Verein Kitzretter Waldeck-Frankenberg hat Hochsaison

Einsatz auf den Wiesen: Ehrenamtliche verscheuchen Kitze, um sie zu retten

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Erster Grasschnitt: Wenn die Wiese, wie hier in Obernburg, abgesucht wurde, hat der Landwirt ein ruhigeres Gefühl beim Mähen.

Obernburg. Der Verein Kitzretter Waldeck-Frankenberg hat Hochsaison. Die WLZ war für eine Reportage mit den Ehrenamtlichen auf Wiesen rund um Obernburg unterwegs.

„Hier muss was sein. Alle Hunde schlagen an“, sagt Constanze Schöttler. Scooby und Tai zerren an den Leinen und schnüffeln im kniehohen Gras. Auf der Wiese nahe des Waldes finden wir mehrere Stellen, wo das Gras plattgelegen ist. „Hier war auf jeden Fall bis vor kurzem was“, sagt Schöttler. Mit „was“ meint sie ein Rehkitz, das es zu retten gilt.

In einer knappen Stunde wird der Traktor anrollen. Bis dahin wollen die Kitzretter die vier Hektar große Wiese bei Obernburg abgesucht haben. Der Bauer hat einen straffen Zeitplan. Am Mittag hat er Bescheid gegeben. „Deshalb konnte ich erst um halb zwei einen Vergrämer aufstellen“, sagt Schöttler. Die vier Stunden am Nachmittag reichten aber nicht aus, um sicher zu sein, dass eine Ricke die Fläche aufgrund des Gerätes, das die Tiere abschrecken soll, als gefährlich erachtet und ihre Kitze rechtzeitig in Sicherheit gebracht hat.

Deshalb laufen wir die Stellen ab, wo sich laut des Bauers häufig Rehe aufhalten, nämlich in den Senken und in Waldnähe. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“

Schräg stehendes Gras

Im Abstand von höchstens einem Meter schreiten wir in einer Reihe über die Wiese. Löwenzahn und Gräser rascheln an Gummistiefeln, die Blicke sind stets nach unten gerichtet. Besonders im schräg stehenden Gras ist ein Kitz, das sich instinktiv an den Boden drückt, schnell zu übersehen. Wir kontrollieren unsere Abstände und erinnern uns gegenseitig daran, nicht zu schnell zu laufen. 50 Meter vor uns hoppelt plötzlich ein Hase aus der Wiese in Richtung Gebüsch.

Wenn ein Kitz hier gewesen ist, hat seine Mutter es hoffentlich schon herausgeholt. Constanze Schöttler: „Im Idealfall finden wir nichts.“ Handschuhe und eine Kiste stehen bereit. Doch wird ein Kitz von Menschen herausgeholt, besteht die Gefahr, dass es deren Geruch annimmt und die Ricke es dann nicht mehr akzeptiert.

Rehkitzretter retten Rehkitze – hier ein Zwillingspaar.

Die Glocken des Kirchturms läuten. Es ist 18 Uhr. Der Landwirt Jens Wiesemann und sein Sohn auf dem Traktor treffen ein. Sogleich wird das Mähwerk in Gang gesetzt. Der erste Grasschnitt ist dran. Das Silo soll später an die Kühe verfüttert werden.

Für den Bauer zählt’s jetzt. Dank der Hilfe der Kitzretter spart er Zeit ein. „Als es den Verein noch nicht gab, bin ich mit meiner Familie die Flächen abgelaufen.“

Froh über den Einsatz

Er ist froh über den ehrenamtlichen Einsatz der Kitzretter, die in diesen Wochen täglich spontan mithelfen. „Dank der Kitzretter lässt es sich mit ruhigem Gefühl mähen. Das gibt uns ein Stück Sicherheit.“ Denn je nach Reifegrad des Grases, Verfügbarkeit der Arbeitskräfte und Wetter entscheide ein Landwirt meist innerhalb von nur 24 Stunden, wann wo gemäht werden kann.

Wiesemann schüttelt allen Helfern kräftig die Hand und bedankt sich. Sogleich bittet er darum, eine weitere Wiese mit Vergrämern zu versehen. Dort wolle er am nächsten Morgen mähen. Constanze Schöttler und Gabriele Isenberg zeichnen den Bereich direkt per Smartphone in eine App ein, um genau berechnen zu können, wo sie Vergrämer aufstellen müssen.

Vergrämer sollen Wildtiere stören und verscheuchen.

So geht es für sie gleich weiter. Feierabend kennen die Ehrenamtlichen zurzeit kaum. Fast jeden Abend und an jedem Wochenende helfen sie. Constanze Schöttler sagt, sie macht es gerne. Es sei ja „nur“ rund zwei Monate Mähsaison. Die 47-jährige selbstständige Sozialpädagogin koordiniert mit vielen weiteren Helfern in ganz Waldeck-Frankenberg die Einsätze.

In WhatsApp-Gruppen für die jeweiligen Gemeinden tauschen sich die Helfer aus. Sie sind schon viele – und wollen noch mehr werden. „Wir brauchen ständig weitere Mitglieder.“ Jeder bringe sich nach seinen Fähigkeiten und Interessen ein.

Die Landwirte unterstützen

„Wir sind kein wilder Haufen Tierschützer“, betont Constanze Schöttler, Initiatorin des Vereins in Waldeck-Frankenberg, der in diesem Jahr in seine zweite Saison angeht. Die Kitzretter wollen niemanden anprangern, sondern sowohl die Landwirte in ganz Waldeck-Frankenberg unterstützen als auch die Kitze vor dem Mähtod bewahren. Denn jedes Jahr im Frühjahr kommen immer wieder Kitze durch Mähmaschinen ums Leben. Um das zu verhindern, ist das Abschreiten der Wiesen nur die letzte Möglichkeit – wenn alles andere nichts nützt. 

Denn wenn die Kitzretter rechtzeitig über einen Mäheinsatz Bescheid wissen, stecken sie so genannte Vergrämer, die unregelmäßig Licht- und Tonsignale abgeben. So haben die Ricken mehrere Stunden Zeit, ihre Kitze aus der Gefahrenzone herauszuholen. An einem Wochenende hatte der Verein jetzt 150 Geräte im Einsatz. 

Erster Grasschnitt: Wenn die Wiese, wie hier in Obernburg, abgesucht wurde, hat der Landwirt ein ruhigeres Gefühl beim Mähen.

Diese konnten auch dank Spenden angeschafft werden. Nicht immer jedoch reichen die Vergrämer aus, erklärt Constanze Schöttler. Zum Beispiel an belebten Flächen, wo Ricken an fremde Geräusche gewöhnt seien. Dort sei der Einsatz einer Drohne mit Wärmebildkamera hilfreich. Über weitere Spenden erhofft sich der Verein, bald eine zweite oder auch eine dritte Drohne anschaffen zu können.

Spenden und Kitz-Handy

Spendenkonto: Kitzretter e.V., IBAN DE17 5235 0005 0000 1042 40 bei der Sparkasse Waldeck-Frankenberg. 

Landwirte aus dem Landkreis, die sich von den Kitzrettern helfen lassen wollen, können sich jederzeit über ein so genanntes „Kitz-Handy“ unter der Telefonnummer 01520/7 65 26 01 bei dem Verein melden. Informationen und Kontakt auf der Internetseite: diekitzretter.de

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