WLZ-FZ-Serie 20 Jahre Mauerfall

„Zurückzugehen kam nie infrage“

- Korbach. Familie Kilian zog Ende 1990 von Nordhausen ins Waldecker Land. Der „Aktuellen Kamera“ im DDR-Fernsehen haben Christina und Wolfgang Kilian die Nachricht von der Grenzöffnung nicht abgenommen. Erst als auch die Tagesschau davon berichtet, glauben sie: „Da muss was Wahres dran sein.“

Zweifel, keine Euphorie, Skepsis, kein Freudentaumel: So beschreibt das Ehepaar im Rückblick seine Stimmung am Abend des 9. Novembers 1989 im thüringischen Nordhausen, etwa 30 Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt. Bereits am nächsten Tag, erzählt Wolfgang Kilian, ließen sich die Folgen des umwälzenden Ereignisses in seinem Kombinat ablesen: „Die Hälfte der Belegschaft fehlte.“ Und als dann auch eine Arbeitskollegin seiner Frau erzählte, dass sie im nahen, aber bisher doch so fernen Osterode im niedersächsischen Teil des Südharzes zum Einkaufen war, wollte auch Familie Kilian die neue Reisefreiheit ausprobieren. Das war gar nicht so einfach. In die völlig überfüllten Züge war nicht hineinzukommen. Also haben Kilians erst einmal zwei, drei Wochen ins Land gehen lassen. Mit ihrer Tochter sind sie dann im Trabi Richtung Osterode losgefahren. „Im Autoradio haben wir gehört, dass bei Mackenrode ein neuer Übergang aufgemacht worden sei.“ Trotzdem ging es nur im Schritttempo voran. Sechs Stunden brauchten sie für die gut 30 Kilometer.

„Unsere Tochter wollte unbedingt eine Barbie-Puppe und wir ein kleines Kofferradio“, beschreibt Christina Kilian die Einkaufswünsche. Bei Woolworth fühlte sie sich allerdings kurz an die DDR erinnert: „Alle Puppen ausverkauft“, hieß es da. Das Gegenteil erlebte sie hingegen im Supermarkt: „Ich wollte eigentlich Kaffee kaufen, aber dort gab es so viel unterschiedliche Sorten und Marken, dass ich gar nicht wusste, was ich nehmen soll.“ Einen Beutel Mandarinen und Bananen brachten sie schließlich spätabends nach einem langen Ausflug mit nach Hause. „Natürlich kannten wir die Reklame aus dem Westfernsehen. Aber dennoch waren wir von dieser bunten, leuchtenden Einkaufswelt in der Realität wie erschlagen“, sagt Christina Kilian heute.

Mit Volkskammerwahl im März und Währungsunion im Juli wurden in den nächsten Monaten die politischen und ökonomischen Weichen in Richtung einer schnellen Wiedervereinigung gestellt. Im Fleischkombinat Nordhausen, in dem Wolfgang Kilian beschäftigt war, warb die Berndorfer Wurstwarenfabrik Wilke um Arbeitskräfte. „Es war keine leichte Entscheidung, aber wir haben sie bis heute nicht bereut“, bekräftigt das Ehepaar. Zunächst pendelte Wolfgang Kilian zwischen Nordhausen und Nordwaldeck, wohnte wochentags in einer Pension in Mühlhausen. Durch Vermittlung der Pensionswirtin fand die Familie dann ein Vierteljahr später eine Wohnung in Welleringhausen. Wie in vielen Orten in jener Zeit herrschte auch in Korbach akute Wohnungsnot. Kurz darauf konnte auch Christina Kilian in der Wurstwarenfabrik anfangen.

„Wir wurden so herzlich und ohne jegliche Vorbehalte aufgenommen“, erinnern sie sich. Ihre damals 14 Jahre alte Tochter blickte anfangs mit gemischten Gefühlen in die Zukunft im Westen. Sie steckte mitten in der Schulausbildung mit Russisch statt Englisch als erster Fremdsprache und musste ihre Freunde in Nordhausen zurücklassen. „Nach und nach hat es sich dann eingependelt, Zurückzugehen kam für uns aber nie infrage“. 1997 zog die Familie nach Korbach um.

Die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls nehmen Christina und Wolfgang Kilian zur Kenntnis. In ausgelassener Feierlaune sind sie aber auch heute nicht. „Der Mauerfall hat unser Leben nicht von heute auf morgen auf den Kopf gestellt, sondern schrittweise für viele positive Veränderungen gesorgt. Dass dies alles ohne Blutvergießen und noch dazu in rasantem Tempo vor sich ging, sei zum großen Teil dem sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow zu verdanken“, findet das Ehepaar. Ein wenig dazu beigetragen haben sie selbst jedoch auch. An den Dienstagsdemos, die Mitte Oktober in Nordhausen begannen, nahmen auch sie teil.

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