Kritik an Organisation des Schulbusverkehrs

Volle Schulbusse in Waldeck-Frankenberg: Schüler können keinen Corona-Abstand einhalten

Ein Schulbus hält am Bad Arolser Schulzentrum in der Großen Allee: Maskenpflicht gilt auch in den Schulbussen. Das Abstandsgebot, das während des Unterrichts herrscht, lässt sich aber im Bus nicht einhalten.
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Ein Schulbus hält am Bad Arolser Schulzentrum in der Großen Allee: Maskenpflicht gilt auch in den Schulbussen. Das Abstandsgebot, das während des Unterrichts herrscht, lässt sich aber im Bus nicht einhalten.

Volle Schulbusse in Waldeck-Frankenberg sorgen derzeit für Unmut bei Schülern, Eltern und Lehrer. denn ein Corona-Abstand lässt sich in den Bussen kaum einhalten.

Waldeck-Frankenberg – Um das Risiko von Corona-Infektionen zu reduzieren, sollen Schüler in den Schulen Abstand halten und eine Maske tragen – auf Empfehlung des Gesundheitsamtes auch am eigenen Platz. In den Schulbussen gilt zwar auch Maskenpflicht, Abstände sind dort aber kaum einzuhalten, weil viele Busse zu voll sind, wie uns Schüler, Eltern und Lehrer aus dem ganzen Kreisgebiet berichtet haben.

Claus-Hartwig Otto, Leiter der Edertalschule in Frankenberg, hat seinen Schülern sogar geraten, „entweder den Busverkehr in den nächsten Wochen zu meiden oder sich mit einer wirklich virendichten Maske zu schützen“. „Das habe ich auch deutlich in Elternabenden gesagt“, berichtet Otto.

Er halte das Infektionsrisiko im Bus für „exorbitant hoch“. Es sei deutlich gefährlicher, im Bus zu fahren, als am Unterricht teilzunehmen. Weder an den Bushaltestellen noch in den Bussen sei ein Abstand einzuhalten, sagt Otto. „Von 1,5 Meter ganz zu schweigen.“ In vielen Bussen stehen die Schüler dicht gedrängt mit Körperkontakt. Das deckt sich mit dem, was uns Eltern, Schüler und Lehrer von anderen Schulen berichtet haben.

Otto: „Niemand kann sich im Bus dagegen schützen, von anderen angeatmet zu werden.“ Außerdem gebe es eine Reihe von Nicht-Maskenträgern mit Attest und zum Teil auch Maskenverweigerer. Solche Schüler ohne Mund-Nasen-Schutz würden bei den anderen Mitfahrern ambivalente Gefühle auslösen, sagt Otto. Etwa zwei Drittel der 1245 Edertalschüler fahren mit dem Bus.

„Es ist deutlich gefährlicher, im Bus zu fahren, als hier an der Edertalschule am Unterricht teilzunehmen.“

Claus-Hartwig Otto, Leiter der Edertalschule in Frankenberg

Auch an der Christian-Rauch-Schule in Bad Arolsen habe es wegen der vollen Schulbusse „viele Anrufe aufgebrachter und besorgter Eltern“ gegeben, berichtet Schulleiter Markus Wagener. „Wir wissen auch durch Rückfragen bei Schülern, dass die Abstandsregeln nicht einzuhalten sind.“

Seines Wissens nach werde der Abstand in der Durchführungsbestimmung für den Öffentlichen Personennahverkehr auch nicht gefordert – sehr wohl allerdings in den Schulen. „Es ist sehr widersprüchlich und niemandem zu vermitteln“, sagt Wagener. Die Arolser Schule habe das bereits im Mai bei der Teilöffnung der Schulen nach dem Lockdown mit der für den Schulbusverkehr zuständigen Energie Waldeck-Frankenberg (EWF) thematisiert.

Voller Schulbus: Die Schüler der Edertalschule und der Ortenbergschule in Frankenberg drängen nach Schulschluss zu den Bussen in der Geismarer Straße. Viele Schüler, Eltern und Lehrer beschweren sich über überfüllte Busse, Nichteinhalten der Maskenpflicht und schlechtes Timing.

Auch an vielen anderen Schulen im Landkreis sitzen und stehen die Schüler an der Bushaltestelle und im Bus dicht gedrängt. An der Edertalschule in Frankenberg.hätten Schulleitung und Schulelternbeirat mit dem Landkreis und der EWF gesprochen, berichtet Schulleiter Otto: „Das Problem ist den Verantwortlichen bewusst. Die Antwort war immer: Es sind keine Busse vorhanden und vor allem keine Busfahrer.“

„Es ist frustrierend, dies zu hören“, sagt Markus Wagener von der Christian-Rauch-Schule. Er habe von der EWF erfahren, dass die Ausschreibung dies seinerzeit auch nicht eingefordert habe. „Dies ist eine technokratische Schutzbehauptung, die der aktuellen Situation nicht gerecht wird“, sagt Wagener.

Für die Schule selbst sei es schwierig, an dem Problem etwas zu ändern, sagen Wagener und Otto. „Wir sind durch das Kultusministerium verpflichtet, den vollen Schulbetrieb zu fahren. Daher müssen alle Schüler an allen Tagen hier sein“, sagt Otto. Und wegen des Kurssystems in der gymnasialen Oberstufe habe die Edertalschule „überhaupt keine Handlungsoptionen“, den Stundenplan zu entzerren.

Abstands- und Hygieneregeln in Schulbussen sind auch an der Gesamtschule in Battenberg ein „diffiziles Thema“, sagt Alexander Blahnik, Mitglied der Schulleitung. „Wir versuchen, unseren Stundenplan so zu gestalten, dass nicht alle 780 Schüler zur ersten Stunde eintreffen und gleichzeitig Schulschluss haben. Und wir versuchen, die Klassen so zu teilen, dass einige nach der 5. Stunde, andere nach der 6. Stunde Schulschluss haben. Aber wir können die Schüler nicht schon nach der vierten Stunde nach Hause schicken.“

Die Aufsicht achte an der Bushaltestelle darauf, dass alle Schüler Masken tragen, einsteigen, ohne zu drängeln, und die Masken auch im Bus aufbehalten, sagt Blahnik. „Was dann während der Fahrt im Bus passiert, ist eine andere Sache.“

Nach Blahniks Eindruck werden die Abstands- und Hygieneregeln „zu 95 Prozent“ eingehalten. Großen Anteil daran hätten die speziell zu Schulbusbegleitern ausgebildeten Schüler. „Das hat massive Probleme von unseren Schultern genommen“, sagt Blahnik für die Schulleitung. Auf die Größe und Anzahl der eingesetzten Busse habe die Schulleitung jedoch kaum Einfluss. „Wir können nicht jedem Schüler einen Sitzplatz bieten, einige müssen auch stehen.“

An der Kaulbachschule in Bad Arolsen hatte Schulleiterin Rosel Reiff nach dem Anruf einer besorgten Mutter wegen der überfüllten Busse in der ersten Schulwoche angeordnet, dass der Unterricht nach der fünften Stunde endet. So habe es eine Entzerrung von den Schülern der benachbarten Christian-Rauch-Schule gegeben. Wegen fehlender zusätzlicher Busse hat Reiff allen Eltern geraten, wenn es das Wetter und die Entfernung zulassen, die Kinder mit dem Fahrrad zur Schule zu schicken.

Eltern fahren die Kinder selbst

Viele Eltern fahren ihre Kinder nun selbst mit dem Auto zur Schule. Was aber nicht gehe, sagt Reiff, sei, dass Eltern nicht nur ihre eigenen Kinder zur Schule chauffierten, sondern auch die aus der Nachbarschaft. Dann säßen nämlich Schüler aus unterschiedlichen Lerngruppen ohne Maske dicht gedrängt im Auto nebeneinander.

An der Edertalschule in Frankenberg gab es wegen der vielen Elterntaxis am Freitagmittag, als viele Schüler gleichzeitig Schulschluss hatten, ein regelrechtes Verkehrschaos, berichtete uns eine Anwohnerin: Vor lauter Autos seien die Busse nicht bis zur Bushaltestelle an der Geismarer Straße durchgekommen.

„Die aktuelle Situation ist unhaltbar – sowohl für die Schüler, die Eltern als auch für das Aufsichtspersonal“, sagt Thorsten Jech, Lehrer an der Edertalschule. „Es ist eine große Herausforderung, in so einem Kontext die Maskenpflicht durchzusetzen.“

Das sagt der Landkreis

„Zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind Hygiene, Abstandsregelungen und Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wesentliche Maßnahmen.“ Dies betonte auf Anfrage Ann-Katrin Heimbuchner, Pressereferentin des Landkreises Waldeck-Frankenberg, in einer gemeinsamen Stellungnahme von Landkreis, Energie Waldeck-Frankenberg (EWF) und Nordhessischem Verkehrsverbund. Die EWF organisiert für den Landkreis als Schulträger den Schulbusverkehr in Waldeck-Frankenberg.

In Ausnahmefällen, zum Beispiel im Supermarkt oder im Öffentlichen Personennahverkehr, könnten nicht immer alle Schutzvorkehrungen, wie der Mindestabstand, zu jeder Zeit eingehalten werden. Daher gelte im Öffentlichen Personennahverkehr per Verordnung durch das Land Hessen grundsätzlich eine Maskenpflicht, an die sich auch die Schüler in Bussen und Bahnen halten müssten.

Ann-Katrin Heimbuchner: „Von dieser Pflicht befreit sind Kinder unter sechs Jahren oder Personen – auch Schüler –, die aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund einer Behinderung keine Mund-Nasen-Bedeckung tragen können. Alle, die aufgrund einer Behinderung oder aus gesundheitlichen Gründen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen können, müssen eine ärztliche Bescheinigung mitführen, die bei Aufforderung vorzuzeigen ist. Um den Datenschutz zu wahren, muss die Art der Erkrankung nicht auf dem Attest vermerkt sein.“

Insbesondere zum Schuljahresbeginn, aber auch darüber hinaus, werde es zeitweise zu Situationen kommen, in denen beispielsweise Schüler die Mindestabstände in den Bussen und Bahnen wegen einer hohen Anzahl zu befördernder Personen nicht einhalten könnten, bedauert die Pressereferentin.

Keine zusätzlichen Fahrten

Zusätzliche Fahrten anzubieten, „ist leider nicht möglich, da weder weitere Fahrzeuge noch Personal zur Verfügung stehen. Umso wichtiger ist hier das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes, zu dem die Fahrgäste per Verordnung verpflichtet sind“.

Weiterhin appelliert der Landkreis an die Schulen in Waldeck-Frankenberg, „zu prüfen, ob die Stundenpläne und Unterrichtszeiten weiter entzerrt werden können, sodass sich das Aufkommen der zu befördernden Schüler geregelt über den Tag verteilt und so die eingesetzten Fahrzeuge auf den Schulwegen gleichmäßig genutzt werden“, sagt Ann-Katrin Heimbuchner.

Hierbei gehe es besonders um die Entlastung der Fahrten zur ersten Stunde und nach der sechsten Stunde, „die aktuell stark genutzt werden. Auch die Möglichkeit, Schüler samstags zu beschulen, könnte geprüft werden“.

Die Corona-Pandemie sei eine Ausnahmesituation, die das gesamte öffentliche und private Leben weiterhin in Atem halte. Auch wenn es keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung geben könne, komme es auf jeden einzelnen an, die Ausbreitung des Virus gemeinsam zu verhindern, so Ann-Katrin Heimbuchner.

Daher appelliert der Landkreis auch an die Solidarität aller Eltern, „deren Kinder aus gesundheitlichen Gründen keinen Mund-Nasen-Schutz tragen können, wenn es ihnen möglich ist, die Beförderung ihrer Kinder auf dem Schulweg möglicherweise privat zu organisieren“.

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