Hessen Mobil: Verkehrssicherheit und Naturschutz unter einen Hut bringen

Wertvolle Pflanzen am Straßenrand

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Lebendige, rauschende Vielfalt: Rolf Schade (links) und Bruno Mecke freuen sich über eine bunt blühende Straßenböschung bei Dörnholzhausen.  

Waldeck-Frankenberg – Die Mitarbeiter von Hessen Mobil haben es nicht leicht: Den einen mähen sie die Straßenränder zu früh, den anderen zu spät. Und beide führen gute Gründe für ihre Beschwerde an.

Die Naturschützer möchten die Mahd möglichst hinauszögern, damit die Pflanzen noch aussamen und sich vermehren können. Denn zum Teil handelt es sich um wertvolle Vegetation, die an den Straßenrändern einen Rückzugsraum gefunden hat. Auf intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen hätten sie keine Chance.

Landwirte und vor allem Pferdehalter möchten, dass früh gemäht wird, damit das giftige Jakobskreuzkraut sich nicht vermehren kann. Dieses findet an den Straßenrändern gute Wachstumsbedingungen und seine Samen können, an ihren kleinen Flugschirmchen aufgehängt, leicht auf umliegende Weiden fliegen. Dort bilden die Gift-Pflanzen eine echte Gefahr für das Vieh, vor allem, wenn sie ins Heu geraten.

Zwei Mitarbeiter des Fachbereiches Landschaftspflege und Naturschutz von Hessen Mobil mit Sitz in Bad Arolsen – Landschaftsgärtnermeister Bruno Mecke und Diplomingenieur der Landespflege Rolf Schade – versuchen, dem Straßenbegleitgrün, wie sie es nennen, die richtige Pflege angedeihen zu lassen. Dabei müssen sie auf Vorgaben achten: Die Aufgaben der Grünpflege sind mit dem Leistungsheft für den Straßenbetriebsdienst auf Bundesfernstraßen originär als Teil des Straßenbetriebs definiert. Darüber hinaus hat Hessen Mobil eine mehrseitige Handlungsanleitung für Artenschutz und Grünpflege verfasst.

Jahresgespräche nützlich

Als nützlich empfinden beide die „Jahresgespräche“, an denen Vertreter der Straßenmeistereien und der Naturschutzbehörden teilnehmen. Hier werden alle wichtigen für das kommende Jahr anstehenden Arbeiten besprochen. Dabei geht es etwa um das akute Eschentriebsterben und das dadurch notwendige Fällen mehrerer hundert Straßenbäume.

Zu den zu pflegenden Flächen bei der Grünpflege zählen die Bankette an Fahrbahnen und Radwegen, Mittel- und Trennstreifen, Sichtfelder, Straßenmulden und Entwässerungsgräben, Erholungs- und Aufenthaltsflächen, Flächen außerhalb des Straßenrandbereiches, Rückhalte-, Absetz- und Versickerungsbecken sowie die Waldflächen entlang der Straßen, in denen Hessen Mobil die Verkehrssicherungspflicht übernommen hat.

Intensiv für Verkehrssicherheit – Extensiv für Natur

Bei der Pflege der Straßenränder werde unterschieden zwischen dem Intensiv- und Extensivbereich, erklärt Landschaftsgärtnermeister Bruno Mecke: Der Intensivbereich bestehe aus Bankett, Gräben und Mulden, Sichtdreiecken sowie Grasflächen der Böschung in einer Breite von bis zu zwei Metern -– hier würden Pflegearbeiten in erster Linie der Gewährleistung der Verkehrssicherheit dienen: Von April bis Juni werden die Bankette und die Sichtdreiecke in Einmündungs- und Kurvenbereichen erstmals gemäht. Ab Juli erfolgt der zweite Schnitt. 

Ab September werden die Mäharbeiten auch im Extensivbereich vorgenommen, zu dem die restlichen Grasflächen zählen. Dort betrage der Pflegeabstand zudem in der Regel mindestens zwei Jahre. Es werde später gemäht, damit die Pflanzen sich dort durch Samen vermehren können. 

Auf Bitten der Naturschützer, die dabei Kleinlebewesen gefährdet sahen, seien die Intervalle dafür vergrößert worden. Hessen Mobil bemühe sich auch, so Mecke, bei den Mitarbeitern den Blick für schützenswerte Pflanzen zu schulen oder besondere Stellen zu markieren. „Da kommt dann der Arm des Arbeitsgerätes mal kurz nach oben.“ 

Bei der Neuanlage von Straßen werden Saatgutmischungen verwendet, die auf den jeweiligen Standort speziell abgestimmt sind, erklärt Rolf Schade. Dadurch werde auch sichergestellt, dass keine invasiven Arten eingeschleppt würden. Der Samen kann dabei in einer klebrigen Masse aufgespritzt werden, die als Anwachshilfe diene und die Erosion verhindere.

Kompensationsflächen - Insektenweiden 

Besondere Freude macht den beiden Mitarbeitern die Betreuung von Ausgleichs- oder Kompensationsflächen, die bei Neubauten angelegt werden müssen. Auch zurückgebaute Straßenflächen gehören dazu. Hier können extensive und dauerhafte artenreiche Wiesen als Insektenweiden entstehen, wobei das Mähen und zeitversetzte Abräumen des Mähguts die Artenvielfalt erhöht.

Dass dem Diplomingenieur der Inhalt seiner Arbeit ein echtes Anliegen ist, zeigt sich, als das bevorstehende Ende seiner Dienstzeit angesprochen wird und er sagt: „Dann überlege ich mir, noch mal im Naturschutz aktiv zu werden.“ Schon jetzt hat seine Arbeit viel mit Naturschutz zu tun. Schließlich bilden die diversen Wild-Pflanzen entlang der Straßenränder einen vielen Kilometer langen Streifen als Insektenweide.

Zusammen mit Blühstreifen der Landwirtschaft, Blumenmischungen, die in Hausgärten und auf öffentlichen Flächen von Kommunen ausgebracht werden, tragen diese unterschiedlichen Maßnahmen vielleicht zu einer Trendwende beim Insekten- und Vogelsterben bei. (Werner Ebert) 

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