Astronaut Gerst im All

Alexanders Himmelfahrt

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Spektakulär: Der Start der Sjous – aufgenommen mit Langzeitbelichtung.

Baikonur - Alexander Gerst hat sein Ziel erreicht: die Raumstation ISS. Seine erste Aufgabe ist das Auswechseln eines Urinbehälters. Für Kinder will Deutschlands Mann im All zum „Maustronauten“ werden. Inmitten der Ukraine-Krise wirbt er für mehr Zusammenarbeit im Kosmos.

Der Raketenstart des deutschen Astronauten Alexander Gerst ins Weltall ist wie ein plötzlicher Sonnenaufgang - mitten in tiefer Nacht über der zentralasiatischen Steppe. Auf einem grellen Feuerschweif stemmt sich die Sojus aus der Rampe in den Himmel über Baikonur. Die gewaltige Schubkraft stößt den trägen Koloss immer höher Richtung Orbit. Erst jetzt walzt auf die zwei Kilometer entfernte Zuschauertribüne der Krach der Triebwerke heran, die in einem Feuersturm fast 300 Tonnen Treibstoff verbrennen. Schließlich wird die Sojus schneller und verschwindet als heller Punkt über Kasachstan - eine kleine Rauchwolke im Sternenlicht zurücklassend.

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Alexander Gerst bei Twitter

Bereits etwa acht Stunden später tritt Gerst seinen Dienst auf der Internationalen Raumstation ISS an - passend am Feiertag Himmelfahrt. Als nach der Ankunft der Sojus die Luken geöffnet werden, schwebt der Geophysiker mit seinen Kollegen Maxim Surajew aus Russland und Reid Wiseman aus den USA lachend herüber auf den Außenposten der Menschheit. Die Neuankömmlinge freuen sich über die Schwerelosigkeit - und über mehr Platz. „Die Sojus ist so unbequem wie zu dritt in einer Telefonzelle zu sein“, hatte Wiseman während des Trainings gesagt.

Gerst ist der elfte Deutsche im All und der dritte Deutsche auf der ISS. Während seiner rund 166 Tage langen Mission soll er zahlreiche Experimente betreuen und mindestens einmal zu einem Außeneinsatz ins All aussteigen. Dann trennt ihn nur ein dünner Raumanzug vom Kosmos. „Ich denke, dass es einen Menschen generell verändern muss, wenn er dort oben war“, sagt der 38-Jährige. Sein Anfang im All wird aber wenig pathetisch. „Raumfahrerrealität: Meine allererste Aufgabe an Bord der Station wird das Auswechseln des Urinbehälters der Toilette sein“, schreibt er in einem Internetblog.

Die Gelegenheit, den Blick auf die Erde in gut 400 Kilometern Höhe zu genießen, wird Gerst nur in seiner Freizeit haben. Denn das Programm ist eng. Der Forscher aus Künzelsau (Baden-Württemberg) soll unter anderem den Alterungsprozess der Haut beobachten, einen europäischen Raumtransporter einparken und Kinderfragen in der „Sendung mit der Maus“ beantworten. Dafür werde er gerne zum „Maustronauten“, sagt der Raumfahrer mit dem kahlgeschorenen Schädel. Auch sein Kinderwunsch sei schließlich Astronaut gewesen - und gehe jetzt in Erfüllung.

„Blue Dot“ (Blauer Punkt) hat Gerst seine Mission getauft. Das bezieht sich auf den US-Astrophysiker Carl Sagan, der die Erde aus dem Weltraum als „pale blue dot“ (blassblauen Punkt) bezeichnete. „Die Raumfahrt ermöglicht uns, die Erde aus einer anderen Perspektive zu sehen - letztendlich ist unser Planet nur eine Kugel aus Stein, ein kleiner blauer Punkt im All - mit uns als Passagieren. Insofern sind wir alle eigentlich Astronauten“, sagt Deutschlands Mann im All.

Der studierte Vulkanologe versteht seine Reise zu den Sternen durchaus als gesellschaftspolitische Mission. Inmitten der Ukraine-Krise wirbt er für mehr internationale Zusammenarbeit im Kosmos. „Wir fliegen als Mannschaft in den Weltraum, nicht als Vertreter einzelner Staaten“, unterstreicht er. Russland hatte zuletzt angekündigt, ab 2020 nicht mehr am ISS-Projekt mitarbeiten zu wollen - und damit auch bei der deutschen Raumfahrtlegende Sigmund Jähn bei einem Besuch in Baikonur Kopfschütteln ausgelöst.

„Wir haben hier drei Männer aus drei verschiedenen Staaten mit einem einzigen Ziel: Sie wollen gemeinsam in den Weltraum fliegen“, sagt Jähn, der 1978 von Baikonur aus als erster Deutscher ins All geflogen war. „Das aufs Spiel zu setzen, wäre das Dümmste, was passieren könnte, allein schon aus Gründen der Völkerverständigung“, meint der 77-Jährige, der zum Start von Gerst nach Kasachstan gekommen ist.

Nach der Ankunft der Sojus rasen nun sechs Menschen in der ISS um die Erde: drei Russen, zwei US-Amerikaner und Gerst. Zumindest über ein Thema wird die Besatzung sicher leidenschaftlich diskutieren - die Fußball-WM in Brasilien. Wiseman neckte Gerst bereits vor kurzem, als die USA Deutschland im Eishockey schlugen. Dieser blieb die Antwort nicht schuldig: „Gratuliere, aber warten wir den 26. Juni ab.“ Dann spielt Deutschland bei der WM gegen die USA - und Gerst dürfte die Lederkugel kurzzeitig mehr interessieren als der blassblaue Punkt.

Die Internationale Raumstation

Die Internationale Raumstation ISS rund 400 Kilometer über der Erde gilt seit mehr als 15 Jahren als Außenposten der Menschheit. Gut ein Dutzend Staaten beteiligen sich an dem Projekt, neben EU-Ländern sind dies auch Kanada, Japan, Russland und die USA. Vor Alexander Gerst waren bereits zwei andere Deutsche an Bord: Thomas Reiter (2006) und Hans Schlegel (2008).Seit dem Jahr 2000 sind ständig Menschen auf der ISS, Kommandeur ist meist ein Russe oder US-Amerikaner. Die optimale Besetzung sind sechs Raumfahrer. Sie verbringen jeweils rund sechs Monate im Orbit. Zu ihren Aufgaben gehören Experimente in der Schwerelosigkeit. Forscher erhoffen sich davon auch Erkenntnisse über einen möglichen dauerhaften Aufenthalt im All und für eine bemannte Mars-Mission. Bei einem Tempo von 28 000 Stundenkilometern erlebt die Mannschaft alle 90 Minuten einen Sonnenaufgang. Ihre Energie bezieht die Station über Solarzellen.Das Schicksal der Raumstation steht allerdings in den Sternen. Russland hat nach mehr als 15 Jahren ein Ende seines Engagements beim fliegenden Labor für 2020 angekündigt. Dabei handelt es sich wohl auch um eine Reaktion auf US-Sanktionen im erbitterten Ukraine-Konflikt.

Von Wolfgang Jung

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