Goddelsheim

Viele Erinnerungen an „Tante Berta“

- Lichtenfels-Goddelsheim (den). Die Hebammen im Landkreis rebellieren in diesen Tagen. Ein Blick zurück zeigt: Die Arbeitsbedingungen haben sich im 20. Jahrhundert dramatisch gewandelt. Eine Ausstellung zeichnet den Weg nach.

Das Jahr 1921. Berta Grosche ist 24 Jahre alt geworden und in Goddelsheim zu Hause. Der Vater ist Dorfschäfer, in dem kleinen Bergarbeiterhaus in der Immighäuser Straße teilt sie sich den Wohnraum mit ihren sieben Geschwistern. Der Ort tritt an die junge Dame heran: Die alte Hebamme hängt ihren Beruf an den Nagel, nun wird ein Nachfolger gesucht. Berta Grosche sagt „Ja“ zu der Bitte der Ortsgemeinschaft – und wird diesen Beruf bis 1967 ausüben, über 1000 Kindern ins Leben helfen und manchen aufgebrachten Vater beruhigen.

Irmhild Weber, Schriftführerin des Kulturvereins, und Bäbel Schaake, Enkelin der „Tante“, haben die Geschichte der Hebammen in Goddelsheim nachgezeichnet. Am Sonntag eröffnen sie im Rahmen des Kartoffelbratens die dazugehörige Ausstellung in der Museumsscheune.

In den Anfangsjahren verdient „Tante Berta“ noch mehrere Millionen Reichsmark. Doch nicht, weil ihr Berufsstand so hoch angesehen ist, sondern weil schlicht und einfach Inflation herrscht. Erst in den 50-er Jahren bestimmen die Krankenkassen Sätze für die Geburten, anfangs 28 Mark, Ende der 60-er schließlich 72 Mark.

Schnell wird aus Frau Schaake, wie sie inzwischen mit Nachnamen heißt, „Tante Berta“. Eine Türklingel, geschweige denn ein Telefon besitzt sie nicht. Deshalb rütteln die werdenden Väter an der Klinke ihres Hauses. Als Beleghebamme ist sie für das Korbacher Krankenhaus und das Waldhaus zuständig. Anfangs legt sie alle Strecken zu Fuß zurück, später erledigt sie die Wege auf ihrer flotten Isetta.

1976 wird die wohl bekannteste „Tante“ im Ort 70 Jahre alt und muss ihren Beruf aufgeben, 1984 stirbt sie im Alter von 87 Jahren. Nachfolgerin wird Doris Käufer, die 1941 als Tochter von Willi und Elisabeth Kunz im Rheinland geboren worden war und nach Zwischenstationen als Verkäuferin mit Fritz Käufer in Goddelsheim lebt.

Bereits 1963 hatte sich die Gemeinde um eine Nachfolgerin gekümmert, deshalb beginnt die Ausbildung in Marburg bereits 1964. Von Oktober 1967 bis 2001 ist Doris Käufer als Hebamme für die Dörfer Goddelsheim, Immighausen, Fürstenberg und Rhadern zuständig. Bereits einen Tag nach Dienstantritt kam es bei ihr zum ersten Ernstfall: Claudia Schäfer wird am 6. Oktober durch ihre Hilfe zur Welt gebracht.

Die Ausstellung, die all diese Fakten, Erzählungen und Relikte zusammengetragen hat, wird mit dem Festakt um 11 Uhr vor der Kirche eröffnet. Bis 13 Uhr ist Doris Käufer anwesend, um Fragen zu beantworten oder noch genauere Einblicke ins Hebammenwesen zu gewähren.

Als Erinnerung an „Tante Berta“ soll am Sonntag eine Holzskulptur nach ihrem Abbild angefertigt werden. Zusätzlich haben die Mitglieder im Kulturverein eine Gedenktafel gestalten lassen.

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