Hawaii ohne Palmen

Bremer Wissenschaftlerin simuliert Marsleben

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Foto: Die Wissenschaftlerin Lucie Poulet aus Bremen läuft über ein Lavafeld auf Hawaii.

Honolulu - Hawaii, das klingt nach Sonne, Strand und Palmen. Genau hier simulieren sechs Wissenschaftler derzeit in einer kleinen weißen Kuppel das entbehrungsreiche Leben auf dem Mars. Mit dabei ist auch die Bremer Wissenschaftlerin Lucie Poulet.

Eigentlich lebt die Wissenschaftlerin Lucie Poulet in einer ganz normalen Wohngemeinschaft in Bremen, vor einigen Wochen aber ist sie auf den Mars gezogen. Poulets Mars liegt allerdings auf Hawaii. In einem ehemaligen Steinbruch an einem Vulkanhang in über 2400 Metern Höhe, weit entfernt von den Traumstränden und Palmen der US-amerikanischen Ferieninsel, simuliert die 28-Jährige dort derzeit gemeinsam mit fünf anderen Wissenschaftlern vier Monate lang das entbehrungsreiche Leben auf dem Roten Planeten. Sie erhoffen sich wichtige Erkenntnisse für künftige bemannte Marsmissionen.

Der Komfort bei dem von der Universität Hawaii organisierten Experiment ist minimal: Eine weiße Kuppel mit zwei Stockwerken und einem Durchmesser von gerade einmal zwölf Metern bildet den Lebensmittelpunkt, Ausgang gibt es nur im Raumanzug und jeder darf nur zwölf Minuten pro Woche duschen. „Es ist nicht wie das normale Leben auf der Erde“, schreibt Wissenschaftlerin Poulet, die mit der Außenwelt derzeit nur per E-Mail kommunizieren darf. „Wir sehen die selben fünf Menschen jeden Tag, wir können nicht einfach unsere Schuhe anziehen und im Park joggen gehen, wir können nicht einfach im Laden einen Apfel kaufen gehen und unser Essen ist gefriergetrocknet – aber ich fühle mich nicht isoliert.“

Schon als kleines Kind interessierte sich Poulet für den Weltraum. „Das war einfach immer meine Leidenschaft.“ Sie studierte Raumfahrt-Ingenieurwesen und arbeitet seitdem in der Forschung, seit einiger Zeit am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Ich habe von diesem Projekt gehört, weil ich mich sehr für analoge Test-Orte und die dazugehörige Forschung interessiere. Als ich mitbekommen habe, dass sie nach Freiwilligen suchen, habe ich mich Ende Oktober beworben und bin dann nach einem Auswahlprozess, der bis Mitte Januar gedauert hat, genommen worden.“

Langeweile kann in der kleinen weißen Kuppel meist gar nicht erst aufkommen, denn der Tagesplan von Poulet und ihren fünf Kollegen ist eng getaktet: 7.00 Uhr Frühstück, dabei Lagebesprechung, danach wissenschaftliche Arbeit, dann Mittagessen, danach wieder wissenschaftliche Arbeit, dann Sport mit den Hanteln und Fitnessrädern in der Kuppel, wenn möglich danach eine Dusche, dann Abendessen und schließlich – falls Zeit bleibt – Gesellschaftsspiele oder gemeinsames Film-Schauen. Zwischendrin müssen Ausrüstungsdinge gereinigt und ausgebessert und E-Mails anFamilie und Freunde geschrieben werden. Alle paar Stunden werden zu Forschungszwecken außerdem psychologische Fragebögen ausgefüllt.

Beim Kochen wechseln sich die Wissenschaftler ab. „Unser ganzes Essen wurde zu Beginn der Mission geliefert, es ist alles gefriergetrocknet oder haltbar, zum Beispiel Dosenessen, Milchpulver, Cornflakes, getrocknete Früchte oder Nüsse“, schreibt Poulet. „Trotzdem haben wir eine große Vielfalt an gefriergetrocknetem Essen: Spinat, Tomaten, Paprika, grüne Bohnen, Mais,Brokkoli, Blumenkohl, Blaubeeren, Erdbeeren, Kirschen, Aprikosen, Ananas, Himbeeren, Äpfel, Rosinen, Mango, Bananen, Hühnchen, Rinderfleisch, Würstchen, Sardinen, Heringe und verschiedene Käsesorten, zum Beispiel Mozzarella. Wir haben auch Eipulver und machen uns regelmäßig Omelett oder Rührei. Wir haben auch schon Pizza gemacht, thailändische Nudeln, Schokoladenkuchen, Bananenbrot, Nachos, Enchiladas und Kekse gebacken. Wir versuchen, soviel Abwechslung wie möglich reinzubringen.“

Bei dem Projekt, in dem es vor allem um die Auswirkungen der Langzeit-Isolation auf die Wissenschaftler geht, hat jeder der sechs Wissenschaftler noch ein kleines eigenes Forschungsprojekt. Poulet untersucht die Wirkung von verschiedenen Lichtsystemen auf Pflanzen und versucht, in einem Gewächshaus-Modell Salat, Rettich und Tomaten zu ziehen. So will sie einerseits herausfinden, wie sich künftige Missionen auf dem Mars mit frischemGemüse versorgen könnten, und andererseits, welche Wirkung die Pflanzen auf die Psyche der Teilnehmer haben.

Bislang habe es zwischen ihr und den fünf Kollegen noch keinen ernsthaften Streit gegeben, schreibt Poulet, die in ihrer Freizeit normalerweise Rugby spielt, Salsa tanzen übt, für Marathons trainiert und Russisch lernt. „Wir verstehen uns als Team sehr gut. Alle zwei bis drei Tage schaffen wir es, Gesellschaftsspiele zu spielen, zusammen fernzusehen oder Filme zu schauen, oder einfach nur gemütlich zu diskutieren. Bislang gibt es keine Schwierigkeiten.“

Auch wenn sie noch bis Ende Juli in der kleinen weißen Kuppel bleiben muss – eigentlich fehle ihr derzeit gar nichts, sagt Poulet. „Die Mission war bislang so faszinierend und ich lerne so viel Neues jeden Tag, dass ich gar nichts vermisse. Manchmal wäre es vielleicht schön, den Wind zu spüren oder frisches Obst und Gemüse zu essen, aber ich kann nicht sagen, dass mir das wirklich fehlt. Sobald ich rauskomme, will ich aber dann doch endlich wieder frisches Obst genießen – und die hawaiianische Sonne mit Freunden.“

dpa

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