Auto im Test

Der neue Ford Focus ST - Kultivierter Kraftprotz für kleines Geld

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Der neue Ford Focus ST hat echte Renn-Gene.

280 PS für 32.900 Euro? Und ein neues Auto soll es auch noch sein? Geht und gibt's: der neue Focus ST. Wir durften den Kracher auf vier Rädern schon fahren.

Verniedlichend oder verächtlich, je nach Standpunkt, nennt man sie kleine Rennsemmeln. Den Hyundai i30 N zum Beispiel, den VW Golf GTi oder etwa den Renault Megane RS und natürlich den Honda Civic Type R. Dabei steckt in diesen tollkühnen Kisten mehr. Von wegen gemütlich in der Gegend rumsemmeln. Die haben echte Renn-Gene und sind kompakte Kraftmeier mit Biss. Einer dieser Vertreter ist der neue Ford Focus ST. Schon die bloßen Werte zeigen das sportliche Herz des unter der Oberhoheit der Kölner Ford Werke entwickelten Volks-Boliden. Stattliche 280 PS zaubert der Deutsch-Amerikaner aus seinem 2,3-Liter Turbo-Benziner. So richtig in Trab fallen die Pferdestärken zwischen 3.000 und 4.000 Umdrehungen pro Minute: Das Drehmoment liegt dann bei 420 Nm. Was ordentlich Dampf bedeutet. In 5,7 Sekunden spurtet der Focus ST damit von 0 auf Tempo 100. Noch Fragen?

Leo Roeks, Direktor von Ford Performance, ist sichtlich stolz auf sein Baby. "Für mich ist das Drehmoment das Wichtigste. Und mit 420 NM ist der Focus ST Sieger in seiner Klasse!" Wo er recht hat, da hat er recht. Die Leistungsentfaltung, die wir auf den Straßen rund um Engelskirchen ganz in der Nähe von Köln ausprobieren können, ist entsprechend der Örtlichkeit himmlisch. Der Focus ST zieht und zieht und zieht. Mit dem zweiten Gang - wir sind natürlich den Handschalter mit dem Alukopf gefahren - erreichen wir schon fast Tempo 100.

Und knackig geht es weiter. Dritter, vierter, fünfter Gang, rauf auf die Autobahn und rüber auf die linke Spur, die uns gehört. Bis Tempo 250 spielt der ST mit. Aber wann kann man dieses Geschwindigkeit auf bundesdeutschen Autobahnen schon fahren? Wir stellen wieder mal fest: Ein Tempolimit braucht es nicht, wir haben es schon. Entweder weil so viel los ist auf unseren Straßen, oder weil viele Strecken schon limitiert sind.

Video: Der Ford Focus ST

Schnurrend bringt der Focus die Power auf den Asphalt. Krachender wird es, wenn wir auf Sport-Modus umschalten oder dann in den mit 1.200 Euro aufpreispflichtigen Race-Modus. Schon bei Sport bollert die Auspuffanlage satt vor sich hin, ein wenig digital aufgehübscht für den Innenraum. Schade, hört sich künstlich an! Aber für die Umgebung draußen ist es hörtechnisch angenehmer. Im Vergleich zum Vorgängermodell, dem Focus RS, sind die Fahrmodi prägnanter ausgelegt. Wenn man auf dem Lenkrad die kleine Taste mit der Sportflagge drückt, merkt man sofort den Unterschied. Nicht nur beim Sound. Bleibt man konstant auf dem Gaspedal und schaltet schnell von Komfort auf Sport, so wirken Motor und Beschleunigung schon in dieser Stellung viel giftiger, die Beschleunigung ist direkter. Dazu stellen sich die adaptiven Dämpfer schon mal auf scharf. Man spürt die Straße und das ist gut so. 

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Zwischen 10,5 und 11,5 Liter Verbrauch

Noch ein wenig härter und direkter wird es bei Race. Das Display weist zwar vorsorglich daraufhin, dass man das nur auf der Rennstrecke machen soll. Macht zwar prinzipiell Sinn, weil die elektronischen Stabilisatoren dann in den Kurven mehr zulassen also normal. Aber ganz untätig sind sie - Gottseidank - nicht. Dazu kommen beim Runterschalten kurze Zwischengas-Stöße, die dem Focus noch mehr Charakter verleihen. Genauso wie die Fehlzündungen, die sich jetzt spratzelnd und sprotzelnd bemerkbar machen.

Schön ist auch die sehr direkte Lenkung, auf die man ebenfalls größten Wert gelegt hat. Nur zwei Umdrehungen - dann hat man sich vom einen Ende zum anderen Ende gekurbelt. Bei der Kurvenagilität hilft das elektronische Vorderachs-Sperrdifferential, das die Kraft immer auf das Vorderrad verteilt, das am meisten Grip hat. Ein wirklich schöner technischer Leckerbissen, den die Ford-Leute da eingebaut haben.

Benzin braucht der ST auch - und zwar nicht zu knapp. Die 7,9-Liter-Norm nach WLTP dürfte in der Praxis in weiter Entfernung liegen. Gut, wir haben es ein wenig krachen lassen, aber bei unserem Test pendelten wir schon eher zwischen 10,5 Liter minimum und 11,5 Liter maximum. Drunter geht es sicher auch, aber dann dürften die Fahrten ziemlich spaßbefreit sein. Und dann braucht man sich so ein Auto wie den ST auch wieder nicht zu kaufen.

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32.900 Euro für den prächtigen Benziner

Noch ein Wort zum Preis. Den Benziner kriegt man schon ab 32.900 Euro. Für den Diesel - ja Sie haben richtig gehört, auch den gibt es - werden nur 31.900 Euro fällig. Aber wer will im ST schon einen Selbstzünder mit 190 PS, auch wenn er 400 Nm Drehmoment hat und in 7,6 Sekunden von 0 auf Tempo 100 spurtet, wenn man so einen prächtigen Benziner fahren kann? Schon für wenig Zusatzgeld lässt sich der übrigens gut aufrüsten. Performance und Technik-Paket kosten 1.700 Euro. Eine vernünftige Bang & Olufsen-Anlage mit DAB-Empfang macht noch mal 700 Euro. Der Totwinkel-Assistent für 480 Euro ist schon fast ein Muss und die Lackierung in Performance-Blau sollte man sich für 600 Euro auch noch leisten. Auf eines kann man getrost verzichten. Das auf eine kleine zusätzliche Glasfläche auf dem Cockpit projizierte Head-up-Display (HUD) für 450 Euro. Es stört mehr sie für Übersichtlichkeit sorgt. Entweder ein richtiges HUD auf der Frontscheiben-Innenseite oder gar nichts.

Unser Fazit: Sport, Spaß aber auch Entspannung. Das bietet der neue Ford Focus ST. Denn durch die ausgeprägten unterschiedlichen Fahrmodi ist für jede Fahrsituation und persönliche Stimmung etwas dabei. Gemütliches Cruisen im Komfort-Modus mit nur leichter soundtechnischer Unterstreichung durch den Auspuff. Oder giftige Kurvenjagden mit Pauken und Trompeten. Schön pubertär. Und das Ganze zu einem vernünftigen Preis. Da möchte man gleich Ford fahren.

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Rudolf Bögel

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