Überangebot

Ärzte fordern Überprüfung von Medikamenten

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Laut Experten gibt es in Deutschland ein Überangebot an Medikamenten.

Berlin - „Wir haben definitiv zu viele Arzneimittel“: Ärzte und Patienten in Deutschland müssen aus Expertensicht mit einem Überangebot an Medikamenten zurechtkommen. Experten fordern, dass besonders kostenträchtige Medikamentengruppen gezielt überprüft werden müssen.

Ärzte und Patienten in Deutschland müssen aus Expertensicht mit einem Überangebot an Medikamenten zurechtkommen. „Wir haben definitiv zu viele Arzneimittel“, sagte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, in Berlin. „In Deutschland sind rund 20.000 verschreibungspflichtige Arzneimittel mit rund 2000 Wirkstoffen zugelassen“, erläuterte Ludwig. 300 bis 500 dieser Wirkstoffe dürften für eine gute medizinische Versorgung ausreichen. „In einzelnen Bereichen wie der Schmerztherapie bei Tumorpatienten sind die Verordnungen oft sehr irrational.“

Solche kostenträchtige Medikamentengruppen müssten gezielt überprüft werden, sagte Ludwig. Dafür zuständig sind zentrale Gremien des Gesundheitswesens, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit (IQWiG). Für Ludwig ist es fraglich, ob diese Gremien die nötige Kapazität haben.

Infolge der jüngsten Arzneireform der Koalition werden nun zumindest neue Arzneimittel auf ihren tatsächlichen Mehrwert für die Patienten untersucht. „Für viele Arzneimittel ohne Zusatznutzen wird der Preis sinken“, prognostizierte Ludwig. „Das ist aus ökonomischer Sicht sicher sinnvoll.“

Doch die Herstellerstudien zu den Wirkstoffen, die jetzt bewertet werden, seien häufig schon vor mehreren Jahren geplant worden. „Bevor ein Umdenken der Industrie einsetzt und besser wirksame Arzneimittel auf den Markt kommen, werden einige Jahre vergehen“, so Ludwig.

Er hoffe, dass die Hersteller künftig stärker einen Zusatznutzen für die Patienten anstreben. „Dann hätten wir für unsere Patienten mehr Wirkstoffe, die nicht nur Scheininnovationen sind und keinen therapeutischen Fortschritt bringen“, so der Chefarzt für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Berliner Robert-Rössle-Klinik. „Die Industrie wird wieder mehr in Forschung investieren müssen, um echte Innovationen auf den Markt zu bringen.“

Die neue unabhängige Bewertung durch G-BA und IQWiG ermöglicht den Ärzten laut Ludwig, „ihr Verordnungsverhalten nicht nur an den Hochglanzbroschüren der Industrie zu orientieren“. Es werde häufiger vorkommen, dass neuen Mittel ein fehlender Mehrwert für die Patienten bescheinigt wird. Nach optimistischen Schätzungen könne durch etwa 30 Prozent der neuen Wirkstoffe ein therapeutischer Fortschritt erreicht werden, andere gingen nur von 10 Prozent aus. „Auf die restlichen Präparate könnten wir in Zukunft verzichten, ohne dass sich die Qualität der Patientenversorgung verschlechtert.“

dpa

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