Jobcenter in Waldeck-Frankenberg verzeichnet Rückgang:

Zahl der Aufstocker im Kreis sinkt beständig

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Zuständig für die Erwerbsaufstocker im Kreis ist das Waldeck-Frankenberger Jobcenter. Links steht die Teamleiterin für die Leistungssachbearbeitung, Katrin Kaiser, dann folgen Geschäftsführer Otto Richter und Pressesprecherin Julia Rusch.

Waldeck-Frankenberg. Arm trotz Arbeit: Im Kreis können etwa 1400 Alleinstehende oder Paare nicht von ihrem Lohn leben, als „Erwerbsaufstocker“ erhalten sie „Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ vom Waldeck-Frankenberger Jobcenter.

„Jeder vierte unserer Leistungsempfänger arbeitet“, berichtet Geschäftsführer Otto Richter. Die gute Nachricht: Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig, gerade die Einführung des Mindestlohns hat sich bemerkbar gemacht. 

Richter legt die gesicherten Zahlen für den April 2018 vor. Danach waren von den 5598 Leistungsbeziehern des Jobcenters 1380 Erwerbstätige, das ergibt eine Quote von 24,7 Prozent. Zum Vergleich: 2014 lag die Quote noch bei 30,6 Prozent und 2016 bei 27,8 Prozent. Voriges Jahr betrug sie 23 Prozent – diese Zahl sei wegen des Zugangs an Flüchtlingen aber „etwas verwischt“: Die Gesamtzahl der Leistungsempfänger stieg stärker als normal. 

Lebenseinschnitte mit Folgen

Die Teamleiterin für die Leistungssachbearbeitung, Katrin Kaiser, macht eine Reihe von Gründen aus, warum das eigene Einkommen nicht mehr ausreicht. „Es sind meist Lebenseinschnitte“, berichtet sie: Scheidung, eine Erkrankung, die zur Erwerbsminderung führt, der Verlust des Arbeitsplatzes, das Einkommen bricht durch Gehaltskürzungen weg, oder ein weiteres Kind wird geboren. Alleinerziehende arbeiten oft nur in Teilzeit, und gerade schlecht Qualifizierte sind vielfach geringfügig beschäftigt. 

Für Richter ist die hohe Zahl der Singles und die relativ geringe Zahl der Familien überraschend: Er habe gedacht, je größer die Familie, desto größer sei auch der Bedarf an Hilfen. Der Anteil der Selbstständigen sinke schon seit Jahren. 

Die sinkende Zahl der Erwerbsaufstocker geht einher mit einer geringeren Zahl aller Leistungsempfänger. Der Bestand des Jobcenters sei in nur einem Jahr um elf Prozent gesunken, berichtet Geschäftsführer Otto Richter. 

Mindestlohn macht sich bemerkbar

„Die Einführung des Mindestlohnes haben wir sofort bemerkt“, sagt er, schlagartig seien Leute aus dem Bezug gekommen, weil sie mehr Geld für ihre Arbeit bekamen. 

„Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ dürften alle beantragen, wenn ihr Bedarf nicht durch ihr Einkommen gedeckt werde, erläutert Katrin Kaiser. Die Hilfen würden für jede Bedarfsgemeinschaft individuell berechnet. Berücksichtigt würden etwa Kosten für die Unterkunft, ein Mehrbedarf für Ernährung oder Warmwasser, es reiche bis zu Geldern aus dem Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder. 

Gewisse Scham vorhanden 

Doch nicht jeder nimmt Hilfen auch in Anspruch. „Es gibt eine Dunkelziffer an Leistungsberechtigten, die sich nicht melden“, sagt Kaiser Eine gewisse Scham sei wohl vorhanden. Dies sei auch bei den ersten Gesprächen zu bemerken, da seien Kunden teils „sehr zurückhaltend“. 

Wer zum Jobcenters komme, habe nicht selten „Lebenseinschnitte“ von Krankheit bis Scheidung zu bewältigen, sagt Kaiser. Dann müsse nicht nur wirtschaftliche Not gelindert werden, Betroffene müssten auch erst „ihre Probleme überwinden“. Sie würden „engmaschig begleitet“, versichert sie. Die Mitarbeiter des Jobcenters sind da besonders gefordert. 

„Es ist immer wichtig, den Kunden entgegenzukommen“, sagt Richter. Er ist stolz, dass seine Behörde bei den halbjährigen „Kundenbefragungen“ Spitzenwerte erhalte und bundesweit vorn liege. Die Mitarbeiter gewähren nicht nur Zuschüsse, sie beraten auch, um Betroffenen aus ihrer Notlage zu helfen. 

Betroffene aus ihrer Lage herausführen

„Wir versuchen, die Bedarfsgemeinschaften wieder aus dem Leistungsbezug zu bekommen“, erläutert Richter. Da könne es schon helfen, wenn in der Familie auch der andere Partner wenigstens geringfügig arbeite, um das Einkommen zu erhöhen. In den vergangenen Monaten habe sich das Jobcenter intensiv bemüht, Aufstocker ohne Kinder zu vermitteln, jeder Zehnte habe einen besseren Arbeitsplatz bekommen. 

Es sei möglich, von Teilzeit auf Vollzeit zu wechseln oder von einem Minijob in eine sozialversicherungspflichtige Arbeit, sagt Pressesprecherin Julia Rusch. Auch Arbeitsstunden aufzustocken könne dazu beitragen, mehr zu verdienen. Außerdem bemühe sich das Jobcenter, Alleinerziehenden zu helfen – zum Beispiel in Sachen Mobilität. Bei Erkrankung sei eine Umschulung denkbar, sagt Kaiser. 

Qualifizierung ist wichtig

Ein weiterer Weg sei, sich zu qualifizieren, berichtet Richter. „Das kommt aber extrem selten vor.“ Auch etwa 70 Prozent der vermittelten Arbeitslosen gingen in Helfertätigkeiten. „Der Anteil ist die letzten Jahre gestiegen“ – obwohl besonders in diesen Jobs das Risiko vorhanden sei, Erwerbsaufstocker zu werden. Mehr Perspektiven biete ein nachhaltiger und besser bezahlter Job – der aber höhere Ansprüche stellt. Gerade Flüchtlinge müssten qualifiziert werden, mahnt Rusch. 

Dabei kommt Interessenten die gute Lage auf dem heimischen Arbeitsmarkt entgegen: Viele Betriebe suchen neue Mitarbeiter, „Arbeitgeber sind kompromissbereit“, betont Richter, sie seien bereit, neue Leute einzuarbeiten.

Kreissozialamt verzeichnet höhere Ausgaben

Betreut das Jobcenter die Erwerbsfähigen und ihre Familien, so kümmert sich der Fachdienst Soziales der Kreisverwaltung um die Nicht-Erwerbsfähigen.  Dazu zählen zum Beispiel Rentner und Menschen mit einer Erwerbsminderung. 

Gab der Kreis Waldeck-Frankenberg 2012 noch rund 15 Millionen Euro an Sozialhilfe aus, so erhöhte sich die Summe nach Angaben der Pressesprecherin Petra Frömel im vorigen Jahr auf 17,8 Millionen – für dieses Jahr rechnet der Kreis sogar mit 19,38 Millionen Euro.

 Sozialhilfe ist kein Almosen, sondern laut Bundessozialministerium eine „gesetzlich verankerte Unterstützung für ein menschenwürdiges Dasein“. Die wichtigsten Beihilfen im Überblick: 

  • Hilfe zum Lebensunterhalt erhalten Menschen, die nicht arbeitsfähig sind und als „befristet voll erwerbsgemindert“ gelten. 
  • Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung bekommen Betroffene über 65 Jahre, aber auch über 18-Jährige, die „dauerhaft“ voll erwerbsgemindert sind und außerhalb von Einrichtungen leben. Die „Existenzsicherungsleistungen“ entsprechen denen der Hilfe zum Lebensunterhalt. 
  • Hilfen zur Gesundheit erhält, wer nicht gesetzlich oder privat krankenversichert ist. 
  • Eingliederungshilfe für behinderte Menschen soll eine drohende Behinderung verhüten, eine Behinderung oder deren Folgen beseitigen und Betroffene in die Gesellschaft eingliedern. Sie beinhaltet im Wesentlichen Kosten für Frühförderung, Teilhabeassistenten in Regel- und Förderschulen und für die Einzelintegration in Kindergärten. 
  • Hilfe zur Pflege wird für Menschen der Pflegegrade 2 bis 5 für die ambulante Pflege zu Hause gezahlt, aber auch bei einer Heimpflege.

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