Weltanästhesietag

Die Angst schläft mit

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Kontinuierliche Kontrolle: Der Anästhesist bereitet den Patienten nicht nur für die Operation vor – er überwacht während des gesamten Eingriffs die Körperfunktionen.

Berlin - Was passiert eigentlich während einer Narkose? Am Dienstag ist Weltanästhesietag und die Anästhesisten in Deutschland wollen über ihr Fachgebiet informieren – und Ängste ihrer Patienten abbauen.

Erleichtert liegt Ingrid Stein* im Krankenbett. „Alles gut gegangen“, sagt die 68-Jährige und lächelt tapfer. Trotz ihrer Schmerzen im rechten Bein. Ein neues Kniegelenk hat sie am Vortag im Henriettenstift Hannover erhalten, unter Vollnarkose. Allgemeinanästhesie nennen dies die Ärzte, als ob es die Sache harmloser klingen ließe. Denn viele Patienten fürchten die Bewusstlosigkeit und den Zustand, in dem sie ihre Selbstkontrolle abgeben. 40 Prozent gestehen, Angst vor einer Narkose zu haben – mehr als vor der Operation.

Auch Ingrid Stein gehört dazu. Sie fürchtete sich vor dem Eingriff, weil sie bei einer Bauchoperation vor vier Jahren schwere Komplikationen erlebte: Die Narkotika lösten hohes Fieber aus; „ich lag im Wachkoma. Doch das habe ich der Anästhesistin alles erzählt“, sagt die Seniorin. Das sogenannte Prämedikationsgespräch am Tag vor der OP habe sie sehr beruhigt. Dabei ging es um Vorerkrankungen, Medikamente und Lebensgewohnheiten, aber auch um die Frage: Allgemein- oder Periduralanästhesie? Stein wählte eine Vollnarkose, „weil man nichts mitbekommt“.

Das Argument kennt Prof. Jürgen Schäffer, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin des Diakoniekrankenhauses Henriettenstift, gut. „Viele Patienten wollen nichts hören und sehen“, sagt er. Den Tiefschlaf, bei dem Schmerzempfinden und Erinnerungsvermögen ausgeschaltet sind, bevorzugen die meisten – nur 15 bis 20 Prozent aller Operationen in Deutschland werden unter einer sogenannten Regionalanästhesie durchgeführt. Doch gerade dafür wirbt Schäffer, weil diese Methode einige Vorteile bietet: Der Patient muss während der Operation nicht künstlich beatmet werden und ist anschließend schneller fit.

Aufklärung tut also not. Das gilt für die Anästhesiologie überhaupt. „Wir arbeiten oft im Verborgenen“, sagt Schäffer, „manche Patienten wissen gar nicht, dass der Anästhesist ein Arzt ist.“ Der erste Weltanästhesietag in Deutschland soll das ändern: Mit bundesweiten Aktionen wollen die Fachärzte morgen über ihr Berufsbild informieren. Es ist komplex: Im Krankenhaus ist der Anästhesist eine Art Allgemeinmediziner, der mit allen Fachbereichen zusammenarbeitet – unter speziellen Bedingungen. „Patienten durch eine für sie sehr angespannte Situation zu bringen ist eine intensive Aufgabe“, sagt Schäffer. In sehr kurzer Zeit müsse man eine Verbindung aufbauen – während des Prämedikationsgesprächs und direkt vor der Operation.

Die Angst ist oft dabei. Vielen Patienten kann sie aber genommen werden, indem man ihnen das Verfahren erklärt. So gibt es neben der Vollnarkose Regionalanästhesien wie die Peridural- und Spinalanästhesie, die nahe dem Rückenmark wirken und die untere Körperhälfte betäuben. Dazu kommt die periphere Regionalanästhesie, die an verschiedenen Körperstellen gespritzt werden kann und einzelne Nerven betäubt.

Die Narkoseverfahren sind eine Kombination aus Schlaf- und Schmerzmittel: „Zum Einschlafen gibt es die Spritze, danach Gas“, erklärt Schäffer. Halogenierte Kohlenwasserstoffe lassen den Patienten während der Operation schlafen. Der Schlaf wird kontinuierlich überwacht: Bei jedem Eingriff unter Vollnarkose wird der Patient künstlich beatmet, weil die Schmerzmittel die Atemfunktion beeinträchtigen. Über Monitore misst der Anästhesist Herzfrequenz und Blutdruck sowie Kohlendioxid- und Sauerstoffgehalt im Blut – dementsprechend steuern Geräte die Beatmung. Noch im Aufwachraum werden Herz und Kreislauf, Atmung, Schmerz sowie Übelkeit und Erbrechen kontrolliert.

Trotz moderner Technik und hoher Sicherheitsstandards: Alle Ängste können die Anästhesisten ihren Patienten nicht nehmen. Die Information über mögliche Nebenwirkungen und Komplikationen gehört zum Vorgespräch. Der Hinweis auf Atem- und Herz-Kreislauf-Störungen oder einen Herzstillstand darf nicht fehlen. „Das ist für viele ein Schock“, sagt Schäffer. Dennoch wählten sie die Vollnarkose – und bereuten hinterher selten ihre Entscheidung, hat Schäffer festgestellt: „Die meisten sagen beim nächsten Mal: ,Machen Sie das wieder so!‘“

Wie Ingrid Stein. Sie hat sich auch deshalb so schnell erholt, weil sie schmerztherapeutisch gut betreut wird. Vor dem Eingriff hatte sie gegen die Schmerzen eine periphere Regionalanästhesie am Bein erhalten, nun hält die 68-Jährige eine Spritzpumpe in der Hand, mit der sie sich per Knopfdruck über eine Kanüle in der Leiste ein Schmerzmittel verabreichen kann.

Auch die Schmerztherapie zählt zu den Aufgaben der Anästhesiologie – ebenso wie die Intensiv- und die Notfallmedizin. Deshalb geht es am Weltanästhesie-Tag auch um die Laienreanimation. „Prüfen – rufen – drücken“ heißt die Devise für den Notfall. Gemeint ist, dass ein Ersthelfer zunächst prüfen soll, ob ein zusammengebrochener Mensch noch reagiert und atmet. Danach sollte der Helfer den Notruf 112 wählen und den Betroffenen bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit einer kräftigen Herzmassage wiederbeleben. „Jeder sollte sich mal damit beschäftigen“, betont Chefarzt Schäffer. Denn: Je größer die Bereitschaft zur Ersten Hilfe, desto mehr Menschen können vor dem plötzlichen Herztod bewahrt werden.

Tatjana Riegler

* Name von der Redaktion geändert

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