Nahrungsmangel

Die Antarktis verliert ihre Pinguine

- Die Antarktis verliert ihre Pinguine: Forscher haben einen drastischen Rückgang der Population festgestellt, weil den Tieren die Nahrung fehlt. Die Hauptursache für den dramatischen Nahrungsmangel ist nach Ansicht der Forscher der Rückgang des Meereises.

In der Antarktis entscheidet das Meereis über Wohl und Wehe der dort lebenden Organismen. Das zumindest dachten die Experten bisher. Laut der „Meereis-Hypothese“ nimmt die Zahl eisliebender Tiere ab, wenn sich das Meer­eis nach wärmeren Wintern zurückzieht und umgekehrt. Nun zeigt eine neue Studie US-amerikanischer Forscher, dass diese Sichtweise wohl doch zu kurz gedacht ist. Statt direkt vom Meereis scheint das Überleben der für die Antarktis typischen Pinguine eher von der verfügbaren Nahrung, dem Krill, abzuhängen. Darauf weist die im Fachmagazin „PNAS“ veröffentlichte Arbeit von Wayne Z. Trivelpiece vom Fischereiwissenschaftlichen Institut in La Joalla und seinen Kollegen hin.

Sowohl die Adeliepinguine, die im Winter auf dem Meereis leben, als auch die Kehlstreifpinguine, die das offene Wasser bevorzugen, ernähren sich hauptsächlich von den in großer Menge im Wasser der Antarktis lebenden Kleinkrebsen. Langzeitbeobachtungen an Brutkolonien auf der westantarktischen Halbinsel und in der schottischen See zeigen, dass beide Pinguinarten von 1930 bis 1970 zunächst von der Jagd auf Wale und Pelzrobben profitierten und sich in Abwesenheit der Futterkonkurrenten auf die doppelte Anzahl vermehrten. Inzwischen nehmen die Pinguinzahlen jedoch dramatisch ab: In den vergangenen 30 Jahren sank die Population bei Adeliepinguinen um 2,9 Prozent pro Jahr und bei Kehlstreifpinguinen sogar um 4,3 Prozent pro Jahr. Insgesamt ist inzwischen etwa die Hälfte der Vögel verschwunden. Das trifft vor allem den Nachwuchs: Von den jungen Pinguinen überleben statt der üblichen 50 Prozent heute nur noch zehn Prozent.

Als Gründe für den Pinguinschwund führen die Forscher einerseits an, dass sich Wal- und Robbenpopulationen inzwischen erholt haben und ihren Teil des Krills beanspruchen. Aber auch kommerzielle Fangflotten fischen immer mehr von den viele Omega-3-Fettsäuren enthaltenden Kleinkrebsen ab. Während in der Saison 2002/2003 noch 50 804 Tonnen Krill geerntet wurden, stieg die Menge in der Saison 2009/2010 auf 202 346 Tonnen. Seit den siebziger Jahren ist die Krillpopulation im südlichen Ozean auf ein Fünftel geschrumpft.

Die Hauptursache für den dramatischen Krillmangel ist nach Ansicht von Trivelpiece und seinen Kollegen aber weder die Nahrungskonkurrenz noch die Fischerei, sondern der Rückgang des Meereises. Immerhin gehört die Antarktis zu jenen Gebieten auf der Erde, die sich am schnellsten erwärmen: seit den siebziger Jahren um fünf bis sechs Grad. Als Folge gibt es immer weniger Meereis, und dieses bleibt im Frühjahr weniger lange erhalten. Dem Krillnachwuchs fehlt damit der Schutzraum, wo er zu ansehnlicher Größe heranwachsen kann. „Wenn die Erwärmung anhält, wird der Krillmangel einen durchschlagenden Effekt auf das antarktische Ökosystem haben“, ist Trivelpiece sicher.

Die Pinguine sind für ihn wertvolle Indikatoren dafür, dass etwas im Ökosystem nicht stimmt. Man kann sie leicht zählen, weil sie an Land brüten, und sie werden nicht von Menschen gejagt. „Wenn wir so steile Abnahmen der Population sehen, wie wir bei den Adelie- und Kehlstreifpinguinen dokumentiert haben, wissen wir, dass ein viel größeres ökologisches Problem dahinterstecken muss“, sagt er.

Nicola Zellmer

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