Fahrbericht

eSprinter von Mercedes im Test: So gut ist der elektrische Lastesel

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In voller Fahrt braucht der eSprinter von Mercedes zwischen 32,5 und 37,1 kWh pro 100 Kilometer.

Die Spannung steigt. Auch immer mehr Transporter fahren mit Strom. Wir sind mit dem brandneuen eSprinter von Mercedes schon durch München geflüstert.

Mit Nutzfahrzeugen verbindet man normalerweise nervtötenden Lärm und stinkende Auspuffrohre. Aber auch hier legen die Autokonzerne den Hebel langsam um. Das E-Zeitalter kommt spät, aber mächtig. In der 3,5-Tonnen-Klasse gibt es Zuwachs: Nach Renault Master Z.E., dem Iveco Daily electric, dem eCrafter von Volkswagen und dem baugleichen eTGE von M.A.N., greift jetzt die Sternenflotte von Daimler ein. Mit dem Besteller Sprinter wollen die Stuttgarter das Segment aufmischen.

eSprinter von Mercedes: Bis zu 168 Kilometer Reichweite - mit einem Haken

Pathetisch könnte man sagen: Es ist schon ein erhebendes Gefühl, wenn man mit so einem Kastenwagen den Rosenheimer Berg mehr hinuntergleitet als hinunter rumpelt. Der eSprinter fühlt sich wie ein schwebender Teppich an, allerdings ein sehr großer. Denn rein äußerlich ist der emissionsfreie Transporter genauso groß wie seine Verbrenner-Brüder. Vom Ladevolumen her bietet er ebenfalls 10,5 Kubikmeter, bis zu rund einer Tonne Zuladung sind möglich. Das hängt aber ganz von der Batteriegröße ab.

Daimler bietet hier zwei Varianten an. Einmal den größeren Akku mit nutzbaren 47 Kilowattstunden (kWh). Der schafft dann zwar 168 Kilometer Reichweite. Weil er aber schwerer ist, können nur 891 Kilogramm zugeladen werden. Die kleinere Batterie mit nutzbaren 35 kWh bringt den eSprinter nur 115 Kilometer weit, dafür aber packt er 1.045 Kilogramm zusätzliches Gewicht. Ob Handwerker oder Transportunternehmen - hier müssen die Kunden entscheiden, auf welche Fähigkeiten sie mehr Wert legen.

Aufgeladen wird der eSprinter am besten an einer Schnelladesäule. Hier "tankt" er mit dem optional erhältlichen 80 kw-Lader in 30 Minuten auf.

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115 PS und 300 Nm Drehmoment bringt der eSprinter auf die Straße

Von der Motorkraft her liegt der eSprinter mit seinen 115 PS und knapp 300 Newtonmetern Drehmoment auf einer Linie mit dem kleinsten Diesel, der im Einstiegs-Sprinter angeboten wird. Genauso mächtig, aber leiser und sauberer natürlich. Mit dem Elektro-Transporter muss allerdings niemand mehr ein Fahrverbot in großen Städten fürchten. Vor allem die etwas größere Batterie bietet eine Reichweite, die im Alltag ausreichen dürfte. Im Zweifelsfall lässt sich mit dem intelligenten Energiemanagement die Batteriepower länger halten.

Das geht zum einen mit den jeweiligen Fahrstufen. Bei "E+" wird zum Beispiel die Höchstgeschwindigkeit auf 80 Stundenkilometer abgeregelt, Heizung und Klima stehen nur rudimentär zur Verfügung. "E" lässt immerhin 100 Stundenkilometer zu, keiner muss mehr allzu sehr frieren oder grillt im Sommer in der Fahrgastkabine. Und bei "C" wie Komfort fährt man schon mit Tempo 120 auf der Stadtautobahn mit, die Klimaanlage ordnet sich ganz und gar nicht mehr den Kriterien der Energieeffizienz unter.

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eSprinter von Mercedes: Strom sparen durch Stromproduktion

Die zweite Möglichkeit, Reichweite zu sparen, ist Strom zu produzieren. Das geht über das sogenannte Rekuperieren. Der Elektromotor arbeitet dann wie ein Generator und bremst das Auto. Im Stadtverkehr oder bei Bergabfahrten lässt sich so problemlos Energie produzieren. Auch hier kann der Fahrer den Grad der Rückgewinnung selbst in vier Stufen steuern. Bei "D-" kann man fast nur mit Gas geben oder Gas wegnehmen fahren. Geht man runter vom Pedal, bremst der Transporter automatisch ab. Das geht fast bis zum Stillstand. Erst kurz davor muss man noch mal kurz auf die Bremse treten.

Typisch Nutzfahrzeug: Das Cockpit des eSprinters ist mehr als nüchtern. Das Radioteil erinnert an prähistorische Becker-Modelle.

Kling kompliziert macht aber sogar Spaß, weil es eine ganz andere Art Auto zu fahren ist. Und irgendwie ist es auch schön, so einen Transport-Koloss quasi spielerisch zum Halten zu bringen. Die drei anderen Rekuperationsstufen schwächen sich immer mehr hin ab und ermöglichen in der geringsten Ausprägung nur noch das Segeln des Fahrzeugs. Dafür ist man natürlich weitaus dynamischer unterwegs.

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eSprinter: Akku lässt sich in 30 Minuten auf 80 Prozent laden

Und drittens - sollte die Batterie im täglichen Betrieb tatsächlich mal leer sein - kann man den Sprinter auch in absehbarer Zeit wieder aufladen. An einer Schnelladesäule mit Gleichstrom (DC) holt sich die Kastenwagenbatterie schon innerhalb von 30 Minuten 80 Prozent ihrer Ladung wieder. In Bayern entspricht das der durchschnittlichen Brotzeit, die ein Handwerk oder Lieferant einnimmt. An der AC-Wallbox im Betrieb oder zu Hause braucht es rund sechs Stunden, also am besten über Nacht.

Bei der Testfahrt wollten wir vor allem wissen, wie realistisch die Reichweite der Batterie ist. Mit der höchsten Rekuperationsstufe kreuzten wir - immerhin mit einer Zuladung von 250 Kilogramm. - durch den weihnachtlichen Münchner Stadtverkehr. Und siehe da 30 Kilometer Fahrt haben am Ende tatsächlich nur 30 Kilometer Reichweite gekostet. Laut Mercedes liegt der Durchschnittsverbrauch zwischen 32,5 und 37,1 kWh pro 100 Kilometer.

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eSprinter: Mercedes verrät noch keinen Preis

Verfügbar ist der eSprinter ab Februar. Was er kosten wird, das hat Mercedes noch nicht verraten. Da wird hinter den Kulissen sicherlich noch hart diskutiert. Der ärgste Konkurrent, der eCrafter von Volkswagen, wurde nach einem Jahr auf dem Markt sogar ein gutes Stück billiger und kostet brutto jetzt exakt 54.437,50 Euro. Und liegt damit im förderwürdigen Bereich für Elektroautos. Um in diesem Segment Erfolg zu haben, muss Daimler hier schon fast mitziehen.

Der packt ganz schön was weg: In den eSprinter passt exakt so viel in den herkömmlichen Kastenwagen: 10,5 Kubikmeter.

Wer sich übrigens nicht sicher ist, ob sich so eine Elektro-Transporter für seinen Betrieb rentiert, dem bietet Mercedes demnächst eine eigene und kostenlose App an. Hier werden Investitions-, Anschaffung- und Betriebskosten gegengerechnet. Schließlich muss in die Ladeinfrastruktur gehörig investiert werden, und auch bei Leasing oder Kauf eines Fahrzeugs liegt man bei einem E-Auto sicherlich teurer als mit einem konventionellen Verbrenner. Nur im eigentlichen Betrieb bleibt mehr Geld in der Kasse. Die Wartung ist bei einem E-Transporter günstiger und natürlich auch die Treibstoff- respektive Stromkosten. Mit dem eCharging Planner kann man sich so genau ausrechnen lassen unter welchen Umständen sich der elektrische Lastesel wirklich rentiert.

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Unser Fazit zum eSprinter von Mercedes

Vom Handling und vom Fahrgefühl her ist so ein elektrischer Sprinter eine feine Sache. Für den Kurzstrecken- und Mittelstrecken-Einsatz in und rund um Städte ist er absolut geeignet. Und wenn die Beispielrechnung der kostenlosen eCharging-App uns nicht getäuscht hat, lässt sich so ein Fahrzeug trotz des höheren Grundpreises tatsächlich wirtschaftlich betreiben. Flüsternde Handwerker- und Lieferautos - auch für Anlieger sind sie eine prima Sache.

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Rudolf Bögel

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