Bruno Mecke im Interview

Musik in Zeiten der Krise: „Chorsingen stärkt die Gesundheit“

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Singen tut der Seele gut. Hier der Chor Haste Töne aus Berndorf unter Leitung von Elisabeth Herrlich bei einem Auftritt in der Adventszeit. Der Gemixte Chor besteht seit 25 Jahren besteht und plant im November ein Jubiläumskonzert.

Chorsänger lieben es, gemeinsam in einer Gruppe Musik zu machen. Doch sämtliche Proben und Auftritte fallen seit Wochen flach. Wer singt, ist jetzt ziemlich einsam.

Bruno Mecke, der Vorsitzende des Waldeckischen Sängerbundes, spricht im Interview mit WLZ-Redakteurin Stefanie Rösner darüber, was das für die Gemeinschaft bedeutet und wie Singen zum Wohlbefinden beiträgt.

Herr Mecke, Singen soll die Angst vertreiben. Was empfehlen Sie Ihren Sangesfreunden in dieser Zeit der Corona-Krise, wenn sich Chöre nicht mehr treffen dürfen?

Ich glaube nicht, dass Singen die Angst vor einer Ansteckung mit dem Covid-19 Virus vertreibt. Verantwortungsvolles Handeln zum Wohle aller ist hier gefragt, um die Verbreitung des Virus einzugrenzen. „Social Distancing“ – ein Schlagwort, das seit den letzten Wochen allgegenwärtig ist und dessen Bedeutung vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung nicht unterschätzt werden darf, gilt selbstverständlich auch für unsere Mitgliedschöre. Oft befinden sich auch Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko unter unseren Chormitgliedern. Vereinsvorstände und Chorleiter müssen sich abstimmen und umorganisieren, vorübergehend die Chorproben aussetzen und eventuell andere (elektronische) Möglichkeiten des Austausches und der Einstudierung finden.

Alleine Singen ist für viele nur halb so schön wie gemeinsam singen. Wie können Sänger das ausgleichen, was ihnen jetzt fehlt?

Wahrscheinlich überhaupt nicht. Das Singen in Gemeinschaft prägt als Kulturform unseren Lebensraum. Chorsingen ebnet Wege zur Entfaltung der Persönlichkeit und des eigenen Wertgefühls. Singen im Chor fördert nicht nur die Gesundheit, sondern soll auch glücklich machen und stärkt das Immunsystem. Es trägt zur Gesunderhaltung des Menschen bei, beeinflusst das Sozialverhalten positiv und vermittelt Freude an der Musik, die, insbesondere im Kindes- und Jugendalter erfahren, oftmals zum lebenslangen Begleiter wird. Auch die Pflege der Geselligkeit gehört ebenso zu den wöchentlichen Chorproben.

Bruno Mecke, Vorsitzender beim Waldeckischen Sängerbund

Für viele ist es eine herbe Enttäuschung, dass nun Auftritte und Feste ausfallen, für die sie monatelang geprobt haben. Wie gehen die Chöre damit um?

Es ist zurzeit nicht absehbar, ab wann und wie die Einschränkungen für jeden Einzelnen unserer Sängerinnen und Sänger wieder etwas gelockert werden. Wir haben alle nicht erwartet, dass uns einmal ein Virus so beängstigen und unser Zusammenleben innerhalb weniger Tage so beeinflussen würde. In Zeiten wie diesen entspricht nichts mehr der Normalität.

Natürlich ist es nicht schön, wenn man ein halbes Jahr oder noch länger für einen Auftritt, wie zum Beispiel einen Liederabend oder ein Jubiläum des Vereins geprobt hat, und dann keine Möglichkeit hat, gemeinsam aufzutreten. Der Applaus ist des Sängers Brot. Auch finanziell wird die Coronakrise unsere Chöre belasten.

Was macht es mit einer Stimme, wenn sie wochenlang nicht gefordert wird?

Das kann man mit einem Sportler vergleichen, der nicht mehr richtig trainieren kann.

Wie können die Sänger Zuhause üben?

Um irgendwelche Lieder zu üben gibt es mittlerweile Apps oder Kurse auf „YouTube“ im Internet. Wenn man aber richtig zu Hause singen üben will, mit der richtigen Stimm- und Atemtechnik, kommt man um die Mithilfe eines lebendigen Chorleiters nicht herum. Zum richtigen Singen braucht man ein echtes Feedback im Chor. Das Wichtigste ist ein begeisternder, mitreißender Chorleiter. Einer, der seinen Chor mitnimmt, der Ideen hat und bereit ist, auch mal die Ideen seiner Sänger umzusetzen.

Singen Sie selbst Zuhause?

Ja.

Was singen Sie am liebsten?

Am liebsten Rock und Pop – gerne auch mal in Englisch.

Ich habe den Eindruck, dass im Radio jetzt umso mehr Gute-Laune-Lieder gespielt werden. Kann es uns aufheitern, mitzusingen?

Singen ist gesund, baut Stress ab und sorgt für Glücksgefühle. Reichlich Gründe also, öfter einmal das Lieblingslied im Radio lauter zu drehen und aus voller Kehle mitzuschmettern.

In Italien singen die Menschen vom Balkon aus. In Deutschland vereinbart man dafür übers Internet feste Zeiten. Sind wir zu verklemmt, um einfach spontan los zu trällern?

Die Idee einfach mal los zu singen, um den Ängsten und Sorgen in Zeiten der Corona-Krise etwas Fröhliches entgegenzusetzen, ist gut. Musik ist etwas, was sehr viele Leute glücklich macht. Viele vermissen jetzt auch ihre Chorproben. Flashmobs machen immer Spaß, das macht man viel zu selten.

In den engen Gassen der Städte mit Balkonen ist diese Art des Singens spontan recht schnell möglich. Bei uns im ländlichen Raum braucht es doch eine gewisse Absprache, um gemeinsam auf dem Balkon oder im Garten zu singen. Daher rufen jetzt einige Landesmusikräte dazu auf, an festen Zeiten auf dem Balkon oder im Garten zu singen.

Was empfehlen Sie Menschen, die meinen, nicht singen zu können?

Singen gehört zur Natur des Menschen, wie man an jedem kleinen Kind sehen kann. Viele Zeitgenossen, auch bewusst moderne, erleben das Singen als beglückenden Ausgleich zu den Schattenseiten der Massengesellschaft. Obwohl es zahlreiche gute Gründe für das Singen gibt, haben viele Menschen jedoch Hemmungen, in der Öffentlichkeit oder in Gesellschaft von anderen zu singen. Doch grundsätzlich gilt: Jeder kann singen! Dabei kommt es nicht darauf an, Noten lesen zu können und jeden Ton zu treffen. Im Vordergrund sollten die vielen positiven Effekte stehen, die das Singen auf uns hat.

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