Landgericht Kassel ändert Urteil in der Berufungsverhandlung

Spielsüchtigem 38-Jährigen bleibt Haft erspart

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Vor Gericht musste sich ein 38-jähriger Mann aus Waldeck-Frankenberg verantworten, weil er seine Spielsucht am Computer mit fremdem Geld finanziert hatte.

Kassel/Waldeck-Frankenberg – Zweimal hatte das Korbacher Amtsgericht einen 38-jährigen Angeklagten wegen Computerbetruges bereits zu Haftstrafen verurteilt, die er auch weitgehend abgesessen hat. Jetzt wurde ein dritter Fall vor dem Kasseler Landgericht verhandelt.

Im Februar war der Mann vom Richter in Korbach wegen gewerbsmäßigen Computerbetruges in 72 Fällen erneut zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Dagegen hatte der Mann aus dem Landkreis Waldeck-Frankenberg Berufung eingelegt.

Im Berufungsverfahren stieß der schwer spielsüchtige Mann mit dem harten Schicksal auf einen verständnisvollen Staatsanwalt und milde Richter: Richter Reichhardt von der 7. Strafkammer wandelte die neun Monate Gefängnis in eine Bewährungsstrafe um, sodass dem Mann ein erneuter Gang hinter Gitter erspart bleibt.

Was hatte er getan? Bei Rollen-Spielen im Internet hatte er mit echtem Geld virtuelle Kräfte für seine Spielfiguren gekauft. Allerdings nicht mit eigenem Geld, sondern mit Fake-Daten zu echten Kontoverbindungen, darunter auch öffentlich bekannte Konten von gemeinnützigen Institutionen oder Firmen.

In anderen Fällen löste er Lastschriften für Dritte durch Hinterlegen ihrer Kontoverbindungen aus oder bediente sich des Paypal-Accounts eines Fremden. Das, so Staatsanwalt Hauth, sei offenbar erschreckend einfach und unproblematisch, sodass am Ende ein Schaden von über 8200 Euro zu Buche schlug.

Der Angeklagte ist schwerst spielsüchtig – mitunter spielte er 24 Stunden am Tag – und hat einen exzessiven Tabakkonsum. Seit einer missglückten Bandscheiben-OP ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Lange habe er sich um die Kostenübername für eine stationäre Therapie gegen seine Spielsucht durch eine Krankenkasse bemüht, sagte er. Diese lehnte aber mit Verweis auf eine geringe Erfolgsaussicht der Reha-Behandlung eine Therapie ab.

Inzwischen hat der 38-Jährige eine behindertengerechte Wohnung, erfährt soziale Stabilität durch seine Verlobte und hat seinen PC der Bewährungshelferin übergeben. Seit der Entlassung aus der Haft ist er auch nicht mehr straffällig geworden. All dies und der vom Angeklagten glaubhaft vermittelte Wunsch die Computerspiele hinter sich zu lassen, bewogen Anklage und Gericht, ihm noch einmal eine Chance zu geben.

„Sie müssen das jetzt aber auch schaffen“, sagte Richter Reichhardt. Bei einem erneuten Scheitern stünden noch 14 Monate Gefängnis im Raum. (tom)

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