschiedsbriefe und die schriftliche Warnung vor Lebensgefahr durch Gas an der Hütte weisen darauf hin, dass es sich nicht um eine spontane Idee in einer depressiven Phase, sondern um eine geplante Aktion handelte. Die Verabredung zu diesem Treffen über soziale Netzwerke zeige die Schattenseite dieser virtuellen Welt. „Es gibt eine Suggestivwirkung in dieser Art von Medien, in denen man sich nicht mit Freunden oder der Familie abstimmen muss“, sagt Speier. In solchen Foren sei es möglich, Gleichgesinnte zu finden und sich über Suizid und Todesgedanken auszutauschen. Sollten sich die drei Frauen nicht schon vorher persönlich gekannt haben, hätten sie sich ohne diese virtuellen Foren „wahrscheinlich nie gefunden“, sagt Speier. Entscheidend könnte dabei die Gruppendynamik gewesen sein: „Vielleicht haben sie sich in die falsche Richtung bestärkt“, erläutert der Facharzt, „so etwas kann sich fernab korrigierender Freundeskreise dann hochschaukeln“. Es sei durchaus möglich, dass erst das Zusammentreffen mit Gleichgesinnten zum tatsächlichen Selbsttötungsakt geführt habe, erläutert der Ärztliche Direktor. „Es kann schon sein, dass jede für sich das allein nie umgesetzt hätte.“ Er warnt vor dem „Werther-Effekt“, der Nachahmer zu ähnlichen Taten bewegen könne. Diese Problematik ist allerdings nicht neu, wie schon der Fachbegriff dazu zeigt.

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