Gründe: Leergefegter Arbeitsmarkt und Fachkräftemangel

Weniger Klagen vor den Arbeitsgerichten in Kassel und Gießen

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Die Zahl der Klagen am Arbeitsgericht Kassel ist rückläufig.

Arbeitgeber und Arbeitnehmer stehen sich immer seltener vor den Arbeitsgerichten in Kassel und Gießen gegenüber.

Die Zahl der eingehenden Klagen sei seit Jahren deutlich rückläufig, sagt Gerichtssprecher Wolfgang Leinweber (Kassel) und Direktorin Manuela George (Gießen). Grund dafür seien der leer gefegte Arbeitsmarkt und der Fachkräftemangel, also die insgesamt stabile wirtschaftliche Lage. 

„Die Arbeitsgerichtsbarkeit ist ein Spiegel der Wirtschaft“, sagt Manuela George. „Geht es der Wirtschaft gut, gehen die Verfahren zurück.“ Das betreffe vor allem betriebsbedingte Kündigungen. Auch verhaltensbedingte Kündigungen landen seltener vor Gericht. „Offenbar versuchen Arbeitgeber, auch bei Problemen ihre Mitarbeiter zu halten, weil sie Sorge um die Nachbesetzung haben“, sagt Leinweber. 2014 waren beim Arbeitsgericht Kassel 3757 Klagen eingegangen. Die Zahl ging seitdem kontinuierlich zurück: auf 3418 Klagen im Jahr 2018. 

In Gießen sank die Zahl der Klagen in diesem Zeitraum von 4600 auf 3900. „Wenn man weiter zurückblickt, ist der Rückgang noch deutlicher. Es gab Güteverhandlungen, in denen wir 15 Fälle und mehr pro Tag abgearbeitet haben, heute sind es vielleicht noch fünf“, sagt der Kasseler Gerichtssprecher. Hessenweit hat sich die Zahl der Klageeingänge bei den Arbeitsgerichten von 65 000 im Jahr 2009 auf knapp 33 000 im Jahr 2018 halbiert. Leineweber erwartet, dass das von vielen Experten prognostizierte Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs auch an den Arbeitsgerichten spürbar werde.

 „Wir hatten so eine Boomphase schon einmal nach dem Mauerfall. Dann kam der Einbruch.“ Auch in Gießen sei schon jetzt eine Trendwende zu spüren. Im ersten Halbjahr 2019 gab es laut George 15 Prozent mehr Verfahren als im ersten Halbjahr 2018. „In der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt scheint die Lage zumindest etwas zu stagnieren“, sagt die Direktorin.

Von acht Richterstellen aktuell nur fünf Richter im Dienst

Hessenweit hat sich die Zahl der Klageeingänge bei den Arbeitsgerichten zwischen 2009 von 65.000 auf knapp 33.000 im Jahr 2018 halbiert. Langweilig sei den Kasseler Richtern trotzdem nicht. Dies liege daran, dass von acht Richterstellen aktuell nur fünf Richter im Dienst seien. 

Zwei Kollegen seien längerfristig erkrankt. Zudem gingen zwei Richter Anfang nächsten Jahres in den Ruhestand. Insgesamt sei es ein „schwankendes Geschäft“, sagt Leinweber. Er geht davon aus, dass das von vielen Experten prognostizierte Ende des wirtschaftlichen Aufschwungs auch am Arbeitsgericht spürbar werde. „Wir hatten so eine Boomphase schon einmal nach dem Mauerfall. Dann kam der Einbruch“, so der Richter.

In der Zwischenzeit haben die Juristen mit anderen Fällen zu. „Mit Kleinunternehmern, die ihren Lohn nicht bezahlen, haben wir hier immer zu tun.“

Der Gerichtsbezirk des Arbeitsgerichts in Kassel umfasst die Stadt und den Landkreis Kassel, den Nordkreis von Waldeck-Frankenberg sowie einzelne Kommunen im Werra-Meißner-Kreis und im Schwalm-Eder-Kreis. Das Arbeitsgericht Gießen ist für 115 Kommunen in sieben Landkreisen zuständig, darunter der Südkreis von Waldeck-Frankenberg. 2012 wurden die Arbeitsgerichte Marburg und Wetzlar mit Gießen zusammengelegt.

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