Kälterekord in der Antarktis

Wo das Atmen tödlich ist

+
Aufnahme der Antarktis von einem Nasa-Satelliten.

Hannover - Forscher der US-Weltraumbehörde Nasa haben mit einem Satelliten den kältesten Ort der Erde entdeckt. In einer Tiefebene in der Antarktis wurden 93,2 Grad gemessen.

„Tal des Todes“ nannten Neusiedler 1849 jene Ödnis im Süden Kaliforniens, der sie soeben entronnen waren. Dabei hatten sie stark übertrieben; außer ein paar Ochsen, die die Planwagen gezogen hatten, war niemand bei fast 57 Grad Hitze umgekommen. Ein wahrhaft tödliches Tal indes haben nun Forscher der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa entdeckt: Am Fuße eines 4000 Meter hohen Bergrückens 2000 Kilometer östlich des Südpols gibt es eine Tiefebene, in der am 10. August 2010 eine Rekordkälte von 93,2 Grad herrschte. Menschen könnten dort nicht überleben; „schon das Atmen wäre gefährlich“, sagt Nasa-Forscher Ted Scambos.

Und weil der neue Kältepol so gefährlich ist, haben Scambos und Kollegen dort auch keine Wetterstation aufgestellt. Sie werteten Temperaturmessungen amerikanischer Weltraumsatelliten seit 1982 aus und sind dabei auf die unwirtliche Kältekammer gestoßen. Die polare Todeszone hat zudem gewaltige Ausmaße: Sie erstreckt sich 2000 Kilometer weit nach Norden; überall in dem Gebiet ist es kälter als minus 80 Grad. Schnee würde unter dem Fußtritt eines Menschen klirren wie berstendes Glas.

Und wie kam es zu dem Kälterekord? Am 9. August 2010, einem Wintertag auf der Südhalbkugel, war es wolkenlos über dem Gebiet. In der Nacht zum 10. August entwich die geringe Restwärme des Tages ins All. Vom hohen Bergrücken fiel daraufhin kalte Luft, die schwerer ist als warme, ins Tal – und kühlte sich dort in der Nacht weiter ab, bis der neue Tiefstpunkt erreicht war. „Das Tal dürfte im Winter jederzeit für weitere Rekorde gut sein“, erklärte Scambos nun vor Geophysikern auf deren Herbsttagung im milden San Francisco. Der bisherige Kälterekord – immerhin minus 89,2 Grad – wurde ebenfalls in der Antarktis gemessen: Am 21. Juli 1983 unweit der russischen Forschungsstation Vostok, die sich seit 1957 etwa 1800 Kilometer südlich der neuen Tiefkühlkammer der Erde befindet.

Russen müssten eigentlich nicht zum frostigen Kontinent reisen, um klirrender Kälte nachzuspüren. Der sekundäre Kältepol, also die kälteste von Menschen besiedelte Gegend, findet sich in Russland. Am 5. Februar 1892 wurde in Werchojansk, Region Jakutien, im Nordosten Sibiriens, ein Wert von minus 67,8 Grad gemessen. Den gleichen Wert ermittelten Meteorologen am 6. Februar 1933 in Oimjakon, ebenfalls in Jakutien. Die Jakuten blicken eher mythologisch auf die Kälte: Als Gott die Erde schuf, flog ein Engel mit einem Sack voll Gold, Silber und Platin über Sibirien. Über Jakutien wurden ihm die Finger steif, und er ließ ihn fallen. Aus Zorn über den Verlust strafte er die Region mit ewigem Winter. Auch Deutschland hat seinen Kältepol: den bayerischen Funtensee, wo im Dezember 2001 minus 45,9 Grad gemessen wurden. Da bekommt norddeutsches Schmuddelweter eine kuschelige Note.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare