Kassel

Wahlkampf führt Bundeskanzlerin Merkel und weitere CDU-Spitzenpolitiker nach Kassel

+

- Kassel (jos). In Zeiten des Wahlkampfs spielt für die Bundeskanzlerin die Musik auch schon einmal weit abseits von Berlin: Am Montag trat sie mit Franz-Josef Jung, Roland Koch und den nordhessischen CDU-Direktkandidaten in Kassel auf.

Sanfte Gitarrenklänge schallen über den Königsplatz. Dann der Einsatz von Sänger Mick Jagger – und die CDU-Anhänger schwenken orange leuchtende Zettel mit der Aufschrift „Angie“ durch die Luft, während der gleichnamige Rolling-Stones-Hit weiter vom Band läuft. Auf dem Kasseler Königsplatz feiern rund 4000 Menschen ihre Bundeskanzlerin – teilweise so lautstark und mit so gewaltigem Applaus, als wäre sie ein Rockstar.

Würde die Kanzlerin tatsächlich in einer Band spielen, dann wäre sie vermutlich Schlagzeugerin: Sie gibt den Takt vor und hält die Gruppe zusammen. Gleichzeitig müsste Merkel allerdings auch singen, das ist bei Frontfrauen in Bands so üblich. Bei ihrem Auftritt in Kassel belässt sie es zunächst allerdings beim fröhlichen Pfeifen: Während eine echte Band auf der Nebenbühne „Simply the best“ spielt, spitzt Merkel vergnügt die Lippen und klopft munter im Rhythmus der Musik mit der Hand auf den Tisch.

„Talsohle durchschritten“

Klagelieder sind in den zurückliegenden Monaten ohnehin genug angestimmt worden. Glaubt man der Kanzlerin, gibt es dafür bald keinen Grund mehr: Die Talsohle sei durchschritten, sagt Merkel über die Wirtschaftskrise. Damit es nicht noch einmal zum großen Banken-Crash kommt, kämpfe sie für internationale Regelungen des Finanzmarkts. Es dürfe nie wieder passieren, „dass Banken uns als Staaten erpressen können“, unterstreicht die Kanzlerin, deren Regierung sich gezwungen sah, „notleidende Banken“ zu unterstützen. Ein Begriff, der mit großer Wahrscheinlichkeit den Weg in die Geschichtsbücher finden wird.

Roland Koch ist neben der singenden Trommlerin Merkel eher der E-Gitarrist. Mit heftigen Riffs versucht er, den politischen Gegner zu übertönen: Nordhessens Chance sei die zentrale Lage mitten in Europa – doch in Sachen Straßenbau hätten SPD und Grüne immer wieder Steine in den Weg gelegt. Und auch in der Bundesregierung sieht Koch die Sozialdemokraten als Bremser: „Wir wollen Fahrt aufnehmen, deshalb müssen wir raus aus der Großen Koalition“, sagt der Ministerpräsident. Kanzlerin Merkel indes will im Orchester der Großen Koalition offenbar nach wie vor keine Missklänge – und vermeidet es, die SPD anzugreifen.

Sie pflügen und sie streuen – doch sie ernten derzeit hauptsächlich Unverständnis: Deutschlands Bauern sind verzweifelt. So sehr, dass viele von ihnen aus Protest abertausende Liter Milch auf Feldern verteilt haben. Der Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) erklärt, es gebe keine andere Wahl, als diesen letzten Schritt zu gehen. Doch im Echo der Öffentlichkeit ist die Empörung lauter als der Beifall. Merkel hingegen verspricht den Landwirten Unterstützung. Den nach Polizeiangaben rund 30 demonstrierenden Milchviehhaltern auf dem Königsplatz ruft die Kanzlerin zu: „Wir werden weiter dranbleiben, Ihnen zu helfen.“

An alle ihre Zuhörer in Kassel richtet die CDU-Chefin einen deutlichen Appell: „Gucken Sie genau, was Sie kaufen.“ Heutzutage werde Käse angeboten, der gar keiner sei. „No milk today“ – nicht mit Kanzlerin Merkel. „Gute Lebensmittel haben ihren Preis“, betont sie.

Auf eine lautstarke Demonstrations-Gruppe von laut Polizei rund 60 Atomkraftgegnern geht Merkel nicht ein. Stattdessen knüpft sie als nächstes an die NDW-Band „Geier Sturzflug“ an, die vom In-die-Hände-Spucken zur Steigerung des Bruttosozialproduktes singt: „Wer arbeitet, muss mehr haben, als wenn er nicht arbeitet“, sagt die Kanzlerin und ruft die dazugehörigen Slogans über den Platz: „Mehr Netto vom Brutto, Leistung muss sich lohnen“ – zwei echte Evergreens, die auch die Wunschkoalitionspartner von der FDP gerne immer wieder anstimmen.Den Pink-Floyd-Hit „Another brick in the wall“ würde Merkels Band wohl nicht ins Programm aufnehmen: Während die Rocker singen, sie brauchten keine Bildung, untermauert die Kanzlerin: Bildung und Forschung seien Deutschlands wertvollster Schatz.

Auch gesellschaftspolitische Themen streift Merkel in Kassel: Die Menschen sollten die Wahl haben, wie sie Familie und Beruf miteinander vereinen, unterstreicht die Kanzlerin. Bürgerschaftliches Engagement verdiene mehr Anerkennung. Nach der Wahl wolle sie mit Oberbügermeistern und Landräten darüber diskutieren, wie das Ehrenamt gestärkt werden könnte.

„Bin Kanzlerin für alle“

„Ich bin Kanzlerin für alle Menschen in diesem Land“, ruft Merkel durchs Mikrofon, bevor sie mit den Besuchern auf dem Königsplatz das Deutschlandlied anstimmt – ohne Mikrofon. Auf der Bühne erheben auch der Spitzenkandidat der Hessen-CDU, Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, Ministerpräsident Roland Koch und die nordhessischen CDU-Direktkandidaten ihre Stimme.

Nach insgesamt rund 60 Minuten ist der Auftritt der Spitzenpolitiker in Kassel vorbei. Ob Angela Merkel in Berlin noch die ein oder andere Zugabe bringen darf – und wenn ja mit welcher (Regierungs-)Besetzung – darüber entscheiden am nächsten Sonntag die Wähler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare