WLZ-Serie "Wir sind dran!"

Für Tierwohl und Klimaschutz: Eine Familie isst vegan

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Heute gibt es „Sheperd’s Pie“ aus dem Ofen: frische Pilze und Porree, Kräuter-Tomaten-Soße, gegrillter und gebackener Tofu und Kartoffelpüree. Unser Bild zeigt (von links) Frieder, David, Marius und Michaela Knipp, rechts Nina Vössing.

Twistetal-Twiste. Wieder ist es November, als der 21-jährige Marius einen Entschluss verkündet. Nach einem Jahr vegetarischer Ernährung wolle er nun vegan essen. Und wieder zieht die Familie Knipp mit: Mutter Michaela, Vater Friedrich, Bruder David. Ihr Fazit nach einem knappen Jahr: Vergan essen ist keine Einschränkung, sondern ein echter Gewinn – in mehrfacher Hinsicht. Und das, obwohl alle tierischen Produkte tabu sind – von Milch bis zum Honig.

Den Anstoß hatte (wie schon bei der fleischlosen Ernährung) Marius’ Freundin Nina gegeben. Sie studiert in Maastricht „Liberal Arts and Sciences“ mit Schwerpunkt Klimawandel und Sozologie und hat sich mit vielen Aspekten des Umweltschutzes intensiv auseinandergesetzt.

Ihre Informationen und vor allem der Dokumentarfilm „Cowspiracy“ brachten ein Umdenken. Stand zunächst der Umweltschutz im Vordergrund, spielt nun das Tierwohl eine ebenso wichtige Rolle.

Film gab den Ausschlag

„Wir waren schockiert“, sagt Michaela Knipp. „Dass die Viehwirtschaft weltweit den Hauptanteil an Umweltverschmutzung und Klimawandel hat, war uns neu.“ Friedrich Knipp bestätigt: „Der Film hat den Ausschlag gegeben mit Informationen, was hinter der Fleischindustrie steckt.“

Es ist ein ganzer Strauß an Gründen, der die Familie sicher sein lässt, das Richtige zu tun: für den Anbau von Futtermitteln gerodete Wälder; mafiöse Organisationen, die dabei über Leichen gehen; Hochleistungsmilchkühe mit einer Lebenserwartung von fünf, sechs statt 20 bis 30 Jahren; zu „Legemaschinen“ gezüchtete Hühner – überhaupt Tiere, über deren Leben und Tod der menschliche Konsum bestimmt. Knipps sind überzeugt: „Die Vorstellung, dass uns tierische Produkte ernähren müssen, ist falsch.“

Von jetzt auf gleich war Schluss

Die Umstellung war radikal: „Wir haben noch die Milch ausgetrunken, Käse und Eier aufgegessen – das war’s“, berichtet Michaela Knipp. „Und ich habe die Krise gekriegt, als ich an Weihnachten gedacht habe. Ein Kochbuch aus dem Internet hat uns gerettet.“

„34 vegane Rezepte zu Weihnachten“ boten eine breite Palette: vom Blumenkohlsteak mit Fächerkartoffeln über vegane Bratensoße bis zu Schokomousse und Spekulatius-Kuchen. Die Krönung: ein Nussbraten – sehr aufwendig, aber köstlich. Dabei verzichten Knipps bewusst darauf, Fleischgerichte nachzuahmen – „das funktioniert nicht“. Ersatzprodukte wie vegane Würstchen sind tabu. Beim Grillen etwa gibt es Burger aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Tofu, Pilzen.

Vielfalt überrascht

Für die Köchin der Familie, die in der Messebau-Firma ihres Mannes mitarbeitet, war die Umstellung anfangs eine echte Herausforderung. „Ich habe viel gelesen und viel experimentiert, bin kreativer und neugieriger geworden“, sagt Michaela Knipp. Informationen und Rezepte fand sie auch im Internet, in Food-Blogs wie „veganliebe.de“ oder „isshappy.de“. Völlig neue Wege taten sich auf: „Man muss erst eine Idee entwickeln, was alles geht“, sagt sie und ist noch immer überrascht von der Vielzahl der Möglichkeiten.

Aus Kichererbsen-Wasser etwa lässt sich eine Art Eischnee herstellen – für Mousse au chocolat etwa. Aus Tofu, indischem Steinsalz und Kurkuma, Olivenöl und Zwiebeln wird „Rührei“. Eingeweichte Cashewkerne werden zu einer cremigen Sauce . Brotaufstriche entstehen auf der Basis von Nüssen und Sonnenblumenkernen. „Die Vielfalt ist einfach unglaublich“, sagt Frieder Knipp.

Nüsse und Samen

Chia-Samen und Hülsenfrüchte

Neu im Speiseplan sind nicht nur Soja-Produkte, Chia-Samen und Kichererbsen, Kokosöl und Agavensirup, sondern auch Gewürze wie Kurkuma, Koriander und Garam Marsala. Nüsse und Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen gibt es jetzt viel häufiger. Der Anteil an Obst und Gemüse ist deutlich gestiegen.

Mit der Umstellung ist die Offenheit aller gewachsen, sind alte Abneigungen gegen Auberginen und Zucchini etwa verschwunden. Und das Kochen macht der Köchin jetzt wieder richtig Spaß.

Gemüse aus solidarischer Landwirtschaft

Vegane Produkte bekommt die Familie in Supermärkten und Bioläden vor Ort, selten auf online-Bestellung. Manches, was es hier nicht gibt, kauft sie auf Vorrat, wenn sich andernorts die Gelegenheit bietet. Biogemüse bezieht sie vom Falkenhof in Strothe aus Solidarischer Landwirtschaft.

Marius studiert seit kurzem in Schwäbisch Gmünd Produktgestaltung. Hier ist die Esskultur sowieso eine andere: „Viele Studenten essen vegetarisch“, sagt er. Und dreimal pro Woche gibt es in der Mensa auch ein veganes Gericht.

„Um sich ausgewogen vegan zu ernähren, muss man sich schon damit auseinandersetzen“, ist das Fazit von Michaela Knipp. Eltern und Söhne aber sind froh, diesen Schritt getan zu haben.

Unter dem Titel "Oxford-Studie: Vegane Ernährung rettet Leben" stellt die Albert-Schweitzer-Stiftung Forschungsergebnisse vor zum Zusammenhang zwischen Ernährungsweisen und Klimawandel. 

WLZ-Serie "Wir sind dran"

Wachsende Müllberg, Artenschwund und Klimawandel: Welche Möglichkeiten gibt es für kleine Schritte zugunsten von Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz? Was kann jeder einzelne tun? In der Serie "Wir sind dran!" zeigt die WLZ Beispiele. Schreiben Sie uns, machen Sie Themenvorschläge  unter 05631/560150, per Mail unter wirsinddran@wlz-online.de oder auf der facebook-Seite der WLZ.

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