Zu jung für ein Handwerk?

15-jähriger Waldeck-Frankenberger mit Schulabschluss fällt durchs Raster

Corona bringt in diesem Jahr vieles durcheinander – ein Junge, der eine Lehrstelle als Schreiner fast sicher hatte, muss nun noch ein Jahr Schule dranhängen, macht im Grunde seinen Abschluss doppelt.
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Corona bringt in diesem Jahr vieles durcheinander – ein Junge, der eine Lehrstelle als Schreiner fast sicher hatte, muss nun noch ein Jahr Schule dranhängen, macht im Grunde seinen Abschluss doppelt.

Auf dem Weg vom Schulabschluss ins Ausbildungsleben gibt es manchmal Umwege – selbst, wenn das Ziel schon lange klar ist. Weil ein 15-jähriger Junge aus Waldeck-Frankenberg für eine Lehrstelle im Schreiner-Handwerk als zu jung gilt, ist er weiter schulpflichtig – und macht den Abschluss, den er eigentlich schon in der Tasche hat, nun noch einmal, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Dabei hat es eine ganze Weile gedauert, bis die sondiert und er „unter“ war. „Das hat viel Zeit und Nerven gekostet“, sagt die Mutter des 15-Jährigen.

  • Weil in Hessen eine verlängerte Schulpflicht besteht muss ein 15-Jähriger aus Waldeck-Frankenberg den Abschluss nochmals machen, den er schon in der Tasche hat.
  • Wer in Hessen nach der Erfüllung der Schulpflicht weder ein Ausbildungsverhältnis beginnt noch eine weiterführende Schule besucht, für den verlängert sich die Vollzeitschulpflicht automatisch um ein weiteres Schuljahr.
  • Ein Berufsgrundbildungsjahr kann nur machen, wer schon die Zusage für eine Ausbildungsstelle in der Tasche hat - Klassen kommen nicht immer zustande.
  • Die Berufsfachschule ist nur eine Alternative zur Berufsausbildung - die Ausbildung wird vergütet, die Schule nicht.

Waldeck-Frankenberg. Nennen wir ihn Peter. Als Peter im letzten Schuljahr der Hauptschule ist, bekommt er nach einem Praktikum die mündliche Zusage für einen Ausbildungsplatz in seinem Traumjob: Er möchte unbedingt Schreiner werden. Das ist Anfang des Jahres. Doch dann kommt Corona – und der Meister zieht das Angebot zurück, weil er nicht wisse, wie sich die Situation weiterentwickele, erklärt die Mutter von Peter: „Wir waren natürlich enttäuscht, haben aber auch die Position des Meisters verstanden, und dachten: Kein Problem, vielleicht findet er einen anderen Ausbildungsplatz oder er bildet sich in einer weiterführenden Schule noch ein Jahr auf seinen Traumberuf vor“. Was dann für die Mutter folgt, sind viele Anrufe bei Schulen, der Agentur für Arbeit und Handwerksfirmen.

Im Sommer erlangt Peter seinen qualifizierten Hauptschulabschluss, er hat das drittbeste Zeugnis aus der Klasse. Etwa zur selben Zeit wird er 15 Jahre alt. „Ich habe noch in den Ohren, wie der Lehrer den Kindern riet, nicht unbedingt auf weiterführende Schulen zu gehen, sondern gleich ein Handwerk zu lernen, da würden sie gebraucht und mit Kusshand genommen. Das geht für uns aber ziemlich an der Realität vorbei“, sagt die Mutter.

Denn: „Einige Handwerksfirmen waren wirklich sehr bemüht, haben uns aber auch gesagt, dass mein Sohn mit gerade 15 Jahren noch zu jung für das Handwerk sei, außerdem keinen Führerschein besitzt“, erklärt die Mutter. Die Berufsberatung habe ihm drei Ausbildungsangebote gemacht in über 30 Kilometer Entfernung – wie will der Junge dahinkommen, ohne Auto.

„Die Agentur für Arbeit war für Peter nicht zuständig, weil in Hessen eine verlängerte Schulpflicht besteht. Das weiß man ja auch nicht einfach so, aber Fakt ist: Wer nach der Erfüllung der Schulpflicht weder ein Ausbildungsverhältnis beginnt noch eine weiterführende Schule besucht, für den verlängert sich die Vollzeitschulpflicht automatisch um ein weiteres Schuljahr. So konnten wir auch die Angebote der Kreishandwerkerschaft nicht in Anspruch nehmen“, erklärt die Mutter.

Also versuchen sie und Peter, eine Schule zu finden, die ihn seinem Berufswunsch einen sinnvollen Schritt näher bringt. „Bei den Berufsschulen in Korbach und Frankenberg erfuhr ich: Ein Berufsgrundbildungsjahr kann nur machen, wer schon die Zusage für eine Ausbildungsstelle in der Tasche hat, außerdem hatten sich dafür zu wenig Kinder angemeldet, es müssen mindestens 15 sein. Eine zweijährige Berufsfachschule wurde nur in Gesundheit und Ernährung angeboten, und das in Bad Arolsen und Bad Wildungen – also zu weit weg. In Richtung Holz und Metall kam keine Klasse zustande, es müssen auch da mindestens 15 Jugendliche zusammen kommen“, zählt die Mutter auf. Die Mittlere Reife in einer regulären Schule zu machen gilt als nicht möglich, weil in zu kurzer Zeit zu viel aufgeholt werden müsste.

Das sagt die Viessmann-Schule

Wie kommt es, dass seit einigen Jahren keine zweijährige Berufsfachschule mehr zustande kommt? „Das liegt einfach daran, dass in den vergangenen zehn Jahren sehr viel in Handwerk und Unternehmen ausgebildet wurde. Die haben während der Wirtschaftsbooms händeringend nach Auszubildenden gesucht. Die Berufsfachschule war ja nur eine Alternative zur Berufsausbildung, die für Jugendliche viel interessanter ist“, erklärt Klaus Lötzerich, Leiter der Hans-Viessmann-Schule in Frankenberg und Bad Wildungen.

Und das Berufsvorbereitungsjahr gehe weit über das rein Schulische hinaus. „Beim Berufsvorbereitungsjahr steht der Hauptschulabschluss gar nicht so sehr im Vordergrund – das Jahr macht die Jugendlichen fit für die Ausbildung, lehrt grundlegende Umgangsformen und bietet auch fachliche Vorbereitung in Theorie und Praxis. Das bringt sie schon weiter“, sagt der Schulleiter. (md)

„Da fühlt man sich wirklich verloren. Es ist sehr schwierig, sich da durch zu fuchsen und sein Kind gut unterzubekommen. Zu meinem jüngsten Sohn habe ich jetzt schwerhaft gesagt: Du bleibst am besten einmal sitzen, dann habe ich das Problem nicht,“ sagt die berufstätige Mutter von drei Kindern. Die muss sie oft fahren, weil die Busverbindungen auf dem Lande nicht immer zu den Schulzeiten und Hobbys passen. Das ist auch ein Grund, warum Peter nicht sonst wo eine Ausbildung beginnen kann. „Wir fahren ihn natürlich, die Lehrstelle muss aber in einer Entfernung liegen, die für uns noch zu schaffen ist.“ md

Mehr als zwei Monate nach Beginn des regulären Schulanfangs hat Peter Ende Oktober an der Hans-Viessmann-Schule in Frankenberg schließlich ein Berufsvorbereitungsjahr begonnen. Das ist, so steht es auf der Website der Schule, eigentlich vor allem für Jugendliche, die eine Förderschule besuchen, einen schlechten oder gar keinen Hauptschulabschluss haben, oder auch schlecht Deutsch sprechen. Während das auf Peter alles nicht zutrifft, so doch eine der Aufnahmebedingungen: Aufgenommen wird unter anderem, wer noch keine zehn Schuljahre absolviert hat. In der Klasse ist Peter wieder der jüngste, doch der Unterricht gefällt ihm gut, die Richtung stimmt: Holz/Metall, inklusive zwei Praxistage, ansonsten Unterricht – und im Januar ein Praktikum, das ihn hoffentlich seinem Wunsch näher bringt: Im August endlich Ausbildung als Schreiner zu beginnen.

Von Marianne Dämmer

Das sagt der Innungsmeister

„Früher waren alle Kinder, die eine Lehre angefangen haben, 15 oder sogar noch ein Jahr jünger“, sagt der Innungsmeister der Tischler-Innung, Willi Mitze aus Basdorf. „Der Junge soll sich viel bewerben, Praktika machen und da zeigen, dass er wirklich Ambitionen hat. Ganz wichtig: Pünktlich bei der Arbeit sein, zuverlässig, höflich – dann bekommt er auch wieder eine Lehrstelle, er hatte ja schon eine Zusage.“

Während der Coronakrise hätten nur die Betriebe, die auf Messebau und Gastronomie spezialisiert seien, keine oder kaum Aufträge. Alle anderen hätten die Auftragsbücher voll. Abgesehen davon sei seine Erfahrung, dass Kinder in der Schule kaum auf die berufliche Wirklichkeit vorbereitet würden. Deshalb setze sich seine Innung auch mit Nachdruck dafür ein, dass das Berufsgrundbildungsjahr wieder eingeführt werde, etwa in dem in einem Flächenkreis wie Waldeck-Frankenberg einfach kleinere Klassen erlaubt würden. (md)

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