Industriepflanze der Zukunft

Autoreifen, Matratzen und Kondome aus Löwenzahn

- Der Löwenzahn hat eine Zukunft als Industriepflanze. In einem deutschen Forschungsprojekt soll untersucht werden, wie diese robuste Wildpflanze zur Produktion von Naturkautschuk sowie von dem Zucker-Ersatzstoff Inulin genutzt werden kann.

Der Löwenzahn, gemeinhin als Pusteblume bekannt, ist mehr als nur Kaninchenfutter. Die robuste Wildpflanze könnte in ihrer russischen Version, deren Wurzel viel Kautschuk enthält, schon bald zur Industriepflanze werden. Aus Löwenzahn könnten Autoreifen, Kondome, Gummihandschuhe oder Matratzen produziert werden. Es wäre eine neue Ertragsquelle für Landwirte.

Mit einem Projekt, das vom Bundesforschungsministerium mit 2,5 Millionen Euro gefördert wird, sollen in den nächsten drei Jahren der großflächige Anbau und die Verarbeitung des Löwenzahns entwickelt werden, die Pflanze gewissermaßen zur Marktreife gebracht werden. „An dem Projekt sind zehn Forschungseinrichtungen und Unternehmen beteiligt“, erläutert Professor Joachim Schiemann vom Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt), das den Namen Julius-Kühn-Institut (JKI) trägt.

„Der Löwenzahn hat ein großes Potenzial“, meint Schiemann. Beim Reifenkonzern Conti, einem der Industriepartner, ist das Interesse an dieser neuen Rohstoffquelle ebenfalls groß, wie Unternehmenssprecher Klaus Engelhart betont. Bisher kommen 90 Prozent des weltweit verbrauchten Naturkautschuks von Kautschukbäumen, die auf großen Plantagen vor allem in Südostasien stehen. Doch ist nach Conti-Angaben die Nachfrage größer als das Angebot, zudem ist der Kautschukbaum vom Pilzbefall bedroht.

Als Folge sind die Preise regelrecht explodiert. „Da könnten sich alternative Kautschukpflanzen inzwischen rechnen“, sagt Schiemann. Und ohne Naturkautschuk, der sehr elastisch und strapazierfähig ist, geht es bei vielen Produkten nicht. Ein normaler Pkw-Reifen besteht bei Conti nach Engelharts Angaben zu 25 Prozent aus Naturkautschuk. Löwenzahn-Kautschuk hat nach ersten Forschungsergebnissen nahezu dieselbe Qualität wie der klassische Naturkautschuk.

Für industrielle Nutzungen hat der deutsche Löwenzahn allerdings zu wenig Stoff. Die Forscher setzen deshalb auf den russischen Löwenzahn (Taraxacum koksaghyz). „Dessen Wurzelgewicht besteht zu zehn Prozent aus dem milchig-saftigen Kautschuk“, sagt Schiemann. Außerdem gibt es noch einen 20-Prozent-Anteil an Inulin, das als Zuckerersatz für die Süßstoffindustrie interessant sei. Deshalb ist auch die Südzucker AG am Löwenzahn-Projekt beteiligt.

Mit dem Forschungsprojekt sollen die Grundlagen für eine mögliche spätere wirtschaftliche Nutzung der Pflanze erarbeitet werden. Da geht es in einem Teilprojekt beispielsweise um die Züchtung optimalerer Pflanzen: die bisher krallenartige Wurzelform soll zwecks besserer Verarbeitung dicker werden, die schnelle Verfärbung und Gerinnung des Kautschuks bei der Ernte durch „Abschaltung“ des dafür verantwortlichen Enzyms verhindert werden.

Die Forscher in Quedlinburg sind für einen landwirtschaftlich praktikablen Anbau und für die Ernte zuständig. Schon jetzt sei klar, so Schiemann, dass der extrem robuste und anspruchslose Löwenzahn, der nur eine kurze Vegetationsperiode habe, auf sogenannten Marginalböden angebaut werden könne. Das seien schlechtere Böden, auf denen sonst keine Landwirtschaft betrieben werde. Schiemann: „Damit kommen wir nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion.“ Schiemann vermutet außerdem, dass beim Löwenzahn-Anbau so gut wie kein Pflanzenschutz erforderlich sein wird. Ein weiterer Vorteil: Löwenzahn-Kautschuk verursacht keine Allergien.

Schiemann schätzt, dass künftig auf einem Hektar, bepflanzt mit rund 350.000 Löwenzähnen, rund eine Tonne Naturkautschuk und zwei Tonnen Inulin geerntet werden könnten. Hochgerechnet heißt das: Um zehn Prozent des deutschen Verbrauchs an Naturkautschuk zu ersetzen, müsste Löwenzahn auf rund 20.000 Hektar Fläche angebaut werden.

In drei Jahren könnten, so erwartet Schiemann, erste Prototypen von Löwenzahn-Produkten präsentiert werden. Ob Löwenzahn künftig wirklich ein wichtiger Gummi-Lieferant werde, das hänge nicht nur von den Forschungsergebnissen und den daraus resultierenden Kostenrechnungen ab. Da werde auch die Akzeptanz in Landwirtschaft und Industrie entscheidend sein - vor allem die weitere Entwicklung des Weltmarktpreises für den herkömmlichen Naturkautschuk. Der wirtschaftliche Druck ist jedenfalls so groß, dass Löwenzahn-Projekte auch in anderen Industrieländern, etwa in den USA, und auch in der EU forciert werden.

Am Löwenzahn hatten sich aus Rohstoffmangel im zweiten Weltkrieg schon die Nazis versucht und mit Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen ein großes Programm gestartet. Das erledigte sich mit Kriegsende. Danach gab es jahrzehntelang weltweit genug Naturkautschuk, der Löwenzahn war lange nicht mehr gefragt.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare