Mammografie-Screening ist umstritten

Brustkrebs-Früherkennung erneut in Kritik

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Foto: In Deutschland erkranken jährlich etwa 70.000 Frauen neu an Brustkrebs, 17.500 sterben pro Jahr daran

Nürnberg - Das Früherkennungsprogramm gegen Brustkrebs ist erneut in die Schlagzeilen geraten: Ein Essener Arzt soll jahrelang ohne nötige Qualifikation gearbeitet haben. Ein Einzelfall, betonen Experten.

Das Programm zur frühen Erkennung von Brustkrebs, auch Mammografie-Screening genannt, ist seit jeher Anlass für Debatten. Befürworter und Gegner sehen sich durch verschiedene Studien in ihrer jeweiligen Ansicht bestätigt. Seit mehreren Jahren läuft das Programm nun in Deutschland und die Organisatoren argumentieren, Tumore würden damit in einem viel früheren Stadium entdeckt und die Heilungschancen dadurch verbessert. Doch nun ist das Screening erneut in der Kritik geraten: Ein Essener Radiologe soll jahrelang Frauen untersucht haben - ohne die erforderliche Erlaubnis.

Dies sei jedoch der einzige Fall mit solchen Mängeln, betont die Kooperationsgemeinschaft Mammografie. In Deutschland gibt es 94 Screening-Einheiten an 400 Standorten. Jede ist für etwa 100 000 Frauen zuständig. Jede Frau im Alter zwischen 50 und 59 Jahren hat alle zwei Jahre Anspruch auf die Untersuchung. Diese Spanne gilt als Hauptrisikoalter für Brustkrebs.

Beim Screening wird die Brust geröntgt. Wichtig ist jedoch - und viele Frauen lassen sich hier verwirren: Das Screening kann nicht verhindern, dass Brustkrebs entsteht. Im günstigsten Fall wird ein Tumor entdeckt, wenn er noch sehr klein ist und nicht gestreut oder Lymphknoten befallen hat.

Der Radiologe Gerhard Dilbat ist einer der programmverantwortlichen Ärzte. Er leitet die Screening-Einheit im ländlichen Mittelfranken. Sein „Mammobil“ - eine Röntgen-Praxis in einem Lastwagen - fährt durch die gesamte Region, um Frauen zu erreichen, die nicht in einer Stadt leben. Er ist sicher: „Die Mammografie ist derzeit die einzige Methode, um Brustkrebs früh zu erkennen.“ Beim Abtasten würden die Tumore meist erst ab einer Größe von zwei Zentimetern gefunden - dann sei es aber eigentlich schon zu spät. „In anderen Ländern, in denen es solche Programme schon seit 30, 40 Jahren gibt, konnte die Sterblichkeitsrate bis zu einem Drittel gesenkt werden.“

Die Studien widersprechen sich jedoch zum Teil. Laut einer „sehr guten und großen Untersuchung“ aus Kanada habe das Screening überhaupt keinen Effekt auf die Sterblichkeit durch Brustkrebs, sagt Jürgen Windeler, Leiter des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. „Andere Studien zeigen dagegen einen positiven Effekt mit etwa 20 bis 30 Prozent Mortalitätsreduktion bei Brustkrebs.“ Das bedeute, dass durch das Screening eine von tausend Frauen „gerettet“ werde, also eine Frau weniger an Brustkrebs sterbe als ohne Screening.

Klar ist: Durch das Programm werden mehr Tumore entdeckt - etwa bei 6 bis 7 von 1000 Frauen. Vor der Einführung waren es 2 bis 3. Rund 80 Prozent der Tumore werden heute in einem frühen Stadium gefunden. Vor dem Screening waren es 49 Prozent.

Windeler betont jedoch, dass allein die Entdeckung eines Tumors nicht in jedem Fall ein Vorteil ist. Der zentrale Kritikpunkt an den Programmen sei die Überdiagnostik. „Jedes Screening bringt auch Krankheitsfälle ans Tageslicht, die besser unentdeckt geblieben wären.“ Es gehe hier nicht um Fehldiagnosen, sondern um tatsächliche Krebserkrankungen, die die Betroffene aber nie beeinträchtigt hätten. Diese Erkrankungen würden dann unnötigerweise therapiert - mit allen Belastungen wie Operationen und Chemotherapie.

Außerdem sei es nicht zwingend, dass eine frühe Entdeckung eines Tumors zu besseren Heilungschancen führe. „Da Krebserkrankungen durchaus unterschiedliche Ausgestaltungen und Prognosen haben können, ist nicht sicher, dass eine frühe Entdeckung im Vergleich zu einer späten Entdeckung per se das Leben verlängert“, sagt Windeler.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 70 000 Frauen neu an Brustkrebs, 17 500 sterben pro Jahr daran. Die Deutsche Gesellschaft für Senologie betont, dass in 80 Prozent der Fälle Frauen erfolgreich therapiert werden können.

Im Screening-Programm, das von 2002 bis 2009 nach europäischen Qualitätsstandards aufgebaut wurde und nun laufend überwacht wird, dürfen nur speziell geschulte Ärzte Aufnahmen auswerten. Sie müssen jährlich eine Prüfung mit Fallbeispielen ablegen. Für das fränkische „Mammobil“ werten zwei Mediziner die Bilder aus. Ein solcher „Befunder“ sehe sich im Jahr rund 20 000 Aufnahmen von etwa 6500 Frauen an, sagt Dilbat. Zweifelfälle werden in einer wöchentlichen Konferenz mit den zwei programmverantwortlichen Ärzten diskutiert.

Etwa die Hälfte der per Brief eingeladenen Frauen kommt tatsächlich zum Screening. Da die in den Studien nachgewiesenen Effekte auf die Sterblichkeit klein seien, betont Windeler, dass die Frauen deshalb über das Programm und seine Vor- und Nachteile genau informiert werden müssen. Dann könnten sie mit guter Begründung entscheiden, ob sie die Mammografie machen lassen oder nicht.

dpa

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