Lange Tradition der historischen Schützengesellschaften

Warum feiern manche Orte alle paar Jahre Freischießen?

Streng, aber mit Spaß an der Sache: Reiter der Schützengesellschaft Mühlhausen beim Freischießen im Jahr 2015. Foto: Archiv

Waldeck-Frankenberg. Männer in Uniformen, Kinder mit Waffen, stolze Reiter und laute Kanonenschüsse: Was für Fremde auf den ersten Blick bizarr erscheint, hat eine lange Tradition und einen tiefen Sinn. Vertreter der Schützengesellschaft 1567 Mühlhausen verraten, was sie am Schützenwesen fasziniert.

Waldeck-Frankenberg. Männer in Uniformen, Kinder mit Waffen, stolze Reiter und laute Kanonenschüsse: Was für Fremde auf den ersten Blick bizarr erscheint, hat eine lange Tradition und einen tiefen Sinn. Vertreter der Schützengesellschaft 1567 Mühlhausen verraten, was sie am Schützenwesen fasziniert.

Der Zweck

„Wir wollen den Heimatgedanken und den örtlichen Brauchtum wachhalten“, erklärt der Vorsitzende Karl-Heinrich Will. Die historischen Schützengesellschaften verbindet eine jahrhundertealte Tradition. Ursprünglich sollten die Schützen ihren Ort bei Gefahr verteidigen und die Grenzen kontrollieren und schützen. Noch immer laufen die Schützen bei Schnadezügen – in Mühlhausen alle zwei Jahre – die Ortsgrenzen ab.

Die Ideale

In den Chroniken der Mühlhäuser Schützengesellschaft werden „Ideale“ wie Zusammenhalt, Gemeinwohl und gegenseitige Hilfe genannt. „Dieses Gedankengut wollen wir jungen Schützen mitgeben“, sagt Dr. Karl Schüttler. Außerdem schreiben die Schützen Werte wie Pünktlichkeit und Disziplin groß. Dazu gehört auch, morgens um 6 Uhr anzutreten. „Es tut so manchem Burschen gut, sich unterzuordnen.“

Was altmodisch klingt, zählt aus der Sicht der Schützen auch heute noch. „Einigkeit, Tradition und für den anderen da zu sein – das sind Gründe dafür, warum es uns noch gibt und warum wir für die Jugend attraktiv sind“, sagt Harald Schultze.

Der Verein sei zwar auch eine Feiergemeinschaft, aber Ordnung gehöre dazu. Betrunken im Festzug mitzulaufen, das sei nicht erlaubt.

Die Geschichte

Die meisten Schützengesellschaften waren „aus der Not heraus“ entstanden, wie Karl Schüttler es beschreibt. Der Gründung der Mühlhäuser Schützengesellschaft waren politische Veränderungen und Unruhen vorausgegangen. Die Zentralgewalt in Deutschland wurde schwächer, die Kurfürsten wurden mächtiger.

Die Territorialisierung des Landes trug dazu bei, dass die Landesherren den Bürgern nicht genug Schutz bieten konnten. Somit bildeten sich wie in Mühlhausen Schützengesellschaften, um die Menschen und Orte zu beschützen, zum Beispiel vor Raubüberfällen, Diebstählen, Bränden und Morden.

Jeder Schütze musste seine Waffe stets für einen Einsatz bereithalten. Das war in einer Schützen-Ordnung geregelt.

Die Gemeinschaft

Alle sieben Jahre, wenn die Schützen ihr Freischießen feiern, rückt das ganze Dorf zusammen, sagt „Seine Majestät“ Harald Schultze. Er schwärmt davon, welch gutes Gemeinschaftsgefühl die Dorfbewohner entwickeln, wenn sie das große Fest vorbereiten, gemeinsam Girlanden wickeln und Tore aufbauen. Der Ortsvorsteher Ludger Krouhs bekräftigt, dass dieser Zusammenhalt und der Wille, mit anzupacken und anderen zu helfen das gesamte Dorfleben prägen. Dies sei auch in den Jahren nach den Freischießen bei gemeinsamen Aktionen zu spüren.

„Jung und Alt machen mit, und jeder knüpft neue Kontakte“, sagt Karl-Heinrich Will. Das Freischießen sei immer wieder eine tolle Gelegenheit für Zugezogene, sich zu integrieren.

Die Gegenwart

Die Schützengesellschaft hat 300 Mitglieder – Männer und Jungen ab 14 Jahren. Hinzu kommen 70 Frauen und Mädchen, die als Marketenderinnen sowie Schilder- und Pokalträgerinnen in den Festzügen mitlaufen. Jungen und Männer tragen Dekor-Waffen, die zumindest in Mühlhausen einzig der Repräsentation und Erinnerung dienen. Nach wie vor kommen Kanonen zum Einsatz, allerdings ausschließlich von geschulten Schützen.

Der König Harald Schultze betont: „Hier wird nicht Krieg gespielt.“

Die Zukunft

Haben die Schützengesellschaften wie andere Vereine auch Nachwuchssorgen? „Im Gegenteil“, sagt der Schriftführer Ralf Steinhof. Auch Schüler machen mit, und beispielsweise im Jahr 2016 sind sieben junge Männer so genannte Schnadekundige geworden. Derzeit steht es gut um die Schützengesellschaft Mühlhausen. Laut Ludger Krouhs müsse man gegebenenfalls über Veränderungen nachdenken, wenn irgendwann die „geburtenstarken Jahrgänge nicht mehr da sind“. 

Karl Schüttler sieht die Schützengesellschaft als „Verwalter der Historie des Dorfes“. Er hatte die Chronik zum 450-jährigen Bestehen der Schützengesellschaft im vergangenen Jahr verfasst. Dokumente, Urkunden, Bilder und ähnliches sollen für die Nachwelt gesammelt, aufbereitet und digitalisiert werden, um das Wissen über die Geschichte weiterzugeben. 

Die historischen Schützengesellschaften wollen sich von solchen Vereinen abheben, die jedes Jahr Schützenfest mit „Kirmescharakter feiern.“ Bei den historischen sind der enge Bezug zur Geschichte und die strikte militärische Abfolge wichtig.

Frauen im Männerverein

Zu den letzten echten Männerdomänen gehören gewiss die Schützengesellschaften in der Region, die laut Satzung ausschließlich Männer als Mitglieder zulassen. „Wir sind ein historisch gewachsener Männerverein“, heißt es vonseiten der Mühlhäuser Schützen. Darf eine Frau den Männern aus dem Vorstand der Schützengesellschaft kritische Fragen zum Sinn des Vereins stellen? „Das sind wir gewohnt“, antwortet darauf der Vorsitzende Karl-Heinrich Will. In Mühlhausen gibt es zwar Marketenderinnen und Mädchen, die im Festzug mitlaufen, sie sind aber keine Mitglieder. 

Wird das auch künftig so bleiben? „Frauengruppen sind bei uns willkommen“, sagt der Schützenkönig Schultze. Die Frauen sollen mit ihren mittelalterlichen Kostümen aber ins Bild passen. „Es sollte einen historischen Ursprung haben.“ Offen für Veränderungen Für gewisse Veränderungen sind die hiesigen Schützengesellschaften bei aller Tradition offen: Beim Freischießen in Freienhagen an diesem Pfingstwochenende wird erstmals eine historische Gruppe aus 100 Frauen und Mädchen teilnehmen. Der weibliche Einfluss bleibt dennoch zunächst begrenzt – schließlich hätten auch in der Geschichte die Männer das Sagen gehabt: Damit eine Frau im Vorstand mitwirken kann, müsste die Satzung geändert werden, erklären die Mühlhäuser. „Solange keine Frau für einen Posten gewählt werden will, ist es nicht nötig.“ (srs)

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