WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

„In der DDR wurde man zum Flüchtigen erzogen“

- Marc Kayser wird im Mai 1961 in Potsdam geboren. Nach mittlerer Reife, einer Matrosen-Ausbildung und Abitur arbeitet er als freier Mitarbeiter für das DDR-Fernsehen und die „Norddeutschen Neuesten Nachrichten“ in Rostock. Nach seiner Ausreise beginnt er 1990 ein Volontariat bei der Süddeutschen Zeitung in München. Von 1992 bis 1997 leitet der die Redaktion der ARD-Talkshow „Boulevard Bio“. Anschließend ist Kayser als Chef vom Dienst für die Sendung „Sabine Christiansen“ tätig. Als freier Autor interviewt er für Die Zeit und den Tagesspiegel Prominente. 2007 erschien sein erstes Buch „Trias“, die Fortsetzung lieferte er im April dieses Jahres mit „Hexagon“. In beiden Romanen kämpft BKA-Spezialagent Markus Croy gegen ein Netzwerk skrupelloser Öko-Terroristen. (tk)

Erinnern sie sich noch, wie sie den 9. November 1989 verbracht haben?

In meiner Hinterhofwohnung in München, die ein Loch war, aber den großen Vorteil hatte, dicht am Viktualienmarkt zu liegen. Als ich das Fernsehen einschaltete und mitbekam, dass die Mauer gefallen ist, fing ich auf der Stelle an zu heulen, trat dann mit den Füßen eruptiv gegen Fernseher und Wand. Meine erste Reaktion war absolute Wut: Jetzt kommen diejenigen so einfach rüber, die mich über Jahre gequält haben. Gefreut habe ich mich anfangs nicht. Das kam erst später, als ich meine Eltern wiedersehen durfte..

Hatten sie mit ihren Eltern noch Kontakt?

Das war schwierig. Nachdem ich Anfang Juli 1989 ausgereist bin, durfte ich das Gebiet der DDR nicht mehr betreten und musste auch auf dem kürzesten Weg über die Transitstrecke fahren. Also habe ich mich mit meinen Eltern heimlich an der Raststätte Michendorf, das war die hinter Dreilinden, getroffen. Wir durften keinen Kontakt aufnehmen. Meine Mutter stand hinter dem Süßigkeitenregal und ich ein paar Meter weiter bei den Zigaretten. Wir zwinkerten uns zu, warfen ein paar Gesprächsbrocken über die Regale. Diese qualvolle Kommunikation ging ein paar Minuten gut. Dann brach meine Mutter in Tränen aus – und ich auch. Zu der Zeit war vom Mauerfall noch keine Rede. Meine Mutter glaubte über Monate, dass sie ihren Sohn nie wiedersehen würde. Als mich meine Eltern nach dem 9. November das erste Mal in München besuchten, haben wir uns in einem Biergarten mörderisch betrunken. Und meine Mutter sagte: Ist das nicht schön im Westen!

Die quälende Zeit der Ungewissheit war vorbei...

Ich hatte meinen Eltern nie von meinen Fluchtplänen erzählt. Deshalb haben sie auch erst kurz vor meiner Ausreise davon erfahren. Ich habe zwei Jahre lang geschwiegen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Im Nachhinein war das richtig: Mein Vater konnte ohne zu lügen sagen: Ich habe es nicht gewusst.

Sie haben auch sonst keinem etwas gesagt?

Zwei Freunde habe ich eingeweiht. Mit einem bin ich dann ja auch abgehauen, wie man damals so sagte.

Sind sie mal misstrauisch gewesen, ob er nicht doch der Stasi was zuträgt?

Nein. Wir waren Mitte 20, also noch nicht zu erwachsen, fühlten uns wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Als Ossi war man sowieso lange verspielt, ehe man sich von systemtreuen Erwachsenen vereinnahmen ließ, um halbwegs zu leben.

Ihr erster Fluchtversuch scheiterte 1984 an einer Kirchenmauer?

Nicht ganz. Eher an einer zu kurzen Leiter. Es gab an der Bernauer Straße eine Kirche, die mitten im Grenzstreifen stand, quasi Bestandteil der Berliner Mauer war. Nebenan waren eine Kapelle und ein Grabfeld, umgeben von einer Mauer, die ziemlich brüchig war, sodass man leicht reinkommen konnte. Ein Freund hatte alles ausbaldowert. Die Leiter stand schon bereit, aber war zu kurz. Wir hätten noch mal 1,50 Meter hochklettern, übers Dach laufen, dann auf der anderen Seite der Mauer 3,80 Meter in die Tiefe springen und etwa 50 Meter den Hundestreifen überqueren müssen. Das war mir zu heiß.

Beim zweiten Versuch bauten sie auf Hilfe aus der Schweiz?

Der Sohn meiner Patentante aus Zürich, der zu dieser Zeit gerade seine Rekrutenausbildung absolvierte, ließ mir eine aktuelle Landkarte aus Armeebeständen mit dem genauen Verlauf der Grenze zwischen Ungarn und Österreich zukommen. Ein Jahr zuvor hatte er mich und meine Eltern in Potsdam besucht. Da habe ich ihm von meinem Vorhaben erzählt. Die Karte in einem Sandkuchen zu verstecken, war meine Idee.

Und das Paket kam auch an?

Ja natürlich. Der Schweizer hatte die Karte mehrfach mit Zellophan umwickelt, in einen breiten Schokostreifen gelegt, das ganze dann in den Sandkuchen eingebacken und als Paket gut verpackt. Falls es damals tatsächlich geröntgt worden ist, hat es bestimmt keinen Verdacht erregt. Die Karte sah gut aus. Wir hatten uns auch schon überlegt, wann wir los düsen. Dann hörten wir im RIAS Berlin (Radio im amerikanischen Sektor), dass gerade zwei DDR-Bürger beim Fluchtversuch an dieser Grenze erschossen worden waren. Das muss Ende 1985, Anfang 1986 gewesen sein. Daraufhin konnten DDR-Bürger auch nicht mehr nach Ungarn reisen. Abgesehen davon hätten wir uns nach diesem Vorfall auch nicht mehr getraut.

Dann blieb nur noch der Gang in die Warschauer BRD-Botschaft…

Ich weiß bis heute nicht, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Wahrscheinlich hat mich ein Film dazu inspiriert. Mein Kumpel, mit dem ich eine illegale Siebdruckwerkstatt im Keller unseres abbruchreifen Wohnhauses in Pankow betrieben habe, kannte jemanden mit einer Tante in Polen. In Warschau angekommen, sind wir kühl berechnend in die BRD-Botschaft gegangen und haben uns als ausreisewillige DDR-Bürger vorgestellt. Wir erhielten zwei provisorische westdeutsche Reisepässe, 100 D-Mark und den Rat, mit einer Ostseefähre über Südschweden in den Westen zu fliehen. Per Autostopp kamen wir nach Swinemünde. Dort wollten wir am Fähranleger unsere Pässe vorzeigen. Doch es war Sonntag. Und die Mischung aus sozialistischem Schlendrian und streng katholischem Glauben sorgte dafür, dass weder ein Zöllner zu sehen war, noch die Computer liefen. Unser Glück, wie sich später herausstellte. Denn wer als BRD-Bürger nach Polen reisen wollte, benötigte ein Visum. Dass wir keines hatten, wäre beim Datenabgleich sicher sofort aufgefallen.

Also sind sie wieder zurück nach Warschau?

Genau. Dort wusste man in der BRD-Botschaft nicht so recht weiter. Wir ließen uns auf den Vorschlag ein, unser Einreisewunsch werde nach Bonn geschickt und weiter bearbeitet, wenn wir wieder zurück nach Ostberlin führen. Zum Glück hatte die Stasi nichts von unseren Eskapaden mitbekommen. Wie ich später erfuhr, hätte man uns gar nicht wieder wegschicken dürfen. Schließlich galten laut Grundgesetz DDR-Bürger als Deutsche. Zurück in Ostberlin haben wir dann auch einen offiziellen Ausreiseantrag gestellt. Dann ging es nur noch von einem Arbeitsverbot zum nächsten. Mit Briefen an Honecker und der Teilnahme an den verbotenen Anti-China-Demos versuchten wir, das Ganze auf die Spitze zu treiben, den Stasi-Apparat im Osten zu provozieren und dadurch die Behörden im Westen zum Handeln zu bewegen. Ich war wie elektrisiert von dem Augenblick in der Warschauer Botschaft, als mein Einreisewunsch per Telex nach Bonn gesendet wurde. Ich dachte, dieses Schreiben liegt jetzt an einer Stelle, die ganz kurz vor dem Ziel ist.

Zwischen den beiden letzten Fluchtversuchen lag lediglich ein Dreivierteljahr.

Meine Leidensfähigkeit gegenüber meinem eigenen Land war einfach erschöpft. Diese ewige Schizophrenie unter meinen systemtreuen Altersgenossen war mir zuwider: Draußen im Gleichschritt zu marschieren und im Privaten wieder alles abzulegen, um den guten Kumpel zu spielen, mit dem man Angeln gehen kann. Alles diente einer Verbiegungsstrategie, die nur bei Leuten funktionieren konnte, die zu verbiegen sind. Ich war es halt nicht.

Ihre Ausreisegenehmigung erhielten sie dann im Juni 1989. Was passierte genau?

Ich bekam ein kurzes Schreiben, Absender: Ministerrat der DDR: „Werter Herr Kayser, hiermit werden sie aufgefordert, die Deutsche Demokratische Republik am übernächsten Tag innerhalb von 24 Stunden zu verlassen.“ Die anfängliche Freude wich schnell dem plötzlich einsetzenden Gefühl einer wahnsinnigen Verunsicherung: Hier hat etwas ein Ende, an dem aber ganz viel hängt, Eltern, Verwandte, Freunde, die Welt, in der ich gelebt habe. Andererseits war es aber auch eine Vergangenheit, die ich hinter mir lassen wollte. Am 2. Juli 1989 stand ich dann am Westteil des Bahnhofs Friedrichstraße. Dort wurde ich abgeholt von einem Freund, der sich als Anwalt um meinen Fall gekümmert hatte. Angeblich sind 20 000 D-Mark aus dem Ministerium für Innerdeutsche Beziehungen geflossen. Von meinem ersten Zeilenhonorar, die ich für meine Ausreisegeschichte vom Berliner Tagesspiegel bekam, habe ich mir eine Levis 501 gekauft.

Als Journalist haben sie später auch mal Markus Wolf, den Chef der ostdeutschen Aufklärung, getroffen. Wie verlief diese Begegnung?

Schrill. Ich hatte ihm erstmal nichts von meiner Vita erzählt. Als ich dann damit rausrückte, sagte er einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist; „Wie wir die Jugend verbogen haben, das war Mist.“ Er hat mich dann aber auch noch gefragt, wie ich denn rausgekommen bin, wie das damals in Warschau gelaufen ist. Er sagte sogar etwas verärgert: „Das hätten ,unsere Kollegen vor Ort' aber erkennen müssen, dass ihr Ostdeutsche wart.“

Woher nahmen sie den Mut für ihre Fluchtversuche?

Ich denke, Mut ist nicht nur eine Tugend sondern erwächst vor allem aus Erkenntnissen. Meine Mutter betrieb eine Buchhandlung in Rostock, mein Vater war Arzt, das Elternhaus somit sehr reflektiert. Mit 13, 14 Jahren konnte ich die berühmten amerikanischen Autoren wie Ernest Hemingway, Ezra Pound, Mark Twain oder Scott Fitzgerald lesen. In den Büchern konnte man schon genau erkennen, wo deren Humanismus, aber auch das Mutpotenzial der Protagonisten lag. Das prägte mich genauso wie die englischen Texte der Rolling Stones, von Pink Floyd oder David Bowie. Für diese Platten habe ich manchmal bis zu 500 Ostmark gegen Westgeld eingetauscht, um im Intershop einzukaufen. Ich war einfach gierig nach allem, was nicht irgendwie eine gestanzte Ost-Lingua war. Und ich habe durchaus auch draufgängerische Anlagen.

Es ging ihnen also weniger darum, etwas Unbekanntes zu erreichen, sondern das Bekannte endlich hinter sich lassen zu können?

Genau. Einen gewissen Eskapismus habe ich auch heute noch bei manchen Dingen: Wenn ich merke, das mir etwas zu eng wird, haue ich ab, wechsle die Stadt oder ziehe aus einer Wohnung in die nächste. Damals in der DDR wurde man zu einem Flüchtigen erzogen. Es wurde nichts unterlassen, um die Menschen von Geburt an innerlich zu spalten, sie zu etwas zu bringen, was sie eigentlich gar nicht tun wollen. Ich habe deshalb auch lange gebraucht, um im Westen mit meinem Herzen anzukommen.

Gab es einen Moment, in dem sie ihre Entschlossenheit verflucht und sich mehr Phlegma gewünscht haben?

Es gab so eine Situation. Nach meinem Wehrdienst versuchte die Stasi, mich für eine Mitarbeit zu gewinnen. Ob ich denn nicht bereit wäre, mich in der Stadt umzuhören. Dann könnte ich auch Kulturwissenschaften an der Humboldt-Uni studieren. Und dieses Studium hat mich gereizt.

Die Stasi hatte die richtigen Köder ausgelegt.

Zweifellos. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich sehr genau überlegen musste, für was ich mich entscheiden soll. Obwohl ich Angst hatte, dass ich womöglich mir und meinen Eltern schweren Schaden zufüge, sagte ich Nein. Das sei der Anfang des gemütlichen Lebens in der DDR, prophezeiten mir die Stasi-Leute. Mein Vater hat mich dann immer wieder krankgeschrieben, wenn Vorladungen kamen. Aber irgendwann musste ich das Gespräch dann führen. Es war dann eher ein Verhör. Wie ein 100-Meter-Läufer habe ich alle meine Sinne zusammen genommen und versucht, ihnen alle möglichen Beweggründe für meine Absage, vom Großvater im Westen bis zu den Freunden, die ich nicht enttäuschen, kompakt und plausibel darzulegen. Ich gewann und hatte seitdem keine Angst mehr vor solchen Extremsituationen.

Sind sie später wieder in eine solche geraten?

Ja, als ich 1992 in München als Reporter im G7-Polizeikessel eingeschlossen war und von nervösen Polizisten getreten, geprügelt und gedemütigt wurde. Damals fühlte ich mich sehr an meine DDR-Vergangenheit erinnert, in der Gegner des Systems auch sehr schnell und direkt die Schärfe der Macht zu spüren bekamen. Damals entstand meine Idee für einen deutschen Geheimdienstagenten mit einer Ost-West-Vergangenheit, wie Markus Croy aus meinen beiden Romanen „Trias“ und „Hexagon“ einer ist.

Wie nehmen sie die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls wahr?

Sie interessieren mich nicht, weil sie eine vom Staat inszenierte und oktroyierte Angelegenheit sind. Innerhalb der Familien sollte gefeiert werden, dankbar darüber, dass man miteinander die Chancen, die es in dieser Gesellschaft gibt, nutzen kann. Wachsamkeit gegenüber denjenigen, die diese Freiheit missbrauchen, sollte allerdings auch jeder an den Tag legen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare