Bildung

"Deutschland verschenkt Potenzial seiner Schüler"

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Schulkinder sollten in der ersten Klasse auf ihre speziellen Begabungen hin überprüft werden, fordert Bildungsexperte Christian Fischer von der Universität Münster.

Münster - Viele Talente bleiben in Deutschland unentdeckt, weil nicht gezielt nach ihnen gesucht wird. Das schade den Betroffenen wie der Allgemeinheit, findet der Begabungsforscher Christian Fischer.

Deutschland verschenkt nach Expertenansicht das bei vielen Schülern vorhandene Potenzial, zu Spitzenkräften und Führungspersönlichkeiten zu werden. „Zur Zeit wird die Begabung eines Kindes in Deutschland im sportlichen oder intellektuellem Bereich oft nur rein zufällig entdeckt“, sagte der Experte für Begabungsforschung von der Universität Münster, Christian Fischer, der Nachrichtenagentur dpa. Andere Länder wie zum Beispiel Südkorea würden durch ihre systematische Begabungsförderung dagegen immer stärker an Boden gewinnen.

Daher sollte Deutschland endlich damit beginnen, Schüler gezielt und flächendeckend auf Begabungen zu untersuchen, riet der Professor vor Beginn einer internationalen Tagung von Begabungsforschern in Münster. „Eine Möglichkeit wäre es, bei Schuleintritt in der ersten und fünften Klasse alle Kinder auf ihre speziellen Begabungen zu überprüfen.“ Darauf aufbauend könnten begabte Schüler besonders gefördert werden. „Wenn Menschen ihre Begabungen entfalten können, werden sie nicht nur wertvoller für die menschliche Gemeinschaft, sondern steigern auch ihr individuelles Lebensglück.“

Sicherlich seien die Vorbehalte vor solchen Untersuchungen noch groß. „Begabungsförderung hat für viele in Deutschland ein gewisses Geschmäckle von Elite-Forschung“, erklärte Fischer. Aber gerade bei Kindern aus sozialen Randgruppen blieben Talente und Begabungen oft unerkannt. „Auch begabte und leistungsstarke Schüler brauchen eine ihnen angemessene Unterstützung“, sagte Fischer. Möglich sei dies allerdings nur, wenn das deutsche Schulsystem stärker auf selbstständiges Lernen setze.

Ein Grund, warum Begabungen bei Kindern oft nicht erkannt werden würden, sei die vorherrschende Vorstellung des hochbegabten Überfliegers und Alleskönners. „Auch bei einem einzelnen Kind kann eine Paarung von Stärken und Schwächen auftreten“, sagte Fischer. So sei es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche besonders begabt in Mathematik seien. „Das könnte daran liegen, dass das Kind hervorragend visuell-räumlich denken kann und hauptsächlich darüber lernt. Dafür kann es dann aber sein, dass sein verbal-akustisches Lernen weniger entwickelt ist.“

Fischer ist Vorstandschef des Internationalen Centrums für Begabungsforschung an der Universität Münster. Bei der Tagung dort werden sich von diesem Mittwoch an rund 1000 Wissenschaftler und Experten aus 40 Ländern über die neuesten Forschungsergebnisse austauschen.

dpa

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