Interview

Biegel: Europa braucht Mut für Heimatmuseen

+
Foto: Gerd Biegel im Braunschweigischen Landesmuseum. Der Professor für Regionalgeschichte setzt sich für den Erhalt von Heimatmuseen ein.

Braunschweig - In Zeiten von weltweiter Vernetzung erscheinen Heimatmuseen wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Wieso sie aber gerade heutzutage wichtig sind, erklärt einHistoriker der Uni Braunschweig.

Rund 650 Museen gibt es nach Angaben des Museumsverbandes in Niedersachsen und Bremen. Die meisten sind Heimatmuseen und Heimatstuben. Überflüssig in Zeiten von Globalisierung und Internet? Wieso das Wissen über Heimat in einer globalisierten und mobilen Welt für uns wichtiger denn je ist und welche Bedeutung die kleinen Geschichtsmuseen haben, erklärt der Braunschweiger Professor für Regionalgeschichte Gerd Biegel im Interview.

Haben Heimatmuseen im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Bedeutung?

Ja, je weiter wir denken und reisen, umso mehr müssen wir uns der Nähe bewusstwerden. Zum einen, weil alle große Geschichte in der kleinen wurzelt. Zum anderen ist gerade durch die Globalisierung der Wunsch nach Überschaubarkeit gewachsen. Die eigenen Wurzeln sind ein Element, das inneren Halt geben kann, die Frage nach der Identität beantworten kann. Mit Heimattümelei hat das nichts zu tun. Heimat ist nicht zwangsläufig der Geburtsort. Es geht um den Lebensstandort, es geht darum, sich selbst zu finden, um Identifikation. Ein Europäer kann man trotzdem sein, ich zum Beispiel bin ein braunschweigischer Europäer. In einem 'Europa der Regionen' werden Heimatmuseen noch wichtiger. Wir sollten den Mut haben, sie einzufordern und zu unterstützen.

Sind Heimatmuseen für diesen Anspruch denn ausreichend ausgestattet?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt nicht darauf an, Spinnrad Nummer eins und im Nachbardorf Spinnrad Nummer zwei zu präsentieren, das wird schnell langweilig. Die Heimatstuben sollten sich auf Schwerpunkte konzentrieren. Gab es in einem Ort eine Ziegelei, sollte Handwerk im Vordergrund stehen. Gibt es im Nachbarort noch Bauern, sollte dort die Vergangenheit der Landwirtschaft beleuchtet werden. Wir haben genug Heimatmuseen, aber es fehlt zunehmend in der Öffentlichkeit und bei den Trägern das Verständnis für die Notwendigkeit.

Spielen Heimatstuben auch für die schulische Bildung eine Rolle?

Zunehmend! Die Schulen sollten die Heimatmuseenunbedingt wieder entdecken. Viele Lehrer kommen aus anderen Gegenden, sie können den Kindern deshalb oft nur schwer Geschichtsverständnis zu ihrer Heimat vermitteln. In einem guten Heimatmuseum wird Geschichte für Kinder greifbar. Das Interesse für die Vergangenheit ist da, Geschichte muss nur gut erzählt werden. Heimat ist das Fundament, auf dem man steht.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare