Nach langem Winter

Ärzte rechnen mit besonders heftiger Heuschnupfensaison

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„Es ist zu erwarten, dass es geradezu explodiert“: 
Besonders Birkenpollen machen Heuschnupfenpatienten das Leben schwer.

Hannover - Für Allergiker hat der lange Winter sein Gutes. Er gewährt ihnen noch eine gewisse Schonfrist. Doch irgendwann wird der Frühling kommen, und dann vermutlich mit Macht. Während die meisten Menschen sich dann über wärmende Sonnenstrahlen und blühende Wiesen freuen, brechen für Allergiker harte Zeiten an.

Triefende Nasen und juckende Augen kündigen den lästigen Heuschnupfen an. Wegen der langen Kälte dürfte es dieses Jahr besonders heftig werden. „Sobald es wärmer wird, kann es mit den allergenen Frühblühern relativ schnell gehen“, sagt Prof. Andreas Dietz, Direktor der Uniklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) in Leipzig. „Es ist zu erwarten, dass es geradezu explodiert.“

Etwa 16 Prozent der deutschen Bevölkerung leiden nach Angaben des Deutschen Allergie- und Asthmabundes unter einer Pollenallergie. Die Pollen früh blühender Laubbäume und Sträucher machen ihnen das Leben schwer. Birke, Haselnuss, Erle, Ulme und Esche gehören dazu, aber auch Gräser, Kräuter und Getreidepollen. Obwohl die Natur noch im Winterschlaf zu liegen scheint, leiden einige Zeitgenossen schon jetzt. „Unsere Allergiesprechstunde füllt sich, daran sehen wir, dass die Saison losgeht“, sagt Stefan Stolle, allergologischer Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover. Erlen- und Haselnusspollen seien schon unterwegs. Und es komme nicht unbedingt auf große Mengen an, um Heuschnupfen oder Asthma auszulösen.

Am schlimmsten trifft es diejenigen, die gleich gegen mehrere der Blütenpartikel allergisch sind. „Dass einer ganz isoliert nur auf Birke oder nur auf Ambrosia reagiert, das ist eher selten der Fall“, sagt Dietz. Die Betroffenen schniefen, niesen und röcheln bis in den Herbst hinein, sie schlafen schlecht, können sich weniger gut konzentrieren und verschanzen sich zu Hause hinter verschlossenen Fenstern und Türen. Die Teilhabe am sozialen Leben ist stark eingeschränkt.

Die Stärke und der Beginn des Pollenflugs hängen nicht nur von der Temperatur ab. Auch der Wind spielt eine Rolle und die Frage, ob man in der Stadt oder auf dem Land, in den Bergen oder im Flachland lebt. In der Stadt ist der Pollenflug abends am stärksten, auf dem Land am Morgen. In den Bergen und am Meer ist die Belastung dagegen gering.

Dass Menschen ausgerechnet an der frischen Luft krank werden, hat den Medizinern lange Zeit Rätsel aufgegeben. Noch immer sind die genauen Ursachen des Heuschnupfens nicht geklärt. Doch inzwischen vermutet man, dass es eine genetische Vorbelastung gibt. Außerdem fördert zu viel Hygiene offenbar die ­Allergieneigung. Der Kontakt zu mehr Keimen, darauf deuten Studien hin, macht das Immunsystem toleranter gegenüber Allergenen.

Überdies haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Pollen aggressiver auf die Schleimhäute wirken, wenn sie an Abgas- oder Rußpartikeln haften. Auch Zuwanderer im Pflanzenreich können heftige Reaktionen auslösen. Ein Beispiel ist die Beifuß-Ambrosie aus Nordamerika, die sich bei uns wie Unkraut breitmacht und spät – von August bis Oktober – blüht. Ihre allergene Wirkung wird als fünfmal stärker als die heimischer Pflanzen eingestuft.

„Für Allergiker kann es hart werden“

Nachgefragt bei Stefan Stolle, Oberarzt für Allergologie an der MHH

Allergiker freuen sich über die kalten Tage, doch was passiert, wenn es plötzlich warm wird? Droht dann die Pollenexplosion?

Diesen Begriff halte ich für übertrieben, aber ja, Allergiker werden Probleme bekommen, wenn es deutlich wärmer wird. Bis jetzt waren sie weitgehend verschont, doch weil die Vegetation spät dran ist, wird es beim Pollenflug zu Überschneidungen kommen. Wie hart es für Allergiker kommt, hängt aber auch vom Wetter ab. Ist es regnerisch, werden die Pollen ausgewaschen, ist es trocken und windig, fliegen sie zu Hauf in der Gegend herum. Dass die Saison losgeht, merken wir in unserer Allergiesprechstunde. Dort ist schon ordentlich was los.

Sollte man sich bei Anzeichen einer Allergie gleich behandeln lassen?

Wir empfehlen dringend, bei Symptomen wie triefender Nase oder brennenden Augen zu einem Allergologen zu gehen. Die Fachärzte können einschätzen, ob Vermeidungsstrategien reichen und es ausreicht, die Symptome zu kurieren, oder ob es angeraten ist, die Ursachen der Allergie zu bekämpfen. Eine ausgeprägte Allergie, die nicht behandelt wird, kann sich verschlimmern. Dann ist das Risiko größer, andere Allergien gegen Hausstaubmilben oder Tierhaare zu bekommen oder sogar Asthma.

Welche Behandlungen sind zu empfehlen?

Wenn die Nase nur ein paar Tage läuft, kann es ausreichen, sich dem Allergen möglichst nicht auszusetzen. Das fängt beim Lüften an, in der Stadt macht man das am besten morgens, wenn die Luft am reinsten ist. Es hilft auch, abends zu duschen und die Haare zu waschen, damit sich die Pollen nicht auf dem Kopfkissen verteilen. Die Kleider sollte man nicht im Schlafzimmer ausziehen. Die Symptome lassen sich mit Nasensprays, Augentropfen oder Tabletten ganz gut bekämpfen. Hält sich die Allergie aber hartnäckig, versuchen wir Allergologen mit Provokationstests herauszufinden, auf welche Allergene der Patient reagiert. Meist sind es mehrere. In solchen Fällen, oder wenn gefährliche Allergien, etwa gegen Wespengift, vorliegen, ist eine Hyposensibilisierung ratsam.

Wie funktioniert diese „Allergieimpfung“?

Bei der klassischen Methode spritzt der Arzt in regelmäßigen Abständen einen Allergenextrakt unter die Haut. Anfangs wird die Allergendosis wöchentlich erhöht. So gewöhnt sich das Immunsystem an das Allergen und die übertriebenen Reaktionen nach Allergenkontakt lassen nach. Diese Behandlung hat sich bewährt. Ein Großteil der Allergien werden dadurch besser, einige verschwinden auch ganz. Die Behandlung wird von den Kassen bezahlt. Sie kann sich allerdings über Jahre hinziehen.

Immer mehr Menschen leiden unter Allergien, woran liegt das eigentlich?

Jeder vierte bis fünfte Deutsche ist von einer Allergie betroffen. Die häufigste ist der Heuschnupfen. Die Ursachen sind komplex und noch nicht völlig geklärt. Offenbar hat die Zunahme mit unserem Lebensstil zu tun, wir leben in einer sehr sauberen Umgebung. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener erkranken.

Ist übertriebene Hygiene also schädlich?

Ja, besser ist es, auch mal mit Schmutz oder Tieren in Kontakt zu kommen.

Heuschnupfen

Aggressive Birke: Etwa 20 Prozent der Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Pollenallergie. Die meisten von ihnen sind gegen Birkenpollen und Gräser allergisch. Die Blütenstäube der Birke gelten als besonders aggressiv und häufig. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Pollenbelastung in Deutschland künftig noch steigen wird.

Stichhaltige Diagnose: Der Prick-Test eignet sich für den Nachweis von Heuschnupfen und allergischem Asthma. Der Arzt tropft Lösungen auf die Unterarminnenseite des Patienten und ritzt die Haut an dieser Stelle ein. Liegt eine Allergie vor, schütten die Abwehrzellen Histamin aus, die Stelle rötet sich. In unklaren Fällen lässt sich eine Allergie mit einem Provokationstest nachweisen. Ein neuer Test ist der Allergen-Chip. Mit einem Tropfen Blut kann ein sogenanntes Sensibilisierungsprofil erstellt werden. Dieser Test wird nicht von den Kassen bezahlt.

Mögliche Therapien: Einen saiso­nalen Heuschnupfen bekommt man oft mit Antihistamintabletten in den Griff. Kortison wird vor allem in Form von Nasensprays eingesetzt. In beiden Fällen beseitigt man aber nur die Symptome. Die Wirksamkeit alternativer Methoden wie homöopathische Medikamente oder Akkupunktur ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Dauerhafte und gefährliche Allergien sollten mit einer Hyposensibilisierung bekämpft werden. Neu sind Tropfen und Tabletten, die man unter der Zunge zergehen lässt (sublinguale Therapie). Sie eignen sich besonders für Kinder.

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