Expertenrat

Chronischer Schmerz kann das Leben zur Qual machen

- Akuter Schmerz hat eine wichtige Funktion für unseren Körper. Wer beispielsweise aus Versehen heiße Topfgriffe anfasst, spürt sofort den Schmerz und zieht die Hand zurück – bevor die Verbrennung schlimmer wird.

Dabei wird der Schmerzreiz innerhalb von Sekundenbruchteilen von den Fingern über das Rückenmark ins Gehirn geleitet. Hört der Reiz auf, geben die Nervenbahnen wieder Ruhe. Dauert ein Schmerz allerdings an - wie bei Osteoporose, Rückenproblemen, Rheuma- oder Arthroseschmerz –, sollte er so bald wie möglich mit geeigneten Medikamenten behandelt werden. Sonst wird die Reizleitung übersensibel, und der Schmerz verselbstständigt sich. Das Gehirn empfängt dann auch Schmerzreize, wenn die eigentliche Ursache des Schmerzes längst abgestellt ist.

Rund 15 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Den Betroffenen macht der Schmerz das Leben zur Qual, und einfache Schmerztabletten helfen ihnen nicht mehr. Viele ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, sie vermeiden schmerzende Bewegungen und geben frühere Hobbys auf. In vielen Fällen leidet auch die Psyche.

Vereine wie die Deutsche Schmerzliga und die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie wollen diesen Menschen Mut machen. „Chronischer Schmerz ist keine schicksalsgewollte, unausweichliche Last, die Patienten in sich tragen, sondern ein komplexes Geschehen, dessen Behandlung Expertenwissen erfordert“, sagt die Internistin und Fernsehmoderatorin Marianne Koch, die gleichzeitig Vorsitzende der Schmerzliga ist.

Kernstück der modernen Schmerztherapie ist die effektive Bekämpfung der Schmerzen durch einen qualifizierten Schmerztherapeuten. Dieser muss zunächst wissen, wie stark sein Patient darunter leidet. Denn Schmerzen sind sehr subjektiv und können nicht wie Fieber nachgemessen werden. Auf einer Schmerzskala sollte der Betroffene daher seinen Schmerz mit einem Wert zwischen 0 für „kein Schmerz“ und 10 für „stärkster vorstellbarer Schmerz“ beschreiben. Ein Schmerztagebuch, in dem Zeit und Stärke von Schmerzen erfasst werden, kann zudem helfen, besonders kritische Tageszeiten oder Situationen zu erkennen.

Um den Teufelskreis von starken Schmerzen und dem Rückzug aus dem Leben zu durchbrechen, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO Opioidkapseln oder -tabletten, die ihren Wirkstoff verzögert (retardiert) abgeben und dadurch bis zu zwölf Stunden wirken. Diese Opioide funktionieren ähnlich wie körpereigene Endorphine und sind meist gut verträglich. Zwar können in der Anfangsphase Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Schwindel auftreten. Später beeinträchtigt normalerweise vor allem eine Verstopfung die Lebensqualität. Doch auch diese Nebenwirkung lässt sich verhindern: Indem man die schmerzlindernden Opioide mit einem Wirkstoff wie Oxycodon oder Naloxon kombiniert, kann man eine normale Darmfunktion aufrechtherhalten.

Eine wichtige Rolle bei der Schmerztherapie spielt überdies die Bewegung. Denn starke Muskeln können andere Körperstrukturen schützen und schonzen. Besonders deutlich wird das bei Rückenschmerzen. Werden nach einem Bandscheibenvorfall schmerzende Bewegungen vermieden, bauen auch die Rückenmuskeln ab, und der Patient verspürt noch mehr Schmerzen. In diesem Fall sollte der Schmerztherapeut die Schmerzen mit Medikamenten lindern, sodass der Betroffene wieder mit einer Bewegungstherapie beginnen kann.

Geeignet sind beispielsweise Gymnastik im Wasser (Aquatraining) oder eine Physiotherapie unter Anleitung. Auch Rad fahren ist für Menschen mit Schmerzen in den Knien oder Füßen zu empfehlen, weil dabei nicht mehr das gesamte Körpergewicht selbst getragen werden muss.

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