Organisations-Chaos: Termine können noch nicht vergeben werden

Kostenlose Corona-Schnelltests: Hausärzte und Apotheken müssen Menschen vertrösten

ARCHIV - 29.12.2020, Niedersachsen, Nordhorn: Ein Abstrich für einen PCR-Test wird von einem Mitarbeiter im Corona-Testzentrum genommen. Die deutschen Gesundheitsämter haben dem Robert Koch-Institut (RKI) 32.552 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden gemeldet. Außerdem wurden 964 neue Todesfälle verzeichnet, wie das RKI am Donnerstagmorgen bekanntgab.
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Corona-Test: Ein Arzt macht einen Abstrich.

Viele Menschen in Waldeck-Frankenberg haben am Montag vergeblich versucht, einen Termin für einen kostenlosen Corona-Schnelltest zu bekommen.

Waldeck-Frankenberg - Dieser sollte nach der Vereinbarung von Bund und Ländern in der vergangenen Woche eigentlich schon seit dem 8. März in Apotheken, Testzentren und Hausarztpraxen angeboten werden.

Ärzte und Apotheker in Waldeck-Frankenberg mussten ihre Patienten und Kunden aber erst einmal vertrösten – sie wissen aktuell noch gar nicht, wie sie das Angebot der Gratis-Schnelltests umsetzen sollen und warten auf konkrete Instruktionen vom Gesundheitsamt des Landkreises. „Wie bei der Verteilung der Gratis-Masken wurde auch bei den kostenlosen Schnelltests wieder etwas versprochen, ohne sich zuvor einen Plan zu überlegen, wie das Ganze organisiert und umgesetzt werden soll“, sagte Dagmar Brock von der Stern-Apotheke in Bad Wildungen auf Anfrage unserer Zeitung.

Karl-Friedrich Frese, Erster Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent, sagte: „Das Ziel, dass kostenlose Corona-Schnelltests bereits ab diesem Montag in den Hausarztpraxen und Apotheken des Landkreises gemacht werden können, konnte überhaupt nicht erreicht werden.“

Die dafür notwendige Verordnung des Bundes habe bis zum Montag noch gar nicht vorgelegen. Folglich sei es für den Landkreis auch nicht möglich gewesen, diese per Allgemeinverfügung für Waldeck-Frankenberg durchzusetzen. „Da werden Versprechungen gemacht, ohne eine wirkliche Ahnung von der praktischen Umsetzung zu haben“, kritisierte Frese.

Trotz der fehlenden Verordnung sei der Landkreis bereits tätig geworden. „Wir haben am späten Montagvormittag die Hausarztpraxen und Apotheken in Waldeck-Frankenberg direkt angeschrieben und sie gefragt, ob sie die kostenlosen Corona-Schnelltests in ihren Räumen anbieten können. In den kommenden Tagen werden wir nun gemeinsam festlegen, wie die Corona-Testungen genau durchgeführt werden.“

„Es herrscht eine große Unsicherheit“

In der Stern-Apotheke in Bad Wildungen stand am Montag das Telefon nicht mehr still. Viele Menschen wollten einen Termin für einen kostenlosen Corona-Schnelltest vereinbaren – auch vor Ort fragten Kunden nach. „Wir konnten ihnen leider nicht weiterhelfen, da wir momentan auch ratlos sind“, sagte Apothekerin Dagmar Brock. Bislang seien sie vom Landkreis noch nicht damit beauftragt worden, die Tests anzubieten. Dafür habe sie auch Verständnis, schließlich sei alles ein „Schnellschuss von Bund und Ländern“ gewesen.

„Wir werden uns natürlich nicht verweigern, aber es gibt noch einige Dinge zu klären“, sagt Dagmar Brock. Zunächst müsse geklärt werden, wie die Abrechnung für die Apotheken geregelt sei. „Angeblich werden uns sechs Euro für das Test-Equipment und zwölf Euro für die eigentliche Testung erstattet. Die Abrechnung soll über die Kassenärztliche Vereinigung laufen, mit der wir aber eigentlich keine Berührungspunkte haben“, sagt die Apothekerin.

Fraglich sei auch, wie die Terminvergabe zu organisieren sei. „Woher wissen wir, ob sich der Kunden in der Woche nicht schon einmal in einer anderen Apotheke oder bei einem Hausarzt hat testen lassen? Es muss also eine entsprechende Buchführung geben“, sagt Dagmar Brock. Außerdem müssten in der Apotheke ausreichend Raum- und Zeitkapazitäten geschaffen werden, weil sich Testwillige und normale Kunden nicht begegnen dürften. Die Apothekerin schlägt deshalb vor, zum Beispiel in der Bad Wildunger Wandelhalle ein Testzentrum einzurichten. Die ortsansässigen Apotheken könnten dort dann mit ihrem Personal im Wechsel die Testungen durchführen.

Ob zudem genügend Corona-Schnelltests beschafft werden können, sei ebenfalls unklar. „Wir wissen nicht, wie lange die Tests lieferbar sind. Durch die kostenlose Bereitstellung werden sie schließlich stärker nachgefragt“, so Dagmar Brock.

Sie betont auch, dass eine Impfung des Apotheken-Personals so schnell wie möglich erlaubt werden müsse. „Wir gehen davon aus, dass sich jetzt auch vermehrt Menschen von uns impfen lassen wollen, die bereits Symptome haben und diese über den Test abklären lassen wollen. Diese Möglichkeit besteht ja nun durch den kostenlosen Corona-Test – und nicht jeder teilt uns mit, dass er Symptome hat.“ Es sei daher sehr wichtig, durch eine Impfung geschützt zu werden. „Wir arbeiten schließlich an vorderster Front.“

Franz Kirchner von der Hirsch-Apotheke in Korbach wartet ebenfalls auf Instruktionen vom Landkreis, um kostenlose Corona-Schnelltests anbieten zu können. Er hält es aber eher für unrealistisch, dass viele Apotheken im Landkreis die Gratis-Tests in großem Stil durchführen können. „Für uns ist das nur außerhalb der Öffnungszeiten möglich, da wir keinen separaten Eingang haben – und die Testwilligen müssen ja von den übrigen Kundenströmen getrennt werden“, sagt der Apotheker, der schon jetzt kostenpflichtige PCR-Tests und Corona-Schnelltests außerhalb der Öffnungszeiten anbietet. „Dass ich das aber zusammen mit den Gratis-Tests künftig noch länger – zum Beispiel von 18 bis 23 Uhr mache – ist unmöglich.“

Karen-Franziska Geiler von der Nationalpark-Apotheke in Frankenau hatte schon am vergangenen Wochenende während des Notdienstes ihrer Apotheke in Korbach die ersten Anfragen zu kostenfreien Covid-Schnelltests. „Heute morgen haben auch schon etliche hier in Frankenau angerufen“, ergänzte am Montag der Kaufmännische Leiter, Andreas Göbel. Die habe er allerdings an ihre jeweiligen Hausärzte verwiesen. Die Nachfrage sei insgesamt groß. „Die meisten denken, den kostenlosen Schnelltest könnte man selbst zuhause machen. Das stimmt aber nicht, er muss von einem Arzt oder Apotheker abgenommen werden“, stellt Göbel klar. Es herrsche noch eine große Unsicherheit und es bestehe großer Beratungsbedarf bei den Kunden.

Für das Foto halten Apothekerin Karen-Franziska Geiler und Andreas Göbel von der Nationalpark-Apotheke in Frankenau zwar Corona-Schnelltests in die Kamera. Hierbei handelt es sich aber um einen Corona-Antigen-Schnelltest, der derzeit nur von Ärzten benutzt werden darf. 

Hausärzte fühlen sich schlecht informiert

Auch als unsere Zeitung am Montag in der Korbacher Gemeinschaftspraxis von Dr. Silke Plotz-Potthoff und Dr. Guido Werning anrief, war die unklare Situation hinsichtlich der Durchführung von kostenlosen Corona-Schnelltests das beherrschende Thema. Praxismanagerin Kerstin Haber berichtete, dass sie am späten Montagvormittag zwar eine E-Mail vom Landkreis Waldeck-Frankenberg erhalten habe – konkrete Details hätten in dem Schreiben allerdings nicht gestanden. „Wie auch? Der Landkreis wurde von der Ankündigung vergangene Woche genauso überrascht, wie die Hausarztpraxen und Apotheken. Es ist einfach nicht nachvollziehbar, dass kostenlose Schnelltests versprochen werden, aber ein Konzept zur Umsetzung erst im Nachgang erarbeitet wird“, sagt Kerstin Haber.

Das sieht auch der Korbacher Allgemeinmediziner Dr. Peter Koswig so. „Das ist alles einfach total schlecht organisiert. Es gibt aktuell auch kaum etwas darüber zu erfahren, wie die Hausarztpraxen die Ausgaben für die kostenlose Bereitstellung der Corona-Schnelltests genau erstattet bekommen oder wie das generell alles abgerechnet wird. Angeblich sollen auch schon mehrere Millionen Tests bereitstehen. Doch wo die genau sind und wie sie in die Hausarztpraxen kommen, ist auch nirgendwo zu lesen“, sagt der Arzt. Koswig geht auch davon aus, dass es noch mehrere Tage dauern wird, bis die Unklarheiten beseitigt sind und er seinen Patienten feste Termine für die kostenlosen Tests geben kann.

Dr. Peter Koswig, Hausarzt in Korbach

Igor Wolff hält Corona-Schnelltests durchaus für sinnvoll und würde sie auch seinen Patienten anbieten. „Wir wissen aber im Moment nichts über das Prozedere. Müssen wir uns als Arztpraxis selbst um die Tests kümmern oder werden sie uns zur Verfügung gestellt?“, fragt der Korbacher Allgemeinmediziner. Grundsätzlich wolle man bei der Durchführung der kostenfreien Schnelltests mitmachen. „Klar ist aber auch: Wir können uns nicht in ein Testzentrum verwandeln, diese Kapazitäten haben wir nicht. Wir müssen uns schließlich auch weiterhin in vollem Umfang um unsere Patienten und die Behandlung ihrer Krankheiten kümmern.“

Start im Testcenter in Korbach bereits erfolgt

Während die kostenlosen Corona-Schnelltests in Apotheken und Hausarztpraxen noch auf sich warten lassen, werden diese aber bereits im Testcenter in Korbach im Ziegelhütter Weg angeboten. Ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen sagte auf Anfrage, dass man dafür lediglich im Testcenter vorbeikommen müsse. Allerdings sei die Zahl der Tests begrenzt.

Hintergrund: Schnelltest und Laien-Selbsttest - das ist der Unterschied

Der Corona-Schnelltest, der pro Person einmal wöchentlich kostenfrei ist, kann nur durch geschultes Personal durchgeführt werden. Dafür wird ein Nasen- oder Rachenabstrich gemacht. Die Auswertung erfolgt vor Ort. Der Getestete erhält einen schriftlichen Nachweis über das Ergebnis, der im Zuge der Corona-Lockerungen mitunter verlangt wird. Diesen Nachweis gibt es beim Laien-Selbsttest, den es zum Beispiel bei Discountern oder in Drogerien zu kaufen gibt, nicht. 

dau/bs

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