Der syrische Bürgerkriegsflüchtling Rustom Sulyman lebt mit seiner Familie in Frankenberg

Verhaftet, verhört, verfolgt - geflohen

Rustom Suleyman (32) mit dem Flüchtlingsbetreuer des Diakonischen Werkes, Uwe Kretschmer.

Waldeck-Frankenberg - Damaskus ist eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt. Bis zum Beginn des syrischen Bürgerkrieges zählte sie zirka zwei Millionen Einwohner. Einer von ihnen war bis vor acht Monaten Rustom Sulyman. Heute lebt er in Frankenberg.

Früher gehörte er zur syrischen Nationalmannschaft, seit ein paar Monaten spielt Rustom Sulyman Tischtennis beim SV Reddighausen. Und das kam so: Nachdem die Proteste des „arabischen Frühlings“ im März 2011 die Levante erreicht hatten, beteiligte sich auch Sulyman an Demonstrationen gegen das Assad-Regime. So geriet er ins Visier von Armee, Polizei und Geheimdienst. Zweimal wurde er verhaftet und verhört. Täglich wuchs die Angst, an einem der vielen Checkpoints im ansonsten von Bürgerkrieg weitgehend abgeschirmten Zentrum der Hauptstadt erneut festgenommen und in einem Gefängnis misshandelt und getötet zu werden. Erst vor kurzem wurde das Ausmaß der systematischen Folterungen deutlich, als ein Deserteur 55 000 Fotos von mehr als 11 000 grausam zugerichteten Opfern außer Landes schmuggeln konnte.

Im Frühjahr 2013 gelang ihm mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern, die heute zwei und vier Jahre alt sind, die Flucht. Illegal, denn es gab keinen legalen mehr, die Botschaften der europäischen Staaten waren geschlossen. Statt mit Visa-Vordrucken befasste sich Sulyman mit der „Preisliste“ einer Schleusergruppe. Die Flucht über Kairo und Sansibar nach Deutschland kostete 25 000 US-Dollar - mit einer Art Geld-zurück-Garantie, sollte es nicht klappen, berichtet der 32-Jährige.

Reiseagentur in Damaskus

„Ich wollte meine Familie retten, meinen Kindern eine Zukunft geben. Alleine wäre ich vermutlich in Damaskus geblieben“, sagt Sulyman. Nach einem Studium (Geschichte und Tourismuswirtschaft) hatte er in seiner Heimatstadt eine Reiseagentur aufgebaut. Das Geschäft florierte. Bevor der Krieg begann, zeigte er Besuchergruppen aus Europa Zeugnisse der Jahrtausende alten Kultur seiner Heimat, bescherte den Touristen in Moscheen, Museen oder landestypischen Restaurants unvergessliche Momente und verdeutlichte ihnen bei Stadtführungen nicht zuletzt, wie Menschen unterschiedlichen Glaubens friedlich zusammenleben.

Fleißig und geschäftstüchtig hatte es Sulyman zu etwas gebracht. „Umgerechnet verdiente ich 80 bis 100 Dollar am Tag. Das Durchschnittseinkommen eines Syrers lag damals bei 200 Dollar - pro Monat“, erzählt er. Agentur, Haus und Auto verkaufte er, um die „Dienstleistung“ des Schleusers zu bezahlen.

Ankunft in Frankfurt

Nach der Ankunft auf dem Frankfurter Flughafen, einer Woche in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen, kam die Asyl suchende Familie nach Waldeck-Frankenberg. Nach vier Monaten sehr beengter Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft im äußersten Südwesten des Landkreises wohnt die Familie nun in Frankenberg. Mit seinen Teamkameraden beim SV Reddighausen verständigt er sich zumeist auf Englisch, das er perfekt beherrscht. Im Verein hat er auch ein wenig Deutsch gelernt. Weil über ihren Asylantrag aber auch nach acht Monaten immer noch nicht entschieden wurde, durften weder seine Frau, die über einen Uni-Abschluss in Soziologie verfügt, noch er oder sein vierjähriger Sohn einen Sprachkurs absolvieren.

Niemand ist darüber unglücklicher als Sulyman selbst. Er spricht außer seiner Muttersprache und Englisch noch fließend Französisch, weiß vor allem aus seiner beruflichen Tätigkeit, wie wichtig dieser kommunikative Schlüssel ist, und wie schnell man ohne ihn in allen Bereichen einer Gesellschaft vor verschlossenen Türen steht.

Uwe Kretschmer, Flüchtlingsberater des Diakonischen Werkes, macht ihm Mut: „Sie können recht optimistisch sein, dass sie den Flüchtlingsstatus erhalten.“ Die Anerkennung als Flüchtling nach Paragraf 60,1 des Aufenthaltsgesetzes (siehe Stichwort) ist seiner Einschätzung nach nur noch eine Frage von einigen Wochen.

Traumatisierte Generation

Dann bekäme Rustom Sulyman auch die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten. Er hofft, seine Kontakte zu Reiseveranstaltern wiederherstellen zu können. Eine Beschäftigung in der Tourismusbranche zu finden, sollte dann kein unerreichbares Ziel sein. In viel weiterer Ferne liegt für ihn eine Rückkehr in sein Heimatland. „In den nächsten zehn Jahren sehe ich dafür keine Chance“, befürchtet er. Assad werde die Macht niemals freiwillig abgeben und deshalb der Stellvertreterkrieg der Nahost-Akteure in seinem Land weitergehen: „Eine ganze Generation wird traumatisiert.“

Asylrecht

Um als Flüchtling ein Aufenthaltsrecht in Deutschland zu bekommen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die Anerkennung als „Asylberechtigter” nach Artikel 16 a des Grundgesetzes oder als „Flüchtling” nach Paragraf 60 (Verbot der Abschiebung) des Aufenthaltsgesetzes. Unter bestimmten Bedingungen kann ein Flüchtling nicht dem Grundsatz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ (Artikel 16 a GG), sondern nur nach der Bestimmung des Aufenthaltsgesetzes anerkannt werden. Die Anerkennung als Asylberechtigter ist ausgeschlossen, wenn der Asylsuchende über einen sicheren Drittstaat – dazu zählen alle Mitgliedsstaaten der EU, also alle Nachbarstaaten Deutschlands und die Staaten Norwegen und die Schweiz – eingereist ist.

Syrische Flüchtlinge

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist für die Verteilung der Flüchtlinge auf die einzelnen Bundesländer zuständig. Dies erfolgt nach dem sogenannten Königssteiner Schlüssel, der jährlich entsprechend der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Länder berechnet wird und die Aufnahmequoten der Länder festsetzt. Dieses Verfahren wird sowohl für Asylantragsteller als auch für die Flüchtlinge, die im Rahmen der humanitären Aufnahme nach Deutschland kommen, angewandt. Im zweiten Schritt verteilt das jeweilige Bundesland die Personen weiter auf Regierungsbezirke und Landkreise. Dazu greifen die meisten Bundesländer auf ein Verfahren zurück, dass Aufnahmequoten für die Landkreise festlegt und diesen entsprechend der Quote Asylbewerber und Flüchtlinge zur Unterbringung zuweist. Nach Angaben der Ausländerbehörde des Landkreises leben derzeit 76 Personen syrischer Staatsangehörigkeit in Waldeck-Frankenberg. Davon haben 19 Personen den Status einer Duldung, 57 Personen sind als Flüchtlinge anerkannt. Das Bundesinnenministerium hat am 23. Dezember 2013 das Aufnahmekontingent für syrische Flüchtlinge auf 10 000 Plätze aufgestockt. Die Organisation „Pro Asyl“ kritisiert dies angesichts der Situation in Syrien und den Anrainerstaaten als unzureichend. Außerdem seien die bürokratische Hürden für die Betroffenen viel zu hoch. So könnten in das Bundesaufnahmeprogramm nur Flüchtlinge aufgenommen werden, die über den Libanon ausreisen, sich vor dem 31. März 2013 bei UNHCR haben registrieren lassen, ein kompliziertes Auswahlverfahren erfolgreich durchlaufen und schließlich noch das Glück haben, einen von wenigen tausend Plätzen zu erhalten.(r/tk)

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