Kritik an Wahl einer 14-Jährigen zur Weinkönigin · Veranstalter zeigt Verständnis

Im Wein liegt der Diskussionsstoff

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Die Weinkönigin selbst trank auf dem Weinfest in Nieder-Ense keinen Alkohol. Trotzdem gibt es Diskussionen angesichts des jungen Alters und des zweifelhaften Amts.

Waldeck-Frankenberg - Die Wahl einer 14-Jährigen am späten Samstagabend zur Weinkönigin in Nieder-Ense sorgt für Diskussionen. Das Ordnungsamt sprach bereits mit den Veranstaltern. Das Thema Alkohol, Jugendliche und Prävention bleibt aktuell.

„Unsensibel“, „kontraproduktiv“ und „gedankenlos“. Die Reaktionen nach der Wahl einer 14-jährigen zur Weinkönigin in Nieder-Ense sind deutlich. Seit 25 Jahren gibt es das Weinfest, jedes Jahr wird auch eine Weinkönigin gewählt. So jung wie die amtierende Königin Paula Buckert war diese noch nie. Zwar hat das Amt nichts direkt mit Alkohol zu tun, doch die Wahl kurz vor Mitternacht und der Titel, der den Alkohol in sich trägt, stoßen manch einem sauer auf.

Alter vorher nicht bekannt

Das versteht auch Wilfried Richter. Er ist mit dem Club „Brandhölzer“ Ausrichter des Weinfestes. „Es war ein Fehler von uns, nicht nach dem Alter der Kandidatinnen zu fragen“ erklärt Richter. So hätten die Veranstalter selbst erst weit nach der Wahl das Alter erfahren. „Aber Paula Buckert hat nichts Sschlimmes getan und wir auch nichts, was gegen das Gesetz verstößt.“ Denn die neue Weinkönigin war mit ihrem volljährigen Bruder auf dem Fest, der für die Zeit der Veranstaltung somit der Erziehungsbeauftragte war. Zudem hatte sie einen Zettel ihrer Eltern dabei, auf dem der Erziehungsauftrag des Bruders noch einmal schriftlich dokumentiert worden war. Um Weinkönigin zu werden, musste Paula Buckert das Lied „Er gehört zu mir“ vor Publikum vortragen. Die begleitende Band war gleichzeitig auch Jury.

Dennoch hat die Aktion auch Ordnungsamt, Lehrer und Eltern auf den Plan gerufen. Carsten Vahland, Leiter des Ordnungsamtes in Korbach, lobt einerseits die Veranstalter ausdrücklich, da es keinen einzigen Zwischenfall auf der Feier gegeben habe. Gleichzeitig erklärt er aber auch, dass die Organisatoren „sehr unsensibel“ gehandelt hätten. „Mit der Wahl wird ein Signal gesendet, das in die völlig falsche Richtung geht.“

„Titel aberkennen“

Deshalb haben die Mitarbeiter des Ordnungsamtes bereits mit den Veranstaltern gesprochen. „Es gibt kein Gesetz, das die Wahl einer jungen Jugendlichen zur Weinkönigin verbietet“, so Vahland. Er wies die Veranstalter aber auf den Sinn des Jugendschutzgesetzes hin. Das wurde von den Brandhölzern eingehalten. Am Eingang und in der Halle kontrollierten Security-Angestellte das Alter der Party-Gäste, unter 18-Jährige bekamen Armbändchen in einer anderen Farbe. Auch Wilfried Richter sagt, dass es keine weiteren Vorfälle gegeben habe. „Für mich wäre es schlimmer, wenn ich vor den Eltern Alkoholleichen rechtfertigen müsste, aber das Fest war ansonsten absolut harmonisch“, so Richter.

Ortwin Terörde, Beratungslehrer an der Kaulbach-Schule in Bad Arolsen und Leiter der Badminton-Schülergruppe des TSV Korbach, rät den Organisatoren zu einer konsequenten Handlung: „Ich denke, am sinnvollsten ist es, der Weinkönigin den Titel abzuerkennen.“ Das würde auch den Veranstaltern zugute kommen, die „scheinbar gedankenlos“ gehandelt hätten. Terörde selbst setzt sich für Anti-Alkohol-Kampagnen in Vereinen oder an der Schule ein. Er weist auch darauf hin, dass die Weinkönigin noch eine Schülerin ist und trotzdem ein Getränk repräsentiert, das sie selbst nicht trinken darf. Auch der Zeitpunkt der Wahl spiele eine Rolle: „Dass Jugendliche mit 14 Jahren auf solche Veranstaltungen dürfen, soll eine Ausnahmeregel und nicht die Regel sein.“ Die nun öffentliche Darstellung sei nicht im Sinne des Jugendschutzgesetzes.

Keine junge Königin mehr

Wilfried Richter stört, dass nun alles am Alter der Weinkönigin hochgekocht werde. Es sei nur der Titel, der mit Alkohol zu tun habe. „Die Weinkönigin repräsentiert uns bei einigen Festzügen, aber sie muss nie eine Weinprobe oder etwas Ähnliches machen.“ Trotzdem weiß Richter um die Außendarstellung einer jungen Weinkönigin: „Ab dem nächsten Jahr werden wir die Kandidatinnen nach dem Alter fragen.“ Ihm tue es persönlich für Paula Buckert leid, der die Freude an dem Amt nun vergehen könnte.

Präventionsprogramme im Landkreis

Viele Organisationen in Waldeck-Frankenberg führen Präventionsprogramme durch, die Jugendliche darin bestärken sollen, Nein zum Alkohol zu sagen. Sehr engagiert ist auch das Diakonische Werk Waldeck-Frankenberg. Ulrike Ritter von der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes zieht aus dem Geschehen rund um Nieder-Ense auch positive Schlüsse: „Es reagieren wirklich viele Menschen sensibel auf das Thema Alkohol und Jugendliche. Das ist schön.“ Die Gesellschaft sei an einen Punkt gekommen, wo sie zunehmend gegenseitig aufeinander achte. Über die Gefahren aufklären Trotz dieser Erkenntnis sei die Wahl der 14-jährigen Paula Buckert zur Weinkönigin in Nieder-Ense nicht gutzuheißen.

„Eine Weinkönigin wird mit Alkohol in Verbindung gebracht, egal ob sie ihn konsumiert oder nicht“, befindet Ritter. Deshalb sollte eine Jugendliche diesen Titel nicht tragen. Das sieht auch Volker König, Sprecher der Polizei Waldeck-Frankenberg, so.

Die Polizei hätte die Wahl mit Verwunderung zur Kenntnis genommen und sehe das Ganze kritisch. Denn auch die heimische Polizei ist vor allem über Jugendkoordinator Dirk Virnich an vielen Präventionsprojekten beteiligt. Gemeinsam mit Schulen, Städten, Gemeinden und Organisationen wie dem Diakonischen Werk werden Wege gesucht, über die Gefahren von Alkohol aufzuklären.

Dazu wenden sich die Initiatoren an Vereine, Veranstalter von Festen, Eltern und Schulen. Ein Beispiel ist die Präventionswoche in Willingen, die am Montag startet. Ulrike Ritter bietet im Rahmen der Woche in Schulklassen den Workshop „Tom und Lisa“ an.

Hierbei sollen die Schüler, die zwischen 14 und 16 Jahre alt sind, eine Party planen – aber ohne Alkohol. In einem zweiten Teil wird dann eine Situation nachgestellt, wie sie bei übermäßigem Alkoholgenuss vorkommen kann: Einer der Partygäste hat Alkohol mit auf die Feier geschmuggelt und kippt schließlich mit einer Alkoholvergiftung um. Die Schüler sollen nun richtig reagieren, das heißt Ersthilfe mit stabiler Seitenlage und den Notarzt rufen. Aber auch die Eltern sollen eingebunden werden, wenn ihre Sprösslinge zunehmend mit Alkohol in Kontakt kommen. „Häufig fehlt das Gespräch zwischen den Eltern und Jugendlichen, wie mit Alkohol umzugehen ist“, erklärt Ritter.

Daher bekommen die Schüler von ihr einen Fragebogen mit auf den Weg, in dem Eltern nach ihrer Meinung zum Alkoholkonsum der Kinder befragt werden.

Im Vorfeld von größeren Festen gehen die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes auch direkt auf Veranstalter zu. In Gesprächen wird dann noch einmal auf die Gefahren von übermäßigem Alkoholkonsum hingewiesen, vor allem werden aber auch die Pflichten, die das Jugendschutzgesetz mit sich bringt, aufgezeigt.

Bei all der Aufregung weist Ulrike Ritter auch darauf hin, dass es nicht die Masse der Jugendlichen ist, die zu viel trinkt. „Die Präventionsprogramme wirken, und viele haben dadurch einen bewussteren Umgang mit Alkohol.“(tt)

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