Kreisverband fürchtet Nachteile bei Bewirtschaftung

Waldbesitzer lehnen Öko-Siegel FSC ab

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Gruppenbild mit Kanzlerin: (v.l.) Christian Raupach, Geschäftsführer des Hessischen Waldbesitzerverbandes, Carsten Wilke, Leiter der Abteilung „Forsten und Naturschutz“ im hessischen Umweltministerium, Manfred Küthe, Privatwaldreferent des Landes Hessen,

Twistetal-Mühlhausen - Die Kanzlerin ließ sich blicken, der Landrat fehlte: Bei der Jahreshauptversammlung der Waldbesitzer vernahmen die mehr als 100 Teilnehmer zunächst eine Grußadresse von Angela Merkel, dann eine teils harsche Politik(er)schelte ihres Vorsitzenden Karl Fischer.

Die „Grundregeln der Waldbewirtschaftung werden in Frage gestellt“, brachte Kreisverbands­Chef Karl Fischer (Stormbruch) die Sorge der Mitglieder auf den Punkt, sollte eine Initiative von SPD und Grünen im Kreistag die Mehrheit finden.

Im Juni vergangenen Jahres hatten beide Fraktionen gemeinsam beantragt, „Grundlagen dafür zu schaffen, dass der Kreiswald Viermünden und der Domanialwald nach den Kriterien des FSC-Deutschland zertifiziert werden“. Das Gütesiegel steht für „Forest Stewardship Council“. Das damit verbundene Leitbild der „natürlichen Waldgesellschaft“ sieht unter anderem vor, dass generell fünf Prozent der FSC-Flächen (ab 1000 Hektar) als Referenzflächen stillzulegen sind und der Einsatz chemischer Spritzmittel noch strikter reglementiert wird.

„Stiefmütterlich behandelt“

„Machen Sie unseren Wald nicht zum Spielball wechselnder Mehrheiten“, appellierte Fischer an Landrat Dr. Reinhard Kubat, der ebenso wie sein Stellvertreter und Erster Kreisbeigeordneter Jens Deutschendorf nicht an der Versammlung in Mühlhausen teilnahm. „Liegt es daran, dass man sich nicht traut, Stellung zu beziehen?“, mutmaßte der Vorsitzende. Dies halte er zwar für „äußerst betrüblich“, aber nicht für überraschend: „Wir sind stiefmütterliche Behandlung leider gewohnt.“

Rund 1200 Mitglieder umfasst die Kreisgruppe Wal­deck-Frankenberg im Hessischen Waldbesitzerverband. Werde das FSC-Zertifikat eingeführt, sei dies „für den Koalitionsfrieden nützlich, aber nicht unbedingt für den Wald“, führte der seit 18 Jahren amtierende Kreisverbandschef weiter aus. Wer politische Scheuklappen trage, lasse „keinen forstwirtschaftlichen Sachverstand gelten“, sagte Fischer und stellte für den Waldbesitzerverband fest: „Wir plädieren dafür, es bei der PEFC-Zertifizierung zu belassen.“

PEFC („Programme für the Endorsement of Forest Certification Schemes“) ist ein ebenfalls internationaler Standard, der in Deutschland etwa zwei Drittel der Waldfläche umfasst und für den großen Waldbesitz unter Kreisregie bereits seit mehr als zehn Jahren gilt. Die Kosten für das PEFC-Zertifizierungsverfahren liegen deutlich unter denen des FSC-Labels. Damit hat es PEFC geschafft, auch die vielen kleinen Privatwaldbesitzer einzubinden.

Grundsätzlich dienen Gütesiegel dazu, das Holz besser zu vermarkten. „Auf Kosten von uns Waldbesitzern wollen sich Politiker eine weiße, oder besser grüne, Weste verschaffen“: Gegen ein stärker an ökologischen Kriterien orientiertes Forst-Prädikat sprach sich auch Wittekind Fürst zu Waldeck und Pyrmont aus. Der Ehrenpräsident des Hessischen Waldbesitzerverbandes Waldeck rief die Verbandsmitglieder auf, geschlossen und öffentlichkeitswirksamer aufzutreten, um den mitunter fragwürdigen Aktionen großer Umweltverbände Paroli zu bieten.

„Die Politik sollte denen zuhören, die tagtäglich den Wald nachhaltig bewirtschaften“, betonte Christian Raupach, Landes-Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands. In Hessen gebe es eine breite Bewegung für das bewährte System. Der PEFC-Standard gelte in 400 der insgesamt 420 waldbesitzenden Kommunen und umfasse somit 88 Prozent aller Waldflächen im Bundesland. Mit der Einführung des FSC-Siegels seien fünfmal höhere Kosten verbunden, betonte Raupach. Und es habe „erhebliche Auswirkungen auf die Ertragsfähigkeit der Wälder“.

Ertragreich ist der Domanialwald mit seinen etwa 19 000 Hektar Fläche ohne Frage. Das Eigentum der waldeckischen Gemeinden stammt aus einer Erbschaft zur Zeit des Fürstentums und späteren Freistaats Waldeck, die per Staatsvertrag geregelt wurde. Rund 70 Prozent des Domanialwaldes betreut das Forstamt Diemelstadt, 30 Prozent das Forstamt Vöhl.

Sollte die Bewirtschaftung durch einen Kreistagsbeschluss auf FSC umgestellt werden, dann wirkt sich eine solche Entscheidung auch auf die privaten und kommunalen Waldbesitzer aus. „Verlässliche Landespolitik“ „Politische Entscheidungen müssen nicht automatisch sachfremd sein“, leitete Carsten Wilke, Leiter der Abteilung „Forsten und Naturschutz“ im hessischen Umweltministerium, zu einem weniger konfliktreichen Thema über: „Betreuung des Privat- und Körperschaftswaldes in Hessen“.

In seinem Vortrag verwies er auf die Eckpfeiler einer „verlässlichen Forstpolitik auf Landesebene“. So vertrauten auch nach der eingeführten Wahlfreiheit der überwiegende Teil der Kommunen dem Landesbetrieb Hessen-Forst. Die forstlichen Förderprogramme umfassen laut Wilke in diesem Jahr rund 4,6 Millionen Euro. Fast ein Drittel dieser Zuschüsse landet in Waldeck-Frankenberg. An der rund dreistündigen Versammlung nahmen zahlreiche Bürgermeister teil, außerdem die Landtagsabgeordneten Armin Schwarz (CDU, Bad Arolsen) und Heinrich Heidel (FDP, Vöhl) sowie viele Vertreter land- und forstwirtschaftlicher Verbände, Einrichtungen und Behörden. Die Videobotschaft der Kanzlerin galt im Übrigen allen Waldbesitzern in Deutschland. Anlässlich der Grünen Woche in Berlin hatte Angela Merkel an den Erfinder des heute so oft verwendeten Begriffs „Nachhaltigkeit“ erinnert: „Der sächsische Oberberghauptmann Carl von Carlowitz forderte schon 1713, dass nur so viel Holz geschlagen werden soll, wie nachwachsen kann.“

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