Evolutionsforschung

Die deutsche Maus bevorzugt den deutschen Mäuserich

Plön - Die weibliche Hausmaus ist in Sachen Partnerwahl eher dem deutschen als dem französischen Mäuserich zugeneigt. Für sie steht das Vertraute höher im Kurs als das Exotische, stellten Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön fest. Übrigens: Es gibt Westmäuse und Ostmäuse.

„Welcher Erkennungsmechanismus dafür entscheidend ist, wissen wir aber noch nicht“, sagt Prof. Diethard Tautz, Biologe und Geschäftsführender Direktor. Gerüche könnten es sein, vielleicht auch Gesänge, die Mäuse im Ultraschallbereich anstimmen.

Die Maus ist neben Fischen das Tier, das in der Arbeit der rund 100 Wissenschaftler aus 14 Ländern am Ufer des Plöner Sees die größte Rolle spielt. „Die Hausmaus ist evolutionär sehr interessant“, erläutert Tautz. „Sie hat sich innerhalb von einer Million Jahren in mehreren Wellen über die Erde ausgebreitet; so etwas tun die meisten Spezies nicht.“

Die „Mus musculus musculus“ mauserte sich zur Ostmaus, die „Mus musculus domesticus“ zur Westmaus. Beide sind aber nicht vollständig voneinander isoliert, sondern treffen in einer Kontaktzone zusammen: „Sie entspricht in etwa dem früheren Eisernen Vorhang“, sagt Prof. Tautz lächelnd.

In der Region ist die Maus aber fast ausgestorben, so dass die beim Auftauchen eines Nagers aufkreischende Hausfrau meist von einer Waldmaus erschreckt wurde. In Westeuropa kam die Hausmaus auf ihrer langen Wanderung vor 3000 Jahren an, die massivste Ausbreitung folgte im 16. Jahrhundert mit der Intensivierung des weltweiten Schiffsverkehrs. Jetzt fangen die Plöner Wissenschaftler ihre Tiere unter anderem im Iran, der Urheimat der westlichen Hausmaus.

„Der beste Köder ist Nutella“, erzählt der Biologe, der aus Bayern stammt und seit vier Jahren die holsteinische Idylle genießt. „Wir wollen die unterschiedlichen genetischen Komponenten identifizieren, um Hinweise auf die Gene zu bekommen, die sich unterschiedlich an die Lebensbedingungen angepasst haben.“

Dafür wird in Plön kräftig investiert - in ein neues Maus-Haus, das dann 3000 statt bisher 1000 Käfige beherbergen kann, und in eine Experimentieranlage, die fast fertig ist. 13 Millionen Euro fließen in die Erweiterung. Die Maus eignet sich auch deshalb so gut für Untersuchungen der Anpassungsfähigkeit von Wirbeltieren, weil eine Generation so schnell der anderen folgt: Alle vier bis sechs Wochen gibt es Nachkommen. „Ein einzelnes Exemplar kann aber zwei bis drei Jahre alt werden“, berichtet Tautz.

Der 54-Jährige geht mit seinen Kollegen auch der Frage nach, ob veränderte Umweltfaktoren in den Tieren etwas auslösen, das über die Gene an die Nachkommen weitergegeben wird (Epigenetik). Können zum Beispiel Hungerphasen dazu führen, dass Kinder anfälliger werden für Krankheiten? Um das herauszufinden, bekommen die Plöner Mäuse in der neuen Anlage unterschiedlich fettreiches Futter oder werden auch verschieden starken Lichteinflüssen ausgesetzt. „Wir haben eine ganz strenge Aufsicht“, betont Direktor Tautz auf die Frage nach möglicher Tierquälerei. „Wo die Gefahr besteht, dass Tiere leiden können, muss jeder Versuch genehmigt werden.“

Ganz konkret für Menschen absehbare Ziele - wie die Entwicklung von Medikamenten oder die Vermeidung von Krankheiten - haben die Max-Planck-Wissenschaftler nicht im Visier: Ihr Metier ist Grundlagenforschung, während zum Beispiel die Kollegen aus den Fraunhofer-Instituten stark anwendungsorientiert arbeiten. „Unsere Aufgabe besteht darin, grundsätzliche Zusammenhänge zu verstehen“, sagt Tautz. „Die Ergebnisse werden vielleicht in 20 Jahren relevant.“

Tautz selbst hat dazu beigetragen, wie aus Neugier getriebene Forschung Jahrzehnte später sehr konkrete Folgen haben und sogar Mörder hinter Gitter bringen kann. „In meiner Doktorarbeit habe ich an einer sehr obskuren Klasse von Genabschnitten gearbeitet, von der man damals überhaupt keine Ahnung hatte“, berichtet der Wissenschaftler. „Das hat sich dann mehr und mehr zu dem entwickelt, was man heute den genetischen Fingerabdruck nennt, an dem ich auch ein Patent halte.“

dpa

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