Soziale Träger in Waldeck-Frankenberg arbeiten eng zusammen – Ein Besuch im Korbacher Kleeblattladen

Zwischen Zimt und Ziegenkäse: Marcel Bogner liebt seinen Job

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Lieblingsjob gefunden: Marcel Bogner arbeitet in der Korbacher Altstadt am Obermarkt im Kleeblattladen des Lebenshilfewerks. Er machte – im Alter von über 30 Jahren – dort eine zweijährige Ausbildung zum Verkäufer und fühlt sich aufgehoben.

KORBACH. In Waldeck-Frankenberg profitieren geistig, körperlich und seelisch behinderte Menschen von der sehr guten Zusammenarbeit der sozialen Träger. Statt zu konkurrieren, tauschen sich die Anbieter regelmäßig aus, um die jeweils besten Ansprechpartner für ihre Klienten zu finden.

Marcel Bogner geht jeden Tag mit Freude die wenigen Schritte von seiner Wohnung in der Korbacher Innenstadt zum Kleeblatt-Laden, einer 100-prozentigen Tochter des Lebenshilfe-Werks am Obermarkt: „Die herzliche Atmosphäre ist genau das, was ich brauche“, sagt der Mann im grasgrünen Kleeblatt-Shirt. Als erstes packt er die Lebensmittelkisten mit der neuen Ware auf dem großen Rollwagen aus.

Der 39-Jährige zeichnet Waldmeistertee und Zimtgewürz, Erdnüsse und Linsen mit Preisschildchen aus, räumt Brot und Dosen ordentlich in die Regale. Weil die Kollegin gerade unterwegs ist, springt er an der Wurst- und Käsetheke ein. Die Kundin möchte Ziegen- und Mitsommerkäse sowie einen Topf Oliven. Marcel Bogner bedient sie mit einem freundlichen Lächeln. Er arbeitet zügig und professionell. Selbst wenn an der Kasse die Hölle los ist, behält er die Ruhe. Wie viele Umwege er gebraucht hat, um hier anzukommen, ist ihm schon lange nicht mehr anzumerken.

Die ersten drei Lebensjahre fast nur im Krankenhaus

Auf seinem Weg zum Traumjob hat er alle Anbieter der Eingliederungshilfe kennengelernt, die es in Waldeck-Frankenberg gibt. Dabei stammt er ursprünglich aus den neuen Bundesländern. Seine ersten drei Lebensjahre verbrachte er weitgehend im Krankenhaus, da er mehrfach an den Füßen operiert werden musste. Seine leibliche Mutter vernachlässigte ihn; so kam er zunächst ins Heim und mit fünf Jahren in eine Adoptivfamilie: „Ich habe das nicht gehabt, was alle Kinder brauchen – Liebe“, sagt Marcel Bogner im Rückblick.

Wenn seine Mitschüler ihn hänselten, rastete er aus. Er teilte nicht gegen andere aus, schlug aber heftig mit Kopf und Händen gegen Wände, Regale und Schilder. Einmal brach er sich das Handgelenk. „Ich kann dann nicht diskutieren“, sagt er: „Ich bin dann einfach hilflos.“ Eine erste Ausbildung als Tankwart scheiterte daran, dass er nach einer Operation schlecht zu Fuß war und häufig umknickte. Er hatte große Schmerzen.

Weit weg von zu Hause startete er die Ausbildung zum Bürokaufmann im Berufsbildungswerk Nordhessen. „Das war eine ganz andere Welt“, stellte er fest. Doch er hatte nach wie vor Schwierigkeiten, mit sich selbst und anderen klarzukommen. Und er hatte eine Spielsucht entwickelt. Er kam in die Vitos Klinik Haina. Seine Ausbildung konnte er nicht abschließen. Bei weiteren Psychiatrieaufenthalten tankte er neue Kraft und kam zu dem Ergebnis: „Ich brauche Hilfe.“ Ihm wurde zunächst ein ehrenamtlicher, dann ein gesetzlicher Betreuer an die Seite gestellt, der ihn an die Treffpunkte in Korbach vermittelte. Er zog ins Betreute Wohnen, besuchte die Tagesstätte und wurde allmählich stabil.

Sein Betreuer kam zu dem Ergebnis, dass Marcel Bogner mehr kann. So kam der junge Mann in die Korbacher Werkstatt der Lebenshilfe, wo er fünf Jahre lang Schaltkästen in der Elektroabteilung zusammenschraubte. Doch seinen Platz hatte er damit noch nicht gefunden. Um die Werkstatt zu verlassen, musste er jedoch auch seine Spielsucht in den Griff bekommen. Er ging ins Beratungszentrum der Diakonie und schaffte es mit Unterstützung einer guten Freundin innerhalb von sechs Monaten.

Als er mit einem Praktikum im Kleeblatt-Laden der Lebenshilfe anfing, war ihm bald klar: „Ich will nirgendwo anders hin.“ Selbst seine Füße machten ihm nach den ersten Wochen kaum noch zu schaffen, obgleich er dauernd stehen und laufen muss.

Ein "Super-Kollege" 

Er absolvierte – mit über 30 – eine zweijährige Ausbildung zum Verkäufer. „Er ist ein ganz normaler, guter Mitarbeiter“, sagt seine Chefin Anne Welsch-Stein. Er übernehme alle Arbeiten im Bio-Markt, könne auch die Kasse abrechnen und gehe gut mit den Kunden um. Er wohnt auch schon seit Jahren selbstständig, erst mit einem Mitbewohner, inzwischen allein mit seinen drei grau getigerten Katzen.

Für Fleischereifachverkäuferin Sigrid Weber ist Marcel Bogner ein „Super-Kollege“. Und er mag auch die Menschen, die hier einkaufen. „Sie sind sehr freundlich“, sagt er: „Der Laden ist das, was mir geholfen hat.“ Alle Unterstützungsangebote hat Bogner auf seinem Weg schätzen gelernt. Die Wechsel waren unkompliziert.

„Die Zusammenarbeit in Waldeck-Frankenberg war immer schon gut und hat sich über die Jahre verstärkt“, berichtet Frank Strotmann vom Vorstand des Lebenshilfe-Werks. Alle Beteiligten wüssten: „Nur, wenn wir miteinander kooperieren, können wir gute Arbeit leisten.“ Es gebe auf vielen Ebenen Planungsgespräche, Koordinationstreffen und Austausch. Frank Strotmann: „Dadurch hat der Klient für alle Belange immer die besten Ansprechpartner.“ Schließlich sei nicht jeder für jede Wohn- oder Arbeitsform geeignet.

Von Gesa Cordes

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