Feuerfalle Tunnel: So reagieren Sie richtig!

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Feuerwehrleute überwachen das kontrollierte Abbrennen von zwei Autos in einem neu gebauten Straßentunnel.

Drei Minuten. So lange hat man Zeit, sich aus einem brennenden Auto- Tunnel zu retten, sagt Professor Färber. Wer zögert und sitzen bleibt, ist verloren.

Der Verkehrspsychologe sucht nach Methoden, Menschen in Sicherheit zu locken – und fand den Gesang des Rotkehlchens.

Eine zerfallene Steintreppe führt zur Bunkeranlage. Wuchtige graue Stahltüren riegeln das Relikt aus der Nazi-Zeit ab. Die Wände sind pechschwarz. Perfekt für Berthold Färber, Verkehrspsychologe der Bundeswehr-Uni München. Metertief unter der Erde hat er sein Labor eingerichtet. Computer surren, eine Wärmebild-Kamera späht durch die Finsternis, eine Theater-Nebelmaschine bläst leise Rauch. Selbst ein komplettes Auto hat man in den Bunker geschafft. „Aber wie wir das hinbekommen haben, ist eine andere Geschichte“, sagt Färber. Und grinst. Heute geht es um den Sägezahn und das Rotkehlchen. Um Feuer, Angst und die tiefste Orgel Bayerns. Aber der Reihe nach.

26 europäische Straßentunnel im Test 2010

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Im März 1999 kommt es zu einem verheerenden Brand im Mont-Blanc-Tunnel. Die Röhre wird zum Schornstein. Das Feuer saugt gierig Luft, lodert extrem heiß. Der Qualm ist hoch-toxisch. Nirgends ist ein Feuer so tödlich, wie in einem Tunnel. 39 Menschen sterben. Doch die Tragödie ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es zu Tunnel-Bränden (siehe Kasten). Und viel zu oft sterben Menschen.

Flammen werden in den unterirdischen Röhren schnell zur Todesfalle. Professor Berthold Färber forscht nach neuen Methoden, die Tunnel sicherer machen sollen.

„Viele verlieren ihr Leben, weil sie einfach zu lange im Auto sitzenbleiben“, sagt Färber. Weil sie starr vor Angst sind. Weil sie sich im Wagen sicher fühlen. Weil sie ihre Wertsachen nicht verlassen wollen. Oder weil sie einfach nicht wissen, wohin. Was auch immer der Grund zum Zögern sein mag: „Innerhalb von drei Minuten sollte man besser in Sicherheit sein – sonst ist es vielleicht zu spät.“ Deswegen kämpft Färber jetzt um diese Minuten. Er forscht im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums nach neuen Methoden, Autofahrern in brennenden Tunneln das Leben zu retten. Deswegen hat er es sich im Bunker gemütlich gemacht, ein ausrangiertes Auto plus Nebelmaschine besorgt. Mit 58 Probanden probte er hier monatelang die Rettung aus der Feuer-Hölle, überwacht per Wärmebild-Kamera.

Färber steht vor zwei Problemen. Erstens: Die Akustik in einem Tunnel ist noch schlechter als in einem Bahnhof – Ansagen per Lautsprecher verhallen zu Kauderwelsch. Zweitens: Die Sicht ist innerhalb weniger Sekunden komplett vom Qualm blockiert. Wie bekommt man die Menschen aus ihren Autos raus? Und wie lockt man sie zum Notausgang?

Dafür schickt er Probanden durch einen vernebelten Bunker und überwacht ihre Schritte per Wärmebild- Kamera.

Töne sollen retten. Ein akustisches Signal, so abscheulich, dass Menschen davor flüchten. „Eine Sirene hilft nicht“, sagt Färber. „Da denken die Leute an Feuerwehr und bleiben sitzen, bis Hilfe kommt. Wir müssen sie aber aus dem Wagen treiben.“ Die Lösung: Ein wummerndes, tieffrequentes Geräusch, das man mehr spürt als hört. Ein Bass-Vibrieren, wie beim Start einer Turbine. Ein Ton wie ein Erdbeben. Färber hat die angeblich tiefste Orgel Bayerns bauen lassen, 10,6 Meter lang und 7 Herz tief. Alternativ erzeugt er das unheimliche Geräusch auch elektronisch per Bass-Box. „Sägezahn“ hat er das brachiale Wummern getauft. Der Sägezahn treibt die Menschen aus ihren Autos.

Damit sie anschließend den Notausgang finden, lockt Färber mit einem Geräusche-Mix. Zuerst singt eine Stimme „hier her“, dann ertönt das Gezwitscher eines Rotkehlchens. „Man läuft intuitiv darauf zu“, sagt Färber, „vermutet Licht und frische Luft.“ Zusätzlich wird der Vogel-Gesang mit einem Rauschen unterlegt, was angeblich der Orientierung dienen soll.

Dabei können auch optische Signale helfen, die der Professor ebenfalls im Bunker erforscht. Er hat ein Lauflicht entwickelt, ähnlich wie an einer Baustelle. Es blinkt in Richtung Ausgang. Direkt davor pulsiert ein Laser, der ist auch im dichten Qualm noch gut zu erkennen. Färber hat eine ganze Reihe von Methoden entwickelt, mit denen jeder Tunnel für relativ wenig Geld nachrüstbar wäre. Seine Vorschläge hat er beim Bundesministerium abgeliefert. Noch wurden seine Ergebnisse nicht umgesetzt. Noch weisen Vögel nicht den Weg zur Freiheit.

DIE GRÖßTEN TUNNEL-KATASTROPHEN

MONT-BLANC-TUNNEL:  Die Röhre unter dem Montblanc-Massiv verbindet Frankreich mit Italien. Pro Tag fahren rund 5000 Fahrzeuge hindurch. Am 24. März 1999 kommt es zur Katastrophe. Der Motor eines belgischen Lastwagens gerät in Brand, vermutlich wegen einer weggeworfenen Zigarettenkippe. Der Fahrer kann flüchten, doch viele Menschen sitzen hinter dem Laster in ihren Autos fest. 39 von ihnen verbrennen. Das Feuer wütet über 53 Stunden.

TAUERNTUNNEL: 29.05.1999: Er gehört zur Tauern-Autobahn A 10 Salzburg-Villach in Österreich. Am frühen Morgen des 29. Mai 1999 übermannt der Sekundenschlaf einen Lkw-Fahrer aus Oberösterreich. Der Laster, beladen mit 24 000 Lackspraydosen, rammt eine stehende Auto-Kolonne, die vor einer roten Ampel wartet. Feuer bricht aus, es entstehen Temperaturen von bis zu 1200˚C. Zwölf Menschen kommen in den Flammen um.

GOTTHARD: Mit seinen 16,9 Kilometern unter dem Schweizer Berg-Massiv ist er der drittlängste Straßentunnel der Welt – und einer der gefährlichsten. In 30 Jahren ereigneten sich rund 900 Unfälle.

Der Schwerste geschah am 24. Oktober 2001: Zwei Lkw stießen zusammen und gerieten in Brand. Elf Menschen starben.

BODENSEE: Bei der Einfahrt in einen Tunnel der Bundesstraße 31 bei Eriskirch im Bodenseekreis gerät ein Auto am 25. Dezember 2005 ins Schleudern, prallt gegen ein entgegenkommendes Fahrzeug und rammt schließlich die Tunnelwand. Das Auto fängt sofort Feuer. Vier Menschen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren verbrennen. Ein fünftes Opfer wird aus dem Wagen geschleudert und stirbt ebenfalls.

THOMAS SCHMIDT

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